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Full text of "Grundzüge der Criminalpsychologie : auf Grundlage des Strafgesetzbuchs des deutschen Reichs für Aerzte und Juristen"

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HARVARD LAW LIBRARY 



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Grandzflge 



der 




Criminalpsychologie 



auf Grundlage des Strafgesetzbuchs des deutschen 



Reichs 



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für 



Aerzte und Juristen 



von 



V 



Dr. RV von Krafft-Eblng, 

a. o. Professor der PsychiMiie an der ifniversltät Strasoburg. Mitglied de« deutschen 
Vereins der Irrenärzte, des Vereins badiseher Aerzte zur Forderung der Slaatsarznei- 
künde, der medicinischen Ge»«cllscbaft zu Oent, der Sociale de rnt^decine legale und 

der socio te medico-psycbologique zu Paris etc. 



Elrlangen. 



Verlag von Ferdinand,£nke. 

1872. 



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• 5. 



JUL8 1919 



DrnclL yon Junge & Sohn in Erlangen. 



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X.M».i' 



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Herrn 



Dr. Franz von Holtzendorff , 

Professor der Rechte an der Universität zu Berlin 



als Zeichen 



hochachlungsvoller Freundschaft 



der Verfasser. 



V r w r t- 



Die nachfolgenden Blätter sind die Frutjht langjähriger 
Erfahrungen und Studien auf dem Gebiet der .Criminal- 
psychologie und aus dem Wunsch entstanden, Richtern 
und ärztlichen Sachverständigen eine möglichst klare und 
kurz gefasste Darstellung dieser Disciplin für ihre prakti- 
sche Thätigkeit zu bieten. 

Aus diesem Grund konnte nur auf sicher Erworbenes, 
praktisch Wichtiges Bedacht genommen und darauf ver- 
zichtet werden, in theoretische Betrachtungen, weitschwei- 
fige Cita'te und Literaturangaben einzugehen. 

Auch eine casuistische Illustration der einzelnen Ab- 
schnitte schien entbehrlich. Eine reiche Ausbeute von 
Fällen bieten die Werke von Casper, Lim an, Pried- 
reich's Blätter, Henke's Zeitschrift, die Vierteljahrsschrift 
f. gerichtl. Medicin, die deutsche Zeitschrift für Staatsarz- 
neikunde, die Annales medico-psychologiques u. A. 

Bezüglich eingehender Literaturangaben verweise ich 
auf meine früheren gerichtsärztlichen Arbeiten, 

Eine neue Bearbeitung des Gebietes der Criminal- 
psychologie schien mir durch die Aenderungen der Gesetz- 
gebung, wie sie mit Einführung des deutschen Strafgesetz- 



— VI — 

buch es erfolgten, aber auch durch die Fortschritte der 
Wissenschaft und die ungenügende Verbreitung derselben 
geboten. 

Gewisse Mönstreprocesse in jüngster Zeit haben we- 
nigstens gezeigt; wie unklar noch manche Anschauungen, 
wie zäh gewisse Vorurtheile auf criminalpsychologischem 
Gebiet sich erweisen, wie weit die gerichtliche Psychologie 
in ihrer praktischen Verwerthung noch davon entfernt ist 
eine „Psychopathologie" zu sein, wie wenig gewisse Er- 
rungenschaften der Anthropologie, Neuropathologie, empi- 
rischen Psychologie gewürdigt werden. 

Hoffentlich tragen diese Blätter dazu bei in etwas 
Fortschritt und Interesse in einem social und wissenschaft- 
lich' höchst bedeutsamen Gebiet anzuregen. Ich übergebe 
sie der Oeffentlichkeit mit dem Wunsche, dass wenigstens 
der gute Wille des Verf. aus ihnen erkannt und ihnen 
eine ebenso eingehende als belehrende Kritik zu Theil 
werden möge. Es ist mir Bedürfniss an dieser Stelle 
meinen Dank für die Annahme der Widmung meiner 
Arbeit einem Manne auszusprechen, der als eifriger Vor- 
kämpfer für Fortschritt und Humanität auf .dem Gebiet 
der Strdfrechtspflege, Criminalpsychologie und Gefängniss- 
kunde sich verdient gemacht hat, und dem auch ich man- 
che Anregung und Belehrung durch Wort und Schrift 
verdanke. 



Strassburg, im Juni 1872» 



Inhalt. 



Einleitang ' 

Entwicklang und Bedingungen der Zurechnungäfähigkeit 
Zustände, welche dieselbe beschränken oder aufheben . 

A. - Materieller Theil 

I. Das kindliche und jugendliche Alter in foro 
Zur. der Kinder. Gesetzliche Bestimmungen (§. 55 d. Stgsb ) 
Bedingte Z. des jugendlichen Alter?. (§. 56 des Stgsb.) 
Kriterium des Ünterscheidungsvermögens . , . 

II. Psychische Entwicklungshemmungen und Ent 

artungen 

Angeborner oder früh entstandner Schwach- und Blödsinn 
Forensische Beurtheilung dieser Zustände. Unterscheidungs 

vermögen 

Der Blödsinnige. Psychologische Charakteristik 
Der Schwachsinnige. Psychologische Charakterislik 
Zurechnungsfähigkeit derselben «... 

Der Taubstumme. §. 58. des Stgsb. 
Anhang: Das moralische Irresein 

Psychologische Charakteristik 

Kriterien der Unterscheidung von der rein ethischen Dep 

tion des Verbrechers .... 

Fragliche Zur. im moralischen Irresein . 



rava 



Seite 
1 
5 

10 
11 
11 
II 
12 
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28 

31 
35 



— VIII 



lU. Geisteskrankheiten (§. 51. des Strgsb. . 

Schwierigkeiten des Nachweises der Störung der Geistesthätig 
keit als einer krankhaften 

Innere Schwierigkeiten 

Aenssere Erschwerangsgründe • . . ... 

Irrthümliches Kriterium des Unterscheidungsvermögens 

Unzulässigkeit der Annahme einer partiellen Zur. . 

Was ist Geisleskrankheit? 

Kriterien dafür dass die Störung der Geistesthätigkeit 
krankhafte .... 

Erbliche Anlage und Krankheit 

Sonstige organische ätiologische Momente 

Sensorielle (Sinnestäuschungen) sensible, motorische vasomo 
torische Functionsstörnngen -. . 

Wahnideen. Unterscheidung vom Irrthum der Gesunden 

Aufhebung der freien Willensbestimnfiung durch die krank- 
hafte Geislesstörung 

Die Formen des Irreseins 

1) Melancholie 

a) Einfache Gemüthsdepression. Melancholia sine delirio 
Formal^ Störungen im Vorstellen. Zwangsvorstellungen 
Gewaltthaten in Melancholia sine delirio 
Indirecter Selbstmord . . . . 
Mörder der eigenen Kinder .... 
Anhaltspunkte für die forensische Beurtheilung 
Heimwehkranke Brandstifter .... 
Melancholische folie raisonnante 

b) Melanchol.-Verstimmung mit Angstzufällen (rapt. melanchol.) 

c) Die Melancholie auf der Höhe ihrer Entwicklung (melan 

chöl. activa) . ... 
Gewaltthaten aus Sinnesdelirien und Wahnvorstellungen 

2) Die Manie ..... 
Vorkommen. Rechtsverletzungen 
Monomanien. Zurückweisung derselben 
Stehltrieb. Schwangerschaftsgelüste 
Dipsomanie . . . 
Maniakalische folic raiisonnänte 
Periodische Manie und folie circulaire 
Lucida intervalla 
Mania transitoria .... 

3) Wahnsinn und Verrücktheit 




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81 
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82 
85 



— IX - 

Verfolgangs Wahnsinn ' . * . . 87 

Electro magnetischer . 88 

Vergiftungswahn . , ' . 88. 

Wahn ehelicher Untreue 89 

Querulanten Wahnsinn . . « ' 90 

Partielle Verrücktheit 93 

4) Erworbener Blödsinn und Schwachsinn .... 94 

Dementia nach Apoplexie . . . • ... . 96 

Dementia senilis 96 

Dementia paralytica . • 98 

Remissionen in derselben 101 

IV. Zustände krankhafter Bewusstlosigkeit . . 101 

Bewusstlosigkeit gleich Aufhebung des Selbstbewnsstseins . 101 

1) Die Traumzustönde .102 

a) Schlaftrunkenheit 102 

b) Nachtwandeln 105 

2) Die Intoxicationszustände ....... 107 

a) Alkoholismus 107 

Chronischer ....,...., 107 

Delirium tremens 108 

Acute Alkoholintoxication 108 

Strafbare Handlungen im gewöhnlichen Rausch . . . 109' 
Pathologische Rauschzustände mit Aufhebung des Selbstbe- 
wnsstseins 110 

Mania ebriorum acutissima 110 

Prä^isponirende u. accidentelle Momente die sie hervorrufen . 111 
Kriterien dafür dass der Rausch sich als acute Manie gestaltete. . 112 
Beachtenswerthe Punkte für die Expertise . . . .114 

b) Narcotismus 115 

3) Delirium in fieberhaften Krankheiten 116 

4) Epilepsie und Hysterie 118 

a) Epilepsie . . ' 118 

Chronische psychische Störungen bei Epileptikern . . . 119 

Transitorische (^^Mania epileptica^^) 119 

Varietäten der „Mania epileptica'^ 120 

Gewaltthaten in diesem Znstand. Mechanismus derselben . 121 

b) Hysterie 123 

Elementare psychische Störungen bei Hysterischen . . 123 

Rechtsverletzungen, hervorgehend aus solchen . . . 124 

Transitorisches Irresein Hysterischer und Hysteroepileptischcr. 125 
Chronisches Irresein aus Hysterie entstanden . . . .126 



- X - 



Anhaltspunkte für die Bettrtheilung der Zurechnnngsföhigkeit 
5) Pathologischer Affect und Sinnesyerwirrang 
Der gewöhnliche Affect hebt die Zareehnang nicht auf . 
Pathologische Affecte« Entstehungsbedingnngen solcher 
Anhaltspunkte für die forensische Beurtheilnng 

B. Formeller Theil 

Der Angeschuldigte vor dem Untersuchungsrichter 
Einseitigkeit der Beurtheilnng des Seelen zustan des aus aJlge 
mein psychologischen Gesichtspunkten 

Motive der Handinng . 

Die That steht isolirt im Leben des ThSters. Leumund 
Prämeditation, Planmässigkeit schliessen Irresein nicht aus 
Strafbarkeitsbewnsstsein zur Zeit der That 

Reue nach der That 

Anderweitige Inzichten für den Untersuchungsrichter 
Aufgehobene Erinnerung (Amnesie) .... 

Stellung des ärztlichen Technikers 

Vorgehen zur Ermittlung des (Geisteszustands zur Zeit der That 

Fassung des Gutachtens • 

Simulation der Seclenstörungen 

Ermittlung derselben . . . . . 



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Einleitung. 

Das Studium der Criininalpsychölogie ist eines der 
bedeutsamsten im Gebiet menschlichen Wissens; zugleich 
aber auch eines der schwierigsten. 

Die fortschreitende Culturentwickelung der Völker 
hat staatliche Formen geschaffen, Gesetze hervorgerufen, 
die bestimmt sind, die Rechte des Einzelnen wie der Ge- 
sellschaft zu schützen und zu gewährleisten, sie hat aber 
auch Strafen verhängt über Diejenigen, welche diese Ge- 
setze verletzen. Im Anfang des Rechtslebens genügte es, 
eine gesetzwidrige That constatirt zu haben ^ unfl sie dem 
Thäter rechtlich zuzurechnen, ihn dafür criminell verant- 
wortlich zu machen. Ob jene aus einem rechtswidrigen 
Wollen des Thäters erfolgte, darauf kam es in dieser Zeit 
des Jus talionis gar nicht an, geschweige dass man sich 
*damit befasst hätte zu ermitteln, ob diese widerrechtliche 
Willensbethätigung eine freie gewesen wäre. Mit der fort- 
schreitenden Entwicklung der Psychologie und Anthropo- 
logie, mit der besseren Einsicht in die Willensvorgänge 
des Menschen und ihrer Abhängigkeit von innern organi- 
schen und äusseren gesellschaftlichen Bedingungen konnte 
eine solche aus dem blossen äusseren Thatbestand ge- 
folgerte rechtliche Verantwortlichkeit, die nothwendig auch 
die Handlungen des Kindes und des Wahnsinnigen straf- 
bar finden musste, nicht mehr genügen. Mehr und mehr 

V. Krafft*£bing, Grimiiialpsychologie. 1 



■ ^ 



— 2 



musste die üeberzeugung Raum gewinnen , dass der 
Schwerpunkt für die Beurtheilung der rechtlichen Verant- 
wortlichkeit des Thäters nicht in der Grösse des objek- 
tiven Schadens, den er etwa verursacht hatte, zu suchen 
sei, sondern vielmehr in deya Umfang, in welchem seine 
widerrechtliche Willensbethätigung dabei eine freie ge- 
wesen war. Als die Grundbedingungen eines solchen 
freien Handelns ergaben sich aber nothwendig 1) die 
Erkenntniss der Rechtswidrigkeit der gewoll- 
ten Handlung (libertas judicii), 2) die Willkür des 
Handelnden, sich für die Begehung oder Unter- 
lassung seiner Handlung frei zu entscheiden 
(libertas consilii). \ 

Auf dieser Erkenntnissstufe steht das heutige Straf- 
recht aller civilisirten Nationen. Die Strafe muss der 
Grösse der rechtlichen Verschuldung entsprechen. Diese 
ist nicht äquivalent dem objectiven Schaden welchen der 
Thäter verursacht hat, sondern dem Umfang, in welchem 
seine widerrechtliche Willensbethätigung eine freie war. 
Das Hauptgewicht der Schuldfrage liegt somit nicht in 
dem objectiven sondern vielmehr in dem subjectiven 
Thatbestand, ja es sind Fälle denkbar, wo durch äusseren 
physischen oder inneren organischen- Zwang der Wille 
nur nach einer Richtung sich bethätigen konnte, keine 
andere Wahl hatte — die Zurechnung ist damit noth- 
wendig ausgeschlossen, das Individuum ist zurechnungs- 
unfähig. 

Fixiren wir vorläufig die gewonnenen Resultate, so 
ergeben sich 2 Bedingungen der strafrechtlichen Zu- 
rechnung: 

1) ein objectiver Thatbestand mu«s gegeben sein — 
eine rechtswidrige That muss aus dem Wollen eines 
Individuums hervorgegangen sein; 

2) das Wollen, welches die That veranlasste, muss ein 
freies gewesen sein. Ein solches Wollen muss aber 
2 Bedingungen aufweisen: 



— 3 - 

a) es muss die rechtswidrige Bedeutung der That ge- 
kannt haben (libertas judicii), 

b) es muss im Stand gewesen sein, sich für die Aus- 
führung oder Unterlassung der That zu entscheiden 
(libertas consilii). 

Wo diese beiden Momente gegeben sind, da besteht 
juristische Zurechnungsfähigkeit, wo eines der beiden 
fehlt, ist sie aufgehoben. 

Das erstere umfasst die Fähigkeit eines Individuums, 
die Beschaffenheit, Verhältnisse und Folgeq seiner Hand- 
lungen zu erkennen, das letztere die Fähigkeit sich aus 
Gründen der Nützlichkeit, Zweckmässigkeit, Sittlichkeit 
für Begehung oder Unterlassung einer strafbaren Hand- 
lung zu bestimmen. 

Die juristische und moralische Zurechnungsfahigkeit 
sind Begriife die sich nicht decken und aus einander zu 
halten sind. Die letztere ist nur vorhanden, wenn die 
Entscheidung a6s ethischen Motiven, aus Gründen der 
Sittlichkeit stattfindet, die erstere setzt einfach freie 
Selbstbestimmungsfähigkeit voraus, gleichviel ob die 
Selbstbestimmung für Begehung oder Unterlassung nur 
aus egoistischen Gründen der Nützlichkeit, der Furcht 
vor Strafe z. B. oder aus höheren ethischen Motiven er- 
folgte. Die moralische Z. ist somit eine höhere Stufe der 
juristischen , sie umfasst auch ein weiteres Gebiet als 
diese, insofern sie sich auf Handlungen bezieht, die vom 
Gesetz gar nicht als strafbar bezeichnet sind, obwohl sie 
Tor dem Forum der moralischen Z. als unmoralische er- 
scheineo, z. B. Verführung, Lüge etc Die psychologische 
Z. fällt wesentlich mit der juristischen zusammen, bildet 
ihre Voraussetzung. Sie ist vorhanden sobald a) Unter- 
scheidungsvermögen im Sinne der juristischen Z., b) Frei- 
heit der Wahl gegeben sind. 

Das heutige Strafrecht fusst somit wesentlich auf. der 
Selbstbestimm ungsfahigkeit jies Individuums. Diese ist 
die conditio sine qua . non jeglicher Verantwortlichkeits- 
fähigkeit vor dem Gesetz. 

1* 



- i^ ■ 

Der Rechtswissenschaft ist der Begriflf der Selbstbe- 
stimmungsfahigkeit ein rein empirischer. 6ie kümmert 
sich dabei weder um metaphysisch speculative Fragen, 
ob das Vermögen der freien Willensbestimmung ein abso- 
lutes, apriorisches, angebornes sei, noch um dieEinwürfia 
des Materialismus; deip ein solches überhaupt läugnet - 
sie fusst auf der rein empirischen Thatsache, dass in 
einem gewissen Lebensalter, das sie gesetzlich festgestellt 
hat, das dem betr. Staat angehörige Individuum die gei- 
stige und körperliche erforderliche Fähigkeit erworben 
hat,, die rechtliche Bedeutung einer von ihm gewollteh 
Handlung zu erkennen ( ünterscheidungs vermögen) und 
zwischen ihrer Begehung' und Unterlassung zu wählen 
(Willensfreiheit). 

Aber dieses gesetzlich erforderliche Mass körperlicher 
und geistiger Reife kann durch innere organische (Hirn- 
krankheiten) oder äussere gesellschaftliche Bedingungen 
(mangelnde Erziehung, schlechtes Beispiel) zur gesetzlich 
nörmirten Zeit nicht erfüllt sein, es können organische 
Processe auch nach erfolgter Reife dauernd (Geisteskrank- 
heiten) oder vorübergehend (Traumzustände, .Fieberdeli- 
rium, Intoxication etc.) den psychischen Mechanismus, so- 
weit er die Bedingungen der Zurechnungsfahigkeit ent- 
hält, in Unordnung gebracht oder vernichtet haben, es 
kann durch äussere Bedingungen (Zwang) die virtuell 
vorhandene Freiheit des Entschlusses aufgehoben sein. 
Die Ermittlung und Beurtheilung derartiger Einflüsse auf 
die cardinale Frage der Zurechnung bildet den ebenso 
interessanten als schwierigen Vorwurf der Criminalpsycho- 
logie und soweit jene durch organische Processe vermit- 
telt sind , wird sie . zur gerichtlichen Anthro'pologie und 
Psychopathologie. • 

In der Regel reicht zur Ermittlung und Beurtheilung 
dieser organischen Einflüsse die Erfahrung des Richters 
nicht aus, er bedarf dazu eines sachverständigen Kenners 
derselben, eines Arztes; die gerichtliche Anthropologie 
bildet damit einen Zweig der medicinischen Wissenschaft^ 



y 



- 5 ^ 

ist; wie die gerichtliche Medicio überhaupt, Anwendung 
und Verwerthung medicinischer Erfahrungen für die 
iZ wecke der Rechtswissenschaft, hier speciell für die wich- 
tigste Aufgabe derselben, für die Frage des subjectiven 
Thatbestands als der Grundbedingung der Zurechnung. 

Von der richtigen Lösung dieser Aufgabe hängt aber 
nicht blos die Sicherheit und Würde der Rechtspflege, die 
jsonst in beständiger Gefahr ist, Justizmorde zu begehen, 
sondern auch nichts Geringeres als Freiheit, Leben und 
Ehre der Angeschuldigten ab. Dass der Arzt der allein 
geeignete und befugte Sachverständige dabei sei, bedarf 
kaum der Erwähnung. Nur zu einer Zeit wo die Psy- 
chiatrie noch in der Kindheit war und man sich darüber 
stritt, ob beim Geistesgestörten die immaterielle Seele 
oder das Gehirn erkrankt sei, konnte ein Philosoph wie 
Kant auf den Abweg gerathen, die Frage der vorhande- 
nen oder fehlenden Selbstbestimmungsfähigkeit der Do- 
piaiiie des Philosophen zu überweisen und die Competenz 
des Arztes "zu ihrer Feststellung zu bestreiten* 

In die practisch tiefbedeutsame, theoretisch die höch- 
sten und schwierigsten Fragen des menschlichen Lebens 
berührende Wissenschaft der Criminalpsychologie einzu- 
führen, die bisher gewonnener^ Resultate vorzulegen, 
möge die Aufgabe der folgenden Zeilen sein. 

. . Entifiddmi; und Bediugniigeii der Znrechnungsfähi^eit. 

Die gerichtliche Anthropologie hat die Aufgabe, im 
corfcreten Fall zu ermitteln, ob ein Individuum körper- 
lich und geistig so entwickelt und beschaffen ist, dass die 
Bedingungen der Zurechnungsfähigkeit — Unterscheidungs- 
vermögen und Willkür des Handelns gegeben sind, und 
im verneinenden Fall, nachzuweisen, inwieweit und durch 
welche organische Processe diese Fähigkeiten gestört oder 
aufgehoben sind. Sie bewegt sich bei dieser Untersuch- 
ung rein auf dem Boden ärztlicher Erfahrung und Beob- 
achtung und hat dabei ebensowenig die Frage der Z. 



- 6 - 

als eines rein angewandten und juridiachen Begriff 
fes zu lösen , als sich in die metaphysisch speculative 
Untersuchung einer abstrakten Willensfreiheit zu ver- 
lieren. 

Die freie Willensbestimmung, welche 3ie zu unter- 
suchen hat, ist somit eine ganz concrete, individuelle. Um 
dieser Aufgabe gerecht zu werden, hat die gerichtliche 
Anthropologie zunächst zu ermitteln, welche psychischen 
Fähigkeiten erforderlich sind, um die vom Gesetz gefor- 
derte Reife als vorhanden anzuerkennen , wie sie sich 
entwickeln, welche inneren und äusseren Bedingungen sie 
in der Entwicklung hemmen oder ihren Verlust erzeugen 
können, und die Zeichen anzugeben, aus welchen das, po- 
sitive Vorhandensein solcher Momente, der Umfang ihrer 
Wirkungsweise ermittelt werden kann. 

Der ersten Aufgabe entspricht die Psychologie des 
gesunden Lebens, der zweiten die psychologisch- anthro- 
pologische Entwicklungsgeschichte, der dritten die Psycho- 
pathologie, die wieder, soweit psychische Krankheiten die 
Bedingungen der Zurechnungsfähigkeit aufheben, Psychia- 
trie ist, die letzte besteht in der Anwendung der Psycho- 
pathologie auf den concreten Fall, sie wird erfüllt von 
der gerichtlichtlichen Psychopathologie. 

Wir wenden uns zunächst zu einem Ueberblick über 
die Entwicklung des menschlichen Seelenlebens. Die 
ersten geistigen Aeusseruugen des menschlichen Lebens 
beschränken sich auf nach den Gesetzen des Reflexes vor 
sich gehende Bewegungen. Sinnliche Gefühle, Organ- 
empfindungen erzeugen einfache, jedenfalls . ungewollte, 
unbeabsichtigte Bewegungen. Auf dieser Stufe verharrt 
das kindliche Seelenleben geraume Zeit, bis aus den ein- 
wirkenden Empfind ungseindrücken durch Verschmelzung 
gleichartiger und Differenzirung ungleichartiger sich sinn- 
liche Vorstellungen bilden, die sich allmälig mit ein- 
ander verbinden, von der ursprünglichen sinnlichen Quelle 
losmachen, zu allgemeinen Vorstellungen, BegriflFen, Ur- 
theilen und Schlüssen verarbeiten und. schliesslich, zu- 



- 7-, - . 

sammengehalten durch das Bewusstsein der Einheit des 
Körpers, zu einem Complex von Vorstellungen (Ich), der 
der Aussenwelt und somit auch jeder neu auftretenden Vor- 
stellung sich gegenüber stellt, sich gestalten. An die Stelle 
des maschinenartig ablaufenden Reflexvorgangs, der durch 
blosse sinnliche Reize angeregt wurde, treten jetzt Vor- 
stellungen. Das Kind, ursprünglich gleichgestellt dem 
Thier, dem blos Empfindungen und Gefühle den Impuls 
zu seinem triebartigen Bewegen abgeben, hat eine höhere 
Stufe seiner psychischen Entwicklung, erreicht. 

Insofern die aufstrebenden Vorstellungen sich bei ihm 
mit Bewegungsanschauungen verbinden und in solche 
sich umsetzen, kann jetzt von einem Wollen die Rede 
sein, aber dieses Wollen ist noch lange kein freies, es 
ist höchstens ein zwangsmässiges. Damit es zu einem 
freien werde, ist nöthig, dass dieser das Ich repräsen- 
tirende Vorstellungscomplex intensiv und extensiv sich 
weiter ausbilde, ferner eine ungehinderte und geübte 
Ideenassociation, die sein jeweiliges JEintreten vermittelt. 

Die erstere Bedingung erfüllt sich nun in dem Masse, 
als fort und fort neue Vorstellungen aufgenommen, zu 
Urtheilen und Begriffen verarbeitet werden und so das 
Ich bereichern. Die Empfindungen und Vorstellungen 
schlagen dann nicht mehr einfach in Bewegungen und 
Handlungen um, es bildet sich vielmehr ein Zwischenge- 
biet individuell stärkerer und schwächerer, klar oder we- 
niger klar entwickelter Urthetle, Begriffe, Anschauungen 
über Nützlichkeit, Sittlichkeit der concreten intendirten 
Handlung, die auf einer gewissen Höhe der geistigen Ent- 
wicklung das jeweilige Vorstellen beeinflussen und zur 
Abwägung der Gründe und Gegengründe veranlassen. 

Das Auftreten dieser controlirenden, beeinflussenden, 
hemmenden und contrastirenden Vorstellungen vermittelt 
nun die Ideenassociation. 

Diese allein liefert die Möglichkeit einer Wahl, d. h. 
der vernünftigen Prüfung und Werthschätzung der mög- 
lichen Arten von Wollen je nach der Nützlichkeit, Sitt- 



— 8 — 

licbk^it ihrer Motive und der Bevorzugung des am mei- 
sten gebilligten. Eine psychologische Zurechnungsfähig- 
keii ist demnach nothwendig nur möglich y wenn das 
Vermögen der Wahl, soweit es durch die Ideenassocia- 
tiqn vermittelt wird, ungehemmt ist und festerworbene Be-. 
griffe von Nützlichkeit, Recht, Sitte, Anstand zur Beein- 
flusßung. des jeweiligen concreten Wollens zu Gebot 
stehen. 

Je nach dem ReichthiKn dieser ethischen, rechtlichen, 
intellectuellen Vorstellungen und Begriffe, deren Summe 
wir den Charakter nennen und dessen Gehalt wieder von 
der originären Anlage, der Ausbildung und Erziehung 
abhängt, je nach der Leichtigkeit und Uebung mit der 
jene ixö Bewusstsein angeregt werden, ergeben sich na- 
türlich unendlich viele Gradationen eines sich selbst be- 
stimmenden Wollens 

Wir müssen es der Psychologie überlassen, zu unter- 
suchen, wie sich diese weiter abstufen und ob sie sich 
überhaupt je zur Stufe des absolut freien Wollens erheben 
oder immer nur auf der eines relativen bleiben -— nns 
interessirt für unsere Zwecke nur diejenige Höhe des 
freien Wollens, welche die Rechtspflege zur Erfüllung der 
gesetzlichen Vorschriften fordert. Eine absolute Freiheit 
im Sinne der Philosophen dürfte es wohl nie geben; die 
Ansprüche die der Staat an das individueHe Wollen 
macht, beschränken sich immer auf ein relatives freies 
Wollen, auf die Forderung des Vermögens die Vorstel- 
lungen gegen einander abzuwägen und bis zu einem ge- 
wissen, von der Gesellschaft als Norm festgehaltenen 
Grade das Gewicht der sinnlichen egoistischen Regungen 
zu Gunsten abstrakter, vernünftiger, " dem Sitten- und 
Staatsgesetz entsprechender Vorstellungen zu vermin- 
dern. Ob ein Plus von diesem Vermögen vorhanden sei, 
daraufkommt es dem Staat gar nicht an, nur das Minus 
interessirt ihn, denn das Gesetz kann nur an freie Bürger 
gerichtet sein Der Staat würde Unbilliges fordern und 
selbst Recht und Gesetz vernichten^ wenn er Den zur 



Rechenschaft ziehen wollte, der das Gesetz nicht ver- 
stehen und dasselbe nicht zur Richtschnur seines Han- 
delns machen konnte. Es wäre dies ein ebenso empö- 
rendes Unrecht wie wenn man den Gelähmten prügeln 
wollte, weil er sich nicht von der Stelle bewegen kann. 

Die nothwendigen Attribute eines freien Handelns im 
Sinn der vom Staat geforderten Norm haben wir aber 
zu suchen: * 

1) in einem genügend ausgebildeten intellectuellen 
und sittlichen Charakter, der die ITeberzeugung von der 
Nützlichkeit und Nothwendigkeit einer gesetzlichen und 
staatlichen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens 
verschafft, die Kenntniss der Bedeutung der Gesetze für 
diesen Zweck , der Folgen ihrer Uebertretung für die, 
eigne Person und die Gesellschaft ermöglicht, somit ein 
genügendes Gegengewicht den beständig aus der egoisti- 
schen Natur des Menschen öich erhebenden sinnlichen 
Antrieben und Begierden entgegensetzen kann; 

2) in der Möglichkeit einer sofortigen Geltendmach- 
ung dieses Vorstellungscomplexes, m. a. Worten, die Mög- 
lichkeit einer ungehemmten Ideenassociation, wozu vor 
Allem ein ungestörter Ablauf der Vorstellungen nach 
psychologischen Gesetzen und eine ungetrübte Besonnen- 
heit erforderlich sind. 

Es ist ersichtlich , wie mannichfach und complicirt 
die Bedingungen für das Zustandekommen eines freien 
Handelns sind und wie leicht Störungen dieser höchsten 
geistigen Processe durch innere organische und äussere 
Bedingungen eintreten können. Der Charakter und die 
individuelle Höhe der Selbstbestimmungsfähigkeit sind 
Produkte der originären Hirnorganisation und der äusse- 
ren hemmenden oder fördernden Einflüsse, welche diese 
getroffen haben. Die Ermittlung ihrer Wirkung auf die 
individuelle Handlungsfähigkeit ist vielfach eine schwie- 
rige. Der gerichtlichen Anthropologie erwächst damit ein 
wichtiges und umfassendes Gebiet ihrer Wirksamkeit. 
Die Bedingungen der Möglichkeit einer Selbst- 



• - 10 — 

bestimmungsiBhigkeit können nun geändert oder aufge- 
hoben sein: 

L Durch noch nich;t erfüllte Reife der körper- 
lichen und geistigen Entwicklung eines 
zur Erreichung jener Reife befähigten In- 
dividuums (kindliches Alter). 
II. Durch Hemmungen der Entwicklung und 
Entartungen, welche das Gehirn vor er- 
reichter Ausbildung getroffen haben (Idiotie, 
Schwachsinn mit perversen Trieben, angebornes mo- 
i'alisches Irresein). 
III. Durch Krankheitszustande^ welche nach 
erfolgter Entwicklung die psychichen Pro- 
cesse gestört haben (Geistesstörungen). 
IV* Durch vorübergehende Störungen der psy- 
-chischen Leistungsfähigkeit in Folge transi- 
fcorischer Beeinträchtigung der Hirnfunk- 
tionen (Traumzustände, Fieberdelirium, Alkohol- 
intoxication, transitorische Psychosen). 



A. Materieller Theil. 

I. Das kindliche und jugendliche Alter in Foro. 

(Zustand der Kindheit üöd Unmündigkeit.) 

Die Gesetzbücher fast aller Länder haben einen Zeit- 
punkt festgesetzt, von welchem an erst eine stral^gerichl- 
liche Verfolgung stattfinden kann. Der §. 55 des Straf- 
gesetzbuchs bestimmt, dass Der welcher bei Begehung 
einer Handlung das 1'2. Lebensjahr noch nicht vollendet 
hatte, strafrechtlich nicht verfolgt werden kann. 

Aehnliche Bestimmungen enthalten die Strafgesetz- 
bücher der meisten Völker, nur ist je nach der früheren 
oder späteren körperlichen und geistigexi Reife der be- 
treffenden Nationalität, die wieder von Clima, Ra^e, Cul- 
turentwicklung abhängig ist, der Zeitpunkt der strafge- 
richtlichen Verfolgbarkeit bald früher bald später gegriffen. 
In diesem Alter der Kindheit gilt vorweg die Annahme, 
dass von einer freien Selbstbestimmungsfähigkeit noch 
nicht die Rede sein kann. Kinder unter 12 Jahren haben 
noch keine Vernunft, noch kein volles ethisches Verständ- 
niss für die Bedeutung der Handlung und der Strafe. 
Beide -stehen für sie fast ausschliesslich in einem Causa- 
litätsverhältniss, insofern sie einfach wissen, dass wenn 
sie gewisse Dinge thun, sie gestraft werden. Aber schon 
beim Kind erwacht das Gewissen, schon das Kind be- 
ginnt Böses von Gutem zu unterscheiden; diese begin- 
nende ethische Zurechnungsiahigkeit involvirt indessen 
noch nicht das Bewusstsein der rechtlichen Verant- 



- 12 - 

» • 

wortlicbkeit der ^Handlungen. Der Staat kann deshalb 
auf die Beeitrafung de$ Kindes Ferzichten, wohl aber 
köwen es. Famili^ un^ Erzieher zu Zwecl^en der Jglrzieh: 
ung züchtigen. 

Auch d6n Zeitraum vom 12. bis 18. Lebensjahr be- 
legt das Btrafges6tzl)uch mit einer geringeren Strafe, JE^rst 
mit dem ^zurückgelegten 18.,Lebenqahr beginnt das Alter 
der vollen Zurechnungsföhigkeit. 

Der S« 56 des deutschen Strafgesetzbuchs bestimmt, 
dass ein Angesqhuldigter der zu einer Zeit wo er das.. jt2. 
aber nicht das 18. Lebensjahr zurückgelegt hatte, eine 
strafbare Haodluiig begangen hat, freizusprechen i6t,/wenn 
er bei Begehung derselben die zur Erkenntni^s .ihr^ 
Str^ifbarkeit erforderliche Ginsicht nicht besass — .. besass 
er sie aber, so traten geringer.e Strafen ein ; es kann ge- 
gen ihn nicht auf Todesstrafe oder Zuchthaus , noch a«f 
Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden, 
sondern, nur auf Gefangnissstrafe von kürzerer «Dauer^ 
und. seji^ Strafe ist in besonderen, zur Verbüssui^ von 
Strafen jugf^ndlicher Persoaen bestimmten Anstalten ofler 
Räumen zu vollziehen. Mit dieser Anerkennung einer 
intermedi^iren Stufe der Zurechnungsfahigkeit zwischen 
der feblei^d^n des Kindes und der vollen des Erwachse- 
nen gibt die Gesetzgebung einer, wichtigen aothropologi- 
sohen Tbatsache Ausdruck» Die Entwicklung dei^ <.Cba- 
j:akters und des sittlichen Gefühls ist ein§ allmälige^ ; nicht 
sprungweise. Das Recbtsgefühl ist zwar schon erwacht 
»nd damit beginnt das kritisdie Alter der ßeife^ der>cri- 
noinalistiscb^Ei Zurjechnungsföbigkeit, aber diese ist na^h 
eine unvollkommene und fragliche^ Keine Präsumption 
für und wider ist hier zulässig. Die Pflicht des Staats 
einzuschreiten ist vorhanden, aber, der Fall muss als ein 
concreter beurtheilt werden. Als das Kriterium der Zu- 
rechnungsfähigkeit in diesem kritischem Alter gilt das 
Un terscheidungs vermögen , das hier als identisch dem 
Rechtsbew.usstsein , d. h. der Einsicht in die gesetzliche 
Strafbarkeit der Handlung und ihrer Folgen zu setzen ist. 



- 1^ -- 

Fehlfe es, 8ö ist der Thäter gleich dem Kind iitiler 12 
Jaihlren zu erächten, ist es vorhanden, so trifft idenThltfter 
niäht die Sträfö des Vollsinnigeh, deM das volle Bevrassti 
sein der That und aller ihrer Folgen^ die Begriffe Vöh 
bttrgeriieher Ehre sind noch kaum vorhanden, namentlich 
fehlt aber die zweite Bedingung derZurechBUngsfähigköit; 
ein sittlich klüftiger Wille, ' Die Sinnlichen Ad triebe sidd 
mächtig, der Mechanismus eines freien WoIIens noch nicht 
geübt und gekräftigt, die moralischen ürtheile hafteti noch 
lose, sitid noch nicht in Fleisch und Blut über'gegÄngeti'e 
Bestandtheile des Ichs. 

Nicht genug zu warnen ist aber davor, dass die Frage 
des Unterscheidungsvermögens zu leicht genommen wird. 
Es kommt bei strafbaren Händlungen solteher noch halb 
kindieeh^rjtmger Leute nur zu häufig vor, dass erst na6h 
der That , wenn der Thäter den voü ihm angeHcht^ten 
Schaden überschaut, die Polgen jeher empfindet, er hiri« 
tennaöh das rechtliehe ünterscheidungsvermögen bekotoimt, 
dder däsflf es erst durch die Vorstdlungen der Angehöri- 
gen, der Geistlichen und Untersuchungsbeamten in ihm 
erwfeckt wird. ■ 

Allgemeitie Regeln für die Annahme ob UnteröcheV 
duhgs vermögen oder nichik vorhanden Sei, kötiiien hlet 
flicht gegeben Werden, jeder Fall ist eben als (Bin conöre- 
ter aufzufassen. Es komhit hiebei auch viel tinf die Art 
der Handlung an. Ein Diebstahl, eine müthwiltige Be- 
schädigung konnten vielleicht in ihrer rechtlichen Bedeu- 
tung überschaut' werden, während- andrerseits bei einer 
Brandstifliung der Thäter sich nicht vergegenwärtigte, wel- 
che möglichen Folgen seine Handlung haben, dass Men- 
schenleben zu Grunde gehen, der Brahd du^ch besondre 
Umstände weitere Dimensionen, als er beabsichtigte, an- 
nehmen konnte. Von grossem Werth ist es, dass das 
Strafgesetzbuch den Zeitpunkt der Unmündigkeit bis zum 
18. Jahre hinausgerückt hat, da bis zu diesem Lebensalter 
erst die geschlechtliche Entwicklung beendigt ist, und ge- 
rade diese häufig zu krankhaften Verstimmungen und 



— 14 - 

Geistesstörungen V die sonst leicht übersehen würden, An- 
lass gibt . 

Von dem Eintreten neuer Functionen bisher ruhender 
Organe, wie sie die Pubertätsentwicklung bedingt, können 
die Funktionen des Nenr^isystems , namentlich des 6e- 
biroS; nicht unbeeinflusst bleiben. Schon die normale Ge- 
schlecfatsentwicklung geht mit Aenderungeu der Gefühls- 
lage^ einer totalen Umgestaltung des ganzen Wesens einher, 
mit oft sehnsüchtig weichen , hypochondrischen , welt- 
sohmerziicben Stimmungen, mit Neigung zu* Romantik und 
Phantasterei. • • 

Gesellen sich dazu eine erbliche Anlage zu Geistes- 
krankheiten, geschlechtliche Verirrungen wie Onanie, 
Neurosen wie Hysterie, bilden sich Anämie oder Chlorose 
auS; erfährt die Pubertätsentwicklung Störungen (Menstrua- 
tio niuiia, difficilis etc.), so nid^mt leicht in solchen Fällen 
die Verstimmung eine krankhafte Höhe an^ verbindet sich 
Init Angstgefühlen, Sinnestäuschungen, entwickelt sich zu 
Heimweh, und dapn können strafbare Hapdiungen bedingt 
werden, die meist in Brandstiftung — dem zunächst lie- 
genden Gegenstand, bestehen. 

Man hat daraus ganz unnöthigerweise einen Brand- 
Stiftungstrieb, eine Monomanie gemacht, indem man die 
grundlegiiche Geinüthsstörung übersah, zum Theil auch 
einfache, unüberlegte Akte der Rache, der Sehadenfreude; 
des Muthwillens kindischer, haltloser, junger Leute mit 
wirklich pathologischen aber in ganz andrer Weise zu 
deutenden Handlungen kritiklos zusammengeworfen. Wir 
werden die pathologischen Fälle von Brandstiftung bei der 
Melancholie, zu welcher sie fast ausschliesslich gehören, 
näher kennen lernen. 

Es liegt auf der Hand; dass mit dem vollendeten 18. 
Lebensjahre die Zurechnungsfähigkeit nicht über Nacht 
kommt, sondern dass sie, wie wir gesehen haben, nur das 
praktische Resultat einer gewissen Stufe körperlicher und 
geistiger Reife darstellt. Wir wissen ferner aus der Ent- 
wicklungsgeschichte, dass erst mit vollendetem 21. Jahr 



- — 15 — 

das menschliche Gehirn seine volle Dntwickliingshöfae er« 
reicht hat, und dass die psychische Leistungs- resp. die 
Zurechnungsfahigkeit quantitativ und qualitativ von der 
Entwicklungshöhe und Integrität des psychischen Organs 
abhängt. All dies berechtigt zur Forderung, dass der Rich- 
ter ein umso grösseres Augenmerk auf den Geisteszustand 
jugendlicher Verbrecher richten möge, je näher sie noch 
der Schwelle des zurückgelegten 18. Lebensjahres stehen^ 
Lässt das Gesetz das Alter bürgerlicher Reife und Selb-^ 
ständigkeit doch erst vom zurückgelegten 21. Jahr an ein- 
treten. Es bestehen somit bedeutende Unterschiede zwi- 
schen dem Alter der criminellen und civilrechtlichen Reife, 
ein Unterschied von 3 Jahren. 

Es hat Schriftsteller gegeben, «welche dieses verschie- 
dene Mass tadelten und verlangten, dass ein gemeinsamem 
Alter für den Zeitpunkt der beginnenden criminellen Ver- 
antwortlichkeit und bürgerlichen Verfügungsfreiheit festge- 
setzt werden solle. 

Meines Erachtens ist diei Gesetzgebung auf (dem richn 
tigen Standpunkt, indem sie die criminelle Reife früher 
annimmt als die ciyile, denn das auf die Kenntniss des 
Sitten- und Strafgesetzes sich gründende Unterscheidung^- 
vermögen und die durch Festigung des Charakters erwör-* 
bene Widerstandsfähigkeit gegen die Macht sinnUcher, 
egoistischer Antriebe darf früher vorausgesetzt werden, 
als diejenige Reife der Lebenserfahrung und Besonnetiheit^ 
welche zur bürgerlichen Selbständigkeit nöthig ist. 

Ob es freilich gestattet ist, einen Geisteskranken, der 
deshalb entmündigt ist, noch criminell zu belangen und 
zu bestrafen, ist eine andere Sache. Die Berechtigung" 
da^u darf nicht aus der Analogie eines. physiologischen 
ZustandSy wie er beim Unmündigen besteht und zur Aufstel* 
lung verschiedener Termine d^* Zurechnungsfahigkeit und 
Dispositionsfähigkeit Anlass gibt, geschöpft werden. 

Immerhin dürfte die Zeit bis zum 21. Jahr einen Mil- 
derungsgrund für ein begangenes Verbrechen abgeben, 
denn so scharf können wir nicht die psychische Leistungs- 



— 16 — 

fähigkeit beurtheilen, dass wir mit Sicherheit immer ihre 
volle Höhe in diesem Alter bestimmen könnten. Wohl 
Mancher dürfte sich aus dieser Lebenszeit an leichtsinnige, 
nmthwillige, selbst minder strafbare Handlungen erinnern, 
die er in gereifterem Alter als unpassend, unrecht beur- 
tbeilte und nicht mehr begehen würde. Aber die Zeit des 
18. Lebensjahrs ist nur dfe Norm für die Mehrzahl d«r In- 
dividuen. Es gibt deren viele Ausnahmen. Wie bei Man- 
chen die körperliche Entwicklung, z. B, die Menstruation 
viel später eintritt als bei der Mehrzahl , so g^ht es auch 
mit der psychischen Entwicklung. Der Eine erreicht sie 
später als der Andere, ohne dass gerade ein pathologi- 
scher Zustand diese verspätete Entwicklung bedingte, und 
man trifft zuweilen Meivschen mit 20 Jahren und darüber, 
die kaum die sittliche Reife und Selbständigkeit eines 
15 Jährigen besitzen, namentlich dann, wenn zu der ver- 
späteten Entwicklung noch der Eintluss einer mangelhaf- 
ten intellectuellen und ethischen Ausbildung kommt, oder 
die Erziehung gänzlich mangelte. Diese Umstände fordern 
Beachtung, denn nur, für den Menschen kann die Strafe 
von Werth und gerechtfertigt sein, der ihre ethische Bedeu- 
tung zu würdigen weiss, sonst wird sie zur Grausamkeit 
oder wenigstens zum starren Formalism\is. 



IL Psychische EatwicklungshemmungejQ und Ent- 
artungen. 

Eine äusserst wichtige criminalpsychologische Cc|tego- 
rie von Menschen bilden diejenigen, bei welchen durch 
eine congenitale oder in früher Lebenszeit eingetretene 
Hirnerkrankung die geistige Entwicklung auf der Stufe, 
welche sie damals einnahm, stehen blieb, oder sich nur 
um ein Geringes weiter bewegte, oder eine pathologischQ. 
Richtung annahm, Es ergibt, sich daraus eine unendliche 
Reihe von einzeln mit einander verglichen ein Plus oder 
Minus darbietenden, insgesammt aber der geistigen Höhe 



— 17 - 

"j 

eines normalen oder Durchschnittsmenschen gegenüber- 
gestellt^ nie die criminelle Reife eines solchen örreichehden 
Individualitäten; die forensisch durchaus concret und indi- 
viduell behandelt werden müssen. Die Repräsentanten 
dieser Categörie kann man als die Schwach- und Blöd- 
sinnigen bezeichnen, forensisch-psychologisch gleich ste- 
hen mit ihnen die Taubstummen. 

Häufig handelt es sich um fötale Entwicklungskrank- i 
heiten des Gehirns, um zu frühzeitige Verwachsung der 
Schädelnähte und dadurch gehemmte Qehirnentwicklung, 
die sich dann auch in einer allgemeinen Kleinheit iiör 
Schädeldurchmesser kundgeben -kann; in der Mehrzahl der 
Fälle aber um Erkrankungszustände des Gehirns ehtzünd- 
licher oder congestiver Natur in der Kindheit, um Ent- 
zündungen des Gehirns und seiner Häute, oder auch um 
feinere, uns noch unbekannte Störungen der Ernährung 
des* Gehirns , \yie «ie unter dem Einfluss ungünstiger erb- 
licher Verhältnisse der Erzeuger, namentlich der Alkohbl- 
excesse derselben sich geltend machen. Es ist sogar wahr- >, 
scheinlich, dass sonst geistesgesunde und nüchterne Elt^rfi, f 
wenn der Moment der Zeugung zuföllig mit einiar Beräu- f 
schung zusammenfällt, geistesschwachen bi$ blödsinnigen | 
oder auch epileptisch blödsinnigen Nachkommen das Da- : 
sein geben können. 

Die Scala dieser Fälle von congenitalem oder vor been- 
digter Entwicklung eingetretenem SchWÄchsiim ist eine un* 
endlich variable. Auf der untersten Stufe stehen jene abso- 
luten und ganz bildungsunfähigen Idioten, deren Erken- 
nung und forensische Würdigung freilich nicht schwer ist, 
aber die Scala dieser geistigen Insufficienzen erstreckt sich 
von diesen Nullen successiv bis zur Höhe der Vollsinnigen 
und es ergeben sich da wo sich der Zustand dem Niveau 
der Durchschnittsmenschen zwar nähert, aber dieses nicht 
erreicht, forensische Schwierigkeiten, wie sie nicht leicht 
bei einem andern Zustand zweifelhafter Geistesgesundheit 
entstehen können. 

Eine Grundregel bei der Beurtheilung solcher Fälle 

V. Krafft-Ebing, Griminalpsychologie. O 



r 



-=^«i- ^.. ,- "^^nigam 



- 18 — 

• 

ist die, dass man synthetisch und nicht analytisch verfahre, 
dass man die ganze Persönlichkeit nach allen Richtungen 
auflfasse und nicht nach einer Seite hin, die vielleicht be- 
sonders hervortritt, beurtheile. Gerade bei solchen Schwach- 
sinnigen kommt es vor, dass sie eine ungewöhnliche Be- 
gabung für gewisse artistische Leistungen z. B. Musik, ein 
auflfallend gutes Gedächtniss für gewisse Categorien z. B. 
Zahlen besitzen, während ihr geistiges Leben nach allen 
andren Richtungen sich steril und insufficient erweist. 

Bei der psychologischen Beurtheilung des Unterschei- 
dungsvermögens solcher Individuen ist es ebenfalls von 
höchster Wichtigkeit, dass man dies concret' und nicht ab- 
stract auffasse. Solche Schwachsinnige wissen z.- B. ganz 
gut, dass man nicht tödten, nicht stehlen darf, aber sie 
wissen es- nicht aus einem sittlichen und intellectuellen 
Erkenntnissprocess, den sie selbst durchgemacht haben, 
nicht aus einem selbsterworbenen Charakter heraus, der 
das Gewicht ethischer und rechtlicher Motive geltend macht, 
sondern sie wissen es nur abstrakt, sie reproduciren die 
moralischen und rechtlichen Begriffe und Urtheile Andrer, 
abstrakte Katechismus- und Moralbegriffe, die sie mühsam 
ihrem Gedächtniss einverleibt haben. Ein solches abstrak- 
tes Strafbarkeitsbewusstsein involvirt zwar ein allgemeines 
Wissen was Gut und Böse ist, aber nicht die Fähigkeit 
dasselbe auf den eigenen concreten Fall anzuwenden, um 
des Guten selbst willen sich frei für das Gute zu bestim- 
men. Bei Manchen sind auch statt der ethischen Begriffe 
gut und böse nur die niederen egoistischen der Nützlich- 
keit und Schädlichkeit vorhanden. Legt man solchen Leu- 
ten die abstrakte Frage vor, ob diese oder jene Handlung 
Sünde resp. Verbrechen, so bekommt man oft eine ganz 
befriedigende Antwort von einem Menschen, der vollkom- 
men ausser Stand ist, von diesen abstrakten Begriffen eine 
Anwendung auf den eigenen Fall, auf eigne Bewusstseins- 
zustände zu machen. Dann genügen die erborgten Begriffe 
nicht mehr. 

In dieser Richtung wird unendlich oft die Verantwort- 







— 19 - 

lichkeit Schwachsinniger überschätzt. So wenig als ira 
inteliectuellen Leben solcher Menschen eine harmonisch 
sich vollziehende, vielleicht die eines Vollsinnigen über- 
treffende Einzelleistung das Urtheil über die Gesammtlei- 
stungsfahigkeit präoccupiren darf, sollte bei der- Beurthei- 
lung des moralischen Ichs und der Höhe des Strafbarkeits- 
bewusstseins durch ein isolirtes abstraktes aber richtiges 
moralisches Urtheil der Begutachter sich täuschen lassen. 
Zu einem freien vernunftgemässen Handeln gehören hö- 
here Fähigkeiten , selbständig gebildete und tief ins Be- 
wusstsein eingelebte rechtliche ethische Begriffe und ür- 
theile — statt dieser finden sich bei Schwachsinnigen 
vielfach nur fragmentäre Reste einer unvollkommenen 
Schulbildung, Gedächtnissrudera halbverstandner Catechis- 
musbegriffe. Man hat sich viele Mühe gegeben, die indi- 
viduell unendlich varjirenden Fälle geistiger Infirmität 
und Imbecillität in Categorien und Gradstufen einzuthei- 
len und. hat dabei mit me^r oder weniger Glück das Ver- 
halten der Sprache als Kriterium benutzt. So unterschei- 
det Krau SS (der Cretin vor Gericht): 

1) Sinnlosigkeit: Hier fehlt die Sprache oder ist 
auf ein Lallen unartikulirter Laute reducirt. 

2) Blödsinn: Die Sprache ist dürftig entwickelt, der 
Sprachreichthum knapp und auf die Sphäre der ma- 
teriellen, einfachsten Lebensbedürfnisse reducirt. 

3) Stumpfsinn: Die Sprache ist hier nicht mehr frag- 
mentarisch, erhebt sich schon zum einfachen Perio- 
denbau, bleibt aber quantitativ und qualitativ auf 

. kindlicher Stufe und an der sinnlichen Vorstellung 

haften. 

•4) Schwachsinn: Die Sprache wird hier reicherund 

nähert sich der des Vollsinnigen, aber sie ist arm 

uud fragmentarisch, sobald es sich um überainnlichQ 

Begriflfe handelt. 

Für forensische Zwecke genügt es vollständig, 2 Haupt- 

categorien aufzustellen, die der Blödsinnigen und die 

der Schwachsinnigen, wobei die Unterscheidung we- 

2 * 



— 20 — 

sentlich darin zu suchen ist, dass bei ersteren die Bildung 
übersinnlicher Vorstellungen, Begriffe und Urtheile mangelt, 
bei letzteren zwar möglich wird, aber nicht den Reich- 
thum und- die Klarheit wie bei Vollsinnigen erreicht. 

Der Blödsinnige: Auf der tiefsten Stufe des Blöd- 
sinns fehlen die geistigen Processe fast vollständig. Die 
Aufnahme von Sinneseindrücken beschränkt sich auf die 
Objekte, an welchen das Nahrungsbedürfniss befriedigt 
wird, und nur das sinnliche Bedürfniss der Befriedigung 
des Hungers veranlasst solche tiefstehende Organisationen 
zu einem triebartigen Bewegen, dem der bewusste Zweck 
mangelt. Der Geschlechtstrieb fehlt noch oder ist nur in 
Anfangen vorhanden. Auf einer weiteren Stufe zeigt der 
Geschlechtstrieb sich schon entwickelt, aber die Art seiner 
Befriedigung erinnert an die der Thiere und nicht selten 
beobachtet man hier ein zeitweiliges brunstartiges Her- 
vortreten desselben. Die Befriedigung des Nahrungstriebs 
bildet noch immer den Mittelpunkt aller psychischen Vor- 
gänge ; statt eines bewussten mit einem vorgestellten Zweck 
verbundenen Strebens besteht ein blosser Bewegungsdrang, 
der nur durch äussere Anregung oder ein starkes sinnliches 
Bedürfniss zur Eutäusserung kommt, und den höchstens 
Dressur und gewohnheitsmässige üebung zu mechanischen 
Leistungen fähig machen. Der Blödsinnige verharrt in 
träger Ruhe, da es ihm an Motiven zum Bewegen fehlt. 
Auch seine ganze Haltung hat das charakteristische Gepräge 
des Schlaffen, Energielosen, das wesentlich dadurch zu 
Stand« kommt, dass die Streckmuskeln geringer innervirt 
sind als bei Vollsinnigen. . Gang und Haltung bekom- 
men dadurch etwas Plumpes, Haltloses, Täppisches ; nicht 
selten finden sich auch Contraciuren , Verbildungen der 
Extremitäten, Atrophien einzelner Muskelgruppen, neben 
Schielen, Stottern und andere Sinnesfehlern in Folge föta- 
ler oder in frühem Lebensalter eingetretener Hirn- und 
Rückenmarkserkrankungen, zuweilen auf eine gleiche Ur- 
sache oder noch fortbestehende Krankheitsprocesse im Cen- 
tralorgan beziehbare partielle Convulsionen, choreaartige 



^- i 



- 21 - 

und epileptoide Zustände. Die Schädelbildung kann eine 
ganz normale sein, häufig ist aber die Stirn flach^, oder es 
finden sich die Formen der Macro-, der Microcephalie oder 
des Cretinenschädels. 

So verschiedenartig die Stufen des Blödsinns sein kön- 
nen, so besteht die trennende Schranke vom Schwachsinn 
doch immer darin, dass die lückenhaften, spärlichen Vor- 
stellungen sich nie vom sinnlichen Element losmachen 
können, dass das Vermögen allgemeine Vorstellungen und 
Begrifi'e, Abstraktionen vom sinnlich Concreten zu bilden, 
vollständig mangelt. Die Reproduktion etwa gebildeter 
Vorstellungen ist unvollkommen, nur auf äussere Anre- 
gung oder ein sich erhebendes sinnliches Bedürfhiss er- 
folgend. Die ganze Vorstellungsreihe läuft dabei rein 
mechanisch ab, wie sie ursprünglich gebildet wurde. Ge- 
müthlicher Regungen ist der vollkommen Blödsinnige nicht 
fähig, Mitgefühl, sociale . Gefühle sind ihm versagt, nicht 
einmal das Bedürfniss eines socialen Lebens ist ihm ge- 
geben, er geniesst nur dessen Wohlthaten ohne alles ethi- 
sche Verständniss für dessen Bedeutung. Nur nach einer 
Richtung ist eine Reaction möglich, nämlich wenn sein 
dürftiges Ich eine Beeinträchtigung erfährt. Er reagirt 
darauf mit heftigen Aflfecten des Zorns, die geradezu über- 
wältigend sind, und in einer weit über das Zief hinaus- 
gehenden brutalen Weise entäussert werden. Sie haben 
durchaus das Gepräge von Wuthparoxysmen, in denen das 
Bewusstseiu vollständig schwindet, und deren sich das In- 
dividuum hinterher gar nicht erinnert. Zuweilen kommen 
solche Paroxysmen auch ganz spontan und in periodischer 
Aeusserungsweise zur Beobachtung. 

In der Mehrzahl der Fälle sind die criminellen Hand- 
lungen der Blödsinnigen durch solche pathologische Aflfecte 
vermittelt, .sie begehen dann Todtschlag, Körperverletzun- 
gen, zerstören Mobiliar in äusserst brutaler Weise. 

Häufig sind es auch heftige sinnliche Begehren, die 
ebensowohl durch eine quantitative Steigerung der natür- 
lichen Triebe, namentlich des Geschlechtstriebs, als durch 



~ 22 — 

den Mangel aller sittlichen ästhetischen, contrastirenden 
Vorstellungen unwiderstehlich werden. 

Planmässiger, von Combination und Ueberlegung zeu- 
gender Verbrechen ist der Blödsinnige nicht fähig. Die 
Casuistik besteht in Sittlichkeitsverbrechen, namentlich*Un- 
zucht mit Kindern und Nothzucht; häufig wird der öffent- 
liche Anstand durch nicht genügend überwachte Blöd- 
sinnige verletzt. Brandstiftungen sind nicht sowohl Akte 
der Rachsucht und Bosheit als vielmehr Folge unbedach- 
ten kindischen Spielens mit Feuer, kindischer Lust am 
Sehen von Feuer ohne Bewusstsein der Bedeutung der 
That und ihrer Gefährlichkeit: nicht selten auch sind sie 
imitatorisch entstanden, geweckt durch das Sehen von 
Peuersbrünsten. 

Der Schwachsinnige: Wir haben den Schwach- 
sinn als eine Mittelstufe zwischen dem Blöd- und Vollsin- 
nigen bezeichnet und gefunden, dass seine Merkmale ge- 
genüber dem Ersteren in der Möglichkeit der Bildung 
abstrakter von dem sinnlichen Elemente losgelöster Vor- 
stellungen und Begriffe bestehen, die aber nicht den Um- 
fang, die Deutlichkeit und Reichhaltigkeit wie beim Letz- 
teren besitzen. Während gegenüber dem. Blödsinnigen ein 
durchgreifender qualitativer Unterschied in Inhalt und Ar- 
tung des Seelenlebens sich so bemerklich macht, findet 
sich nur ein quantitativer gegenüber der Sphäre des Voll- 
sinnigen und es ist ersichtlich, wie mannichfach hier die 
Uebergänge sein müssen, wie schwierig die Bestimmung 
der Gränze, wo der pathologische Schwachsinn in die aus 
blosser Dummheit, mangelhafter Erziehung resultirende 
Unwissenheit und Beschränktheit des Vollsinnigen übergeht. 

Desshalb sind Untersuchungen bezüglich der Leistungs- 
fähigkeit vermuthlich Schwachsinniger, oft die schwierig- 
sten gerichtsärztlichen Aufgaben, und eine theoretische 
Darstellung muss darauf verzichten, alle die individuell 
so verschiedenen Gradationen zu zeichnen und auf eine 
allgemeine mehr die tieferen Stufen berücksichtigende Dar- 
stellung sich beschränken. 



— 23 - 

Schon die Sinnesthätigkeit weist Defekte nach gegen- 
über der des Vollsinnigen. Die Aufnahme der Eindrücke ist 
eine langsamere beim Schwachsinnigen, und viele Sinnes- 
wahrnehmungen entgehen ihm. Nothwendig ergibtsich dar- 
aus ein geringerer Reichthum an Vorstellungen und auch die 
sinnlich aufgenommenen werden nicht so vollkommen ver- 
^ werthet, wie beim Vollsinnigen, indem Association und Re- 
produktion träger und lückenhaft ablaufen. 

Die Bildung übersinnlicher Begriffe und ürtheile leidet 
damit Noth, und das Urtheil in übersinnlichen Dingen ist 
einseitig, unklar und durch fremde Autorität stark beein- 
flusst. Der Schwachsinnige ist leichtgläubig, wird leicht 
düpirt, hat keine eigne Meinung, sondern stützt sich auf 
die Anderer. Das innere Wesen, die feineren Beziehungen 
der Dinge entgehen ihm, und ebenso unfähig ist er, falls 
er wirklich einmal die Ppinte der Sache erfasst hat, sie 
mit dem richtigen Wort zu bezeichnen. 

Sein Sprachschatz ist immer arm, sobald es sich um 
übersinnliche Dinge handelt', während er in der ihm ad- 
äquaten ' sinnlichen Sphäre sich genügend auszudrücken 
vermag. Der dem VoUsinnigen innewohnende Drang, 
Grund und Wesen der Dinge und der mit ihnen geschehQn- 
den Veränderungen zu erforschen, fehlt ihm fast gänzlich, 
er nimmt die Dinge, wie sie sind. Ein höheres geistiges 
Interesse, ein zielvolles Streben ist ihm fremd; in der Be- 
frie4igung der gewöhnlichen materiellen Bedürfnisse des 
Lebens geht sein ganzes Dasein auf, er hat keine Zeit 
noch weniger Lust sich mit etwas Abstraktem zu beschäf- 
tigen, das ihn langweilt und ihm unverhältnissmässige 
Anstrengung kostet. Dieselbe Unzulänglichkeit wie auf 
intellectuellem zeigt sich auch auf ethischem Gebiet. Der 
Schwachsinnige ist nothwendig Egoist, und tiberschätzt 
vielfach seine Person und Leistungen, wodurch er den 
Spott der Ahdren herausfordert und sich zur Zielscheibe 
ihres Witzes macht, wie dies meist in der Gesellschaft der 
Fall ist. 

Das Wohl und Wehe der Mitmenschen berührt ihn 



— 24 — 

I 

nicht, nur Benachtheiligung der eignen Persönlichkeit er- 
zeugt stürmische Affekte, die dann leicht die Grenze 
der Norm überschreiten. Seine freudigen AflTekte gehen 
dann wohl in tolle Ausgelassenheit über^ seine depressiven 
in Wuth oder in Verwirrung, die namentlich leicht aus 
dem Aflfekt der Furcht erfolgt und in kopfloses Entsetzen 
ausartet. Der Schwachsinnige kann ein brauchbares Glied 
der Gesellschaft sein, insofern er eine eingelernte gewohnte 
Bescliäftigung gut, ja wenn sie eine rein mechanische ist, 
noch besser als ein Vollsinniger verrichtet, eben weil er 
seine ganze Aufmerksamkeit ihr zuwendet und durch Nichts 
abgelenkt wird, aber diese Leistung verrichtet er maschi- 
nenmässig, ohne im Stande zu sein, sie zu ändern, etwas 
Neues zu combiniren und zu produciren. 

Er hat keine eigenen und neuen Ideen, sondern zehrt 
von dem dürftigen Vorrath Kenntnisse und Erfahrungen, 
die er sich mühsam erworben hat. Nothwendig fehlt ihm 
damit die Spontaneität, Aktivität, das plan- und zielvolle 
Streben des Vollsinnigen; ein geringfügiges Hinderniss ge- 
nügt, um ihn ausser Fassung zu bringen, indem er es 
nicht zu überwältigen vermag, und bei seiner Unselbstän- 
digkeit bedarf es oft blos eines einfachen Abrathens, um 
den Erfolg seiner Willensbestrebungen zu vereiteln und 
diesen ein andres Ziel zu geben. Wegen dieser Loicht- 
bcstimmbarkeit sind aber solche Schwachsinnige auch 
durch Drohung, Einschüchterung, Autorität Andrer zu 
den schwersten Verbrechen zu bringen und werden nicht 
selten gefügige Werkzeuge in der Hand perverser Ver- 
brechernaturen. 

Höhere ästhetische, moralische ürtheile und Begriffe 
sind kaum vorhanden, vielfach ebensowenig da als Ab- 
straktionsvermögen und- ein wirklich planvolles Streben. 
An ihre Stelle treten blos mnemonisch erworbene und 
automatisch reproducirte moralische ürtheile Anderer; 
fast alle religiösen ästhetischen rechtlichen ürtheile sind 
somit nur Gedächtnissleistungen und Schulreminiscenzen. 

Immerhin kann das Rechts- und Pflichtgefühl ziem- 



-^ 25 - 

lieh gut entwickelt sein , nie ist es aber so tief auf ethi- 
sehe und abstrakte Begrifife gebaut wie beim Vollsinnigen 
und mehr eine halbbewusste Regung und Eingebung des 
Gewissens. Schon der phy&iognomische Ausdruck verräth 
in ausgeprägten Fällen, welch Geistes Kind der Schwach- 
sinnige. Gedankenarmuth und matter geistloser Blick 
sind oft unverkennbar. 

Die Zurechnungsfähigkeit der. Blödsinnigen ist aufge- 
hoben, schon einfach aus dem Grund, weil übersinnliche 
Begriffe, abstrakte Urtheile ästhetischen moralischen, 
rechtlichen Inhalts hier nicht möglich sind. Eine Ver- 
kennung und falsche Beurtheilung ist kaum möglich, lei- 
der aber oft genug schon vorgekommen von Seiten von 
Aerzten, die sich durch einzelne Fertigkeiten und intellec- 
tuelle Leistungen blenden und zu unrichtigen Rückschlüs- 
sen auf die Gesammtleistungsfähigkeit verleiten Hessen. 
Schwerer ist die Beurtheilung des Defekts bei gewissen 
Schwachsinnigen. Es gibt deren, die im gewöhnlichen 
Lebenskrei» ganz gut zurecht kommen und selbst im 
Stand sind, in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen 
auf eigenen Füssen zu stehen Kommen aber ausserge- 
wöhnliehe Lebenslagen, oder versuchen sie in schwach- 
sinniger Selbstüberschätzung sich einmal über ihre Sphäre 
zu erheben, so erleiden sie jämmerlich Schiffbruch und 
dokumentiren zur Genüge die InsufBcienz ihrer Leistungs- 
fähigkeit. 

Nicht alle Schwachsinnigen können als unzurech- 
nungsfähig bezeichnet werden. In dem Mass als 4hr 
Rechtsbewusstsein entwickelt und ein wenn auch dürftiger 
Charakter vorhanden ist, sind sie einer rechtlichen Ver- 
antwortlichkeit fähig, wobei aber nicht zu vergessen ist, 
dass der Charakter schwach, die sittlichen und rechtlichen 
Gefühle gering entwickelt, die üeberschauung der recht- 
lichen Bedeutung der That und ihrer möglichen Folgen 
beschränkt ist , vielfach auch die sinnlichen Antriebe, na- 
mentlich der Geschlechtstrieb, der sich zeitweise brunst- 
artig äussern kann, excessiv, jedenfalls im Missverhältniss 



- 26 - 

mit den schwachen sittlichen Gegenmotiven stehen. Zu- 
dem sind die Associationen , überhaupt der ganze Vor- 
stellungsgang trag und die Gegenmotive treten ver- 
langsamt und verspätet ein^ so dass das Ich leicht vom 
Antrieb überrumpelt und zur That gedrängt wird, bevor 
jene Zeit haben sich Geltung zu verschaffen. 

Wenn wir im Allgemeinen beim Schwachsinnigen 
eine verminderte rechtliche Verantwortlichkeit annehmen 
können, so dürilbe diase vollends auf ein Minimum, wenn 
nicht auf Null sinken, sobald auf dem Boden des Schwach- 
sinns ein Affekt sich entwickelt und ein strafbares Han- 
deln veranlasst. Die schwachen sittlichen Correktive 
treten in solchem Fall gar nicht oder zu spät ein. 

Der Taubstumme Rechtlich auf gleiche Stufe mit 
dem Blödsinnigen muss der Taubstumme gestellt werden, 
wenn er keinen Unterricht genossen hat, mit dem 
Schwachsinnigen gleichzustellen ist er, wenn er einen 
solchen mit Erfolg gehabt hat, denn immer genügt der 
beste Unterricht nicht, um so weit den Mangel zu er- 
setzen, welcher das geistige Leben durch das vermittelnde 
und belebende Element der Sprache und des Austausches 
des eignen Bewusstseinsinhalts mit dem anderer Menschen 
darbietet. 

Die Ersetzung der Wort- durch die Zeichensprache 
ermöglicht es zwar, einzelne Taubstumme zu brauchbaren 
Handwerkern heranzubilden , ihnen den Gebrauch der 
Schriftsprache zu verschaffen, nie aber wird sie dieselben 
zur Höhe des Vollsinnigen erheben. Die Voraussetzung 
der Zurechnungsfahigkeit bei einem angeschuldigten Taub- 
stummen ist deshalb unstatthaft und eine gerichtsärztliche 
exploratio mentalis unerlässlich. Wie beim Angeschuldig- 
ten unter 18 Jahren kann der betreffende Fall- nur als 
ein concreter behandelt werden, und wesentlich ist es wie 
bei Jenem der Stand des Unterscheidungsvermögens, der 
hier vom Gesetzbuch als massgebend erachtet wird. Der 
§. 58 des Strafgesetzbuchs bestimmt, dass ein Taubstum- 
Hier, welcher die zur Erkenntniss der Strafbarkeit einer 






- 27 - 

von ihm begangenen Handlung erforderliche Einsicht 
nicht besass, freizusprechen sei. Nicht geringe Hinder- 
nisse bereitet nach Uniständen dem gerichtlichen Experten 
die Schwierigkeit sich mit dem Angeschuldigten zu ver- 
ständigen und genügendes Material für die Ermittlung 
des Standes seiner psychischen Leistungsfähigkeit zu ge- 
winnen. Selten wird derselbe der Beihülfe eines Taub- 
stummenlehrers entbehren können, selbst da, wo der 
Gebrauch der Schriftsprache möglich ist. 

Anhäng: Das moralische Irrsein. 

An die Betrachtung der intellectuell einen tieferen 
Standpunkt einnehmenden Individuen reiht sich eine inner- 
lich ihnen nahestehende, und nur durch gewisse äussere 
Züge von ihnen abstechende Gruppe von Fällen, wo das 
intellectuelle Leben zwar ebenfalls quantitativ und quali- 
tativ tiefer steht als beim Vollsinnigen, wo aber die Stör- 
ung sich vorwiegend auf dem affektiven und sittlichen 
Gebiet bewegt und ein so vollständiges Fehlen oder Tief- 
stehen aller ästhetischen moralischen rechtlichen Begriffe 
und Urtheile aufweist, dass die Störung ausschliesslich im 
ethischen Gebiet zu verlaufen scheint und Jedem , der 
nicht ein tieferes Studium aus solchen Typen gemacht 
hat, als reine Immoralität, als verbrecherische und natür- 
lich zurechnungsfähige Lebensführung imponiren muss. 
Gleichwohl lautet die wissenschaftliche Erfahrung anders 
und bringt Beweise dafür, dass die zwar klinisch nicht 
aber ethisch vorhandene unmoralische Lebensführung 
solcher Individuen in einer wirklichen Hirnerkrankung 
besteht und in ihren ausgesprochenen Gradstufen dem 
intellectueflen Blödsinn, in ihren geringeren dem Schwach- 
sinn als moralischer Blöd- und Schwachsinn zur Seite 
gestellt werden muss. Die bessere Erkenntniss und Be- 
urtheilung solcher Unglücklicher hat erst in neuerer Zeit 
Fortschritte gemacht und so kommt es, dass man die^ 
selben weniger in Irrenhäusern, wohin sie vielfach ge- 



- 28 - 

hören, als vielmehr in Zucht- und Detentionshäusern vor- 
findet. 

Der Grund liegt darin, dass man von Alters her ge- 
wohnt war, das Wesen der Geisteskrankheit in intellec- 
tuellen Störungen zu suchen, dass man nicht anders 
konnte als sich den Geisteskranken unter dem Bild eines 
tobenden, delirirenden , Unsinn schwatzenden, mit fixen 
Ideen behafteten Menschen vorzustellen, Bilder die aller- 
dings vielfach das äussere Gepräge des Irrseins darstellen, 
in keiner Weise aber den Begriff desselben erschöpfen. 

Die psychologische Charakteristik der Zustände, die 
wir. als moralischen Blöd- und Schwachsinn bezeichnen 
müssen,, lässt sich dahin geben, dass bei einem mehr 
oder minder ausgesprochenen, immer vorhandenen Zu- 
stand von Schwachsinn vorwiegend die Fähigkeit des 
normalen Menschen, sittliche Gefühle, ästhetische und 
rechtliche Begriffe sich zu bilden, zu erwerben, zu ver- 
werthen fehlt, womit nothwendig die sinnlichen egoisti- 
schen Antriebe, wie sie bei jedem Menschen in der An- 
lage gegeben sind und nur durch das Gewicht jener Cor- 
rektive beschränkt und an ihrer Bethtltigung verhindert 
werden, das üebergewicht gewinnen. 

Dadurch aber, dass, bei solchen Menschen die logi- 
schen Processe intakt sind, Wahi^ideen und Sinnestäusch- 
ungen fehlen, das Handeln von unsittlichen Motiven aus 
mit allen Attributen eines freien Handelns scheinbar 
wenigstens vor sich geht, bereiten sie der forensischen 
Diagnose und Geltendmachung enorme Schwierigkeiten, 
und streifen so sehr, an das rein ethische Gebiet des Ver- 
brechens, dass ihre Zusammenwerfung mit den wirklichen 
Verbrechern äusserst nahe liegt und jene psychologisch 
gleichen Bilder sittlicher Verkommenheit auf pathologischer 
Grundlage als Zustände selbstverschuldeter und gewollter 
Hingebung an unsittliche Neigungen und Gewohnheiten 
aufgefasst werden. Wenden wir uns nun zur psychologi- 
schen Analyse dieser merkwürdigen und forensisch äus- 
serst wichtigen Zustände, so findet sich im Gebiet des 



— 29 — 

Fühlen s als Grundzug und gleichsam die Signatur lie- 
fernd, eine mehr weniger vollkommene moralische Insen- 
sibilität, ein Fehlen der moralischen Urtheile und ethischen 
Begriffe, während die rein aus logischen Processen her- 
vorgehenden Urtheile des Nützlichen und Schädlichen ganz 
ungestört von Statten gehen können. Daraus geht noth- 
wendig ein kalter starrer Egoismus hervor, der sich gegen 
alles sittlich Gute , Edle und Schöne positiv abstossend 
verhält, nur in der Befriedigung selbstischer Interessen 
aufgeht und alle intellectuellen Fähigkeiten nur in dieser 
Richtung verwerthet. Mangel jeglicher Kindesliebe, kalte 
Abneigung gegen Geschwister und freundschaftlich sich 
nähernde Gespielen , Fehlen aller altruistischen Gefühle, 
Herzenskälte, Gleichgültigkeit gegen Wohl und Wehe der 
Mitmenschen, Interesselosigkeit für alle Fragen des socia- 
len Lebetis, soweit sie nicht dus gemeine egoistische In- 
teresse mit berühren, sind die noth wendigen practischen 
Consequenzen dieses sittlichen Defekts. 

Natürlich fehlt auch jede Empfänglichkeit für sittliche 
Werthschätzung durch Andere, jegliche Gewissensregung 
und Reue. Mit diesem Fehlen aller sittlichen Correktive 
und moralischen Urtheile sind aber schon die Bedingungen 
dafür gegebjen, dass sich aus dem Egoismus ein gestei- 
gertes Selbstgefühl entwickelt, das seinerseits nun wieder 
einen neuen Impuls zur Befriedigung der selbstischen In- 
teressen bildet und nothwendig zur Negation der Rechts- 
sphäre Andrer führen muss. Es ergeben sich Collisionen 
mit dem^ öffentlichen Recht und Gesetz. An die Stelle der 
einfachen Herzenskälte und Negation treten die Affekte 
des Hasses, Verachtung, Neid, Rachsucht. Der Betreffende 
wird streitsüchtig, rechthaberisch, aggressiv und ist bei 
seiner sittlichen Idiotie um die Wahl der Mittel nicht ver- 
legen. 

Im Allgemeinen sind solche Menschen von geringer 
Aktivität und Energie ausser da, wo es sich um die Be- 
friedigung ihrer unsittlichen verbrecherischen Gelüste han- 
delt. Wie aus ihrem sittlichen Defect sich nothwendig 



— 30 — 

ergibt, ist ihnen Nichts mehr verhasst als Arbeit und Brod- 
erwerb. Betteln, Vagabundiren sind ihre eigentlichen ße- 
rufszweige. In der ' frühsten Jugend sind sie ihrer Hals- 
starrigkeit und Bosheit wegen der Schrecken der Eltern, 
in der Schule durch ihre tollen Streiche, ihre Gemeinheit, 
Faulheit, üngelehrigkeit enfants terribles, die endlich fort- 
gejagt werden. Bringt man sie zu einer Beschäftigung, 
einer Anstellung , so zeigen sie sich bald als lügenhafte, 
diebische, ausschweifende Taugenichtse und Verschwender, 
die allen moralischen Einwirkungen und polizeiUchen 
Massregelungen unzugänglich, durch ein Verbrechen oder 
Vergehen öich endlich einen Platz im Arbeits- oder Zucht- 
haus erwerben. Auch dort zeigen sich Besserungs- und 
Disciplinirversuchre erfolglös und vom Tag der Freilassung 
an beginnen sie wieder ihre alte Lebensweise. 

In intellectuel 1er Beziehung zeigt sich immer De- 
fekt. Viele sind sogar exquisit schwachsinnig, Alle aber 
intellectuell schwach, unproduktiv, zu einem wirkhchen 
Lebensberuf, zu einer geordneten Thätigkeit unfähig, von 
mangelhafter Bildungsfähigkeit, einseitig, verschroben in 
ihrem Ideengang ^ von sehr beschränktem UrtheiK Was 
aber am meisten in die Augen fällt und auf den sittlichen 
Defekt allein nicht bezogen werden kann, ist ihre Einsichts- 
losigkeit in das nicht blos Unsittliche, sondern auch positiv 
Verkehrte, ihren eignen Interessen Schädliche ihres Thun's, 
das Ausserachtlassen der gewöhnlichen Regeln der Klug- 
heit bei ihren verbrecherischen Unternehmungen trotz 
mannicbtacher Beweise von Raffinement, endlich der Man- 
gel jeglicher Selbstcontrole und Selbstführung.. 

Bei Manchen finden sich auch formale Störungen des 
Vorstellens — abspringender Ideengang, ganz sonderbare 
Associationen und eigenthümliches Fixirtsein gewisser, 
dann freiüch von einem Affekt getragener Vorstellungen. 
Bemerkenswerth ist auch eine Störung der Reproduktions- 
treue der Vorstellungen, insofern die reproducirte nicht 
der originalen Perception identisch, höchstens ihr ähnlich 
ist, während das Subject sie für identisch hält und damit 



- 31 - 

noth wendig ethisch als grober Lügner erscheint, da er 
kaum Erlebtes in ganz entstellter falscher Auffassung wie- 
dergibt. 

Wesentlich ist aber die Störung des Vorstellens im 
Zusammentreten der Vorstellungen zu höheren Processen, 
in der Bildung ästhetischer Elemente und deren Verknüp- 
fung zur ästhetischen Form, zu moralischen Urtheilen und 
Begriffen, an deren Stelle höchstens ein abstraktes for- 
males intellectuelles Wissen von Recht und Gesetz ohne 
alles ethische Verständniss tritt. 

Solche Menschen haben dann wohl ein abstraktes 
Strafbarkeitsbewusstsein, aber das jGesetz hat ethisch für 
sie nur die Bedeutung einer polizeilichen Vorschrift und 
das schwerste Verbrechen erscheint ihnen von ihrem 
eigenartigen, inferioren moralischen Standpunkt aus nicht 
anders als einem ethisch Vollsinnigen eine einfache Ueber- 
tretung einer polizeilichen Verordnung. 

Um diese Klasse von Kranken von den Verbrechern, 
mit denen sie im äusseren Bild vollkommen übereinstim- 
men können , zu sondern und den deutlichen Beweis zu 
liefern, dass sie wirklieh psychopathische Individuen, nicht 
blos ethisch Degenerirte sind, müssen wir uns nach an- • 
derweitigen Kriterien umsehen als sie die blos psycholo- 
gische Beobachtungsweise zu liefern vermag. Das ent- 
scheidende Moment gegenüber der rein ethischen Anomalie 
des Verbrechers liegt im Nachweis einer Hirnerkrankung 
und der Zurückführung der anscheinend rein ethischen 
Anomalie auf eine solche. Dafür sprechen aber: 

1) Der Umstand y dass in allen Fällen von wirklich 
bestehendem moralischem Irresein eine krankhafte Hirn- 
organisation entweder angeboren vorliegt oder im Lauf 
des Lebens eine schwere Hirnerkrankuug eintrat, von 
welcher an die Umänderung des Charakters nach der 
schlimmen Seite ihren Anfang nahm ^ 

Da wo die Störung angeboren ist, besteht sie nach- 
weislich in mit dem Zeugungskeime übertragenen schäd- 
lichen Einflüssen, unter denen Epilepsie, Geistesstörung 



— 32 — 

und Trunksucht der Erzeuger die Hauptrolle spielen. Diese 
Fälle sind hereditär und die Entartung zeigt sich hier in 
einer meist schon in den frühesten Stadien psychischer 
Entwicklung beginnenden moralischen Insufticienz oder 
. Nullität, einer völligen Unfähigkeit zur Erwerbung mora- 
lischer ürtheile und sittlicher Gefühle, als Ausdruck einer 
niedriger stehenden Organisation des Gehirns. 

Bei den erworbenen Fällen sind es ausnahmslos schwere 
Hirnerkrankungen, an die sich die moralische Entartung 
anreiht. So hat man nach Kopfverletzungen, apoplectischen 
Insulten, Meningitis, im Verlauf der Epilepsie, in Folge 
der durch Alkoholexcesse oder durch die senile Involution 
des Hirns bedingten schweren Hirnstörungen das morali- 
sche Irresein entstehen sehen. Namentlich der Greisen- 
blödsinn äussert sich häufig als ausgesprochene ,,moral 
insanity'^ als totale Umgestaltung des Charakters in pejus. 
Gewisse Triebe, namentlich der sexuelle regen sich wieder 
mit eklem Cynismus und werden mit satyrhafber Gemein- 
heit befriedigt. 

2) Die Mehrzahl der dieser Entartung Anheimgefalle- 
nen weist in der Sphäre des Nervensystems noch andre 
Funktionsstörungen, sowie auch körperliche Infirmitäten. 
auf, die theils als angeborne Hemmungsbildungen; theils 
als ab und zu im Krankheitsverlauf sich zeigende Symp- 
tome, den allgemeinen Nachweis einer dagewesenen oder 
noch fortbestehenden Erkrankung des centralen Nervensy- 
stems ermöglichen. 

Dahin gehören gewisse Schädelverbildungen die auf 
fötale Hirn- und Schädelerkrankungen beziehbar sind, auf 
Meningitis und Convulsionen zurückführbare Verbildungen 
der Extremitäten (Klumpfuss) Hasenscharten, Wolfsrachen, 
Schielen, Hemmungsbildungen der Geschlechtsorgane u. 
s, w. 

Die anomale HirnbeschafTenheit äussert sich in gros- 
ser Geneigtheit zu Hirnerkrankung, die sich auch in erb- 
licher Uebertragung auf die Nachkommenschatlt bei dieser 
in häufigerer Erkrankung an Nerven- und Geisteskrank- 



1^ 



— 33 - 

heiten kundgibt; ferner in grosser Geneigtheit zuHirncon- 
gestionen, in geringerer Toleranz gegen Alkoholica, in 
grosser Labilität der Stimmung, in auffallender Neigung 
zu unmotivirtem Stimmungswechsel, in krankhaft flxirten 
Stimmungen, in extremer Reizbarkeit und pathologisch 
verlaufenden Affecten. Nicht selten finden sich bei solchen 
Individuen auch epileptoide Zufälle. % 

3) Es besteht eine erhebliche Beeinträchtigung des 
Umfängs der intellectuellen Leistungen bis zu wirklichem 
Schwachsinn, der aber über dem stärker hervortretenden 
sittlichen Defekt und bei der instinktiven Schlauheit und 
Bosheit solcher Leute leicht übersehen wird. 

4) Es finden sich Anomalien der natürlichen Triebe, 
namentlich des Geschlechtstriebs, insofern dieser vielfach 
krankhaft früh entwickelt ist und dem normalen Leben 
ganz fremde perverse Richtungen annimmt. Es ist mehr 
als wahrscheinlich, dass gewisse instinktive Päderasten, 
denen die Befriedigung des Geschlechtstriebs auf naturge- 
mässem Wege instinktiv wiederstrebt und ein Aequivalent 
in dem eklen Trieb zum eignen Geschlecht findet, solche 
moralisch irrsinnige, auf hereditär degenerativem Boden 
stehende Individuen sind (Process Zastrow). 

Es ist ferner auffallend, dass solche Menschen zuwei- 
len nicht an der Befriedigung ihrer Geschlechtslüst sich 
genügen lassen, sondern nach Befriedigung ihrer Lüste 
noch den Mord ihres Opfers vollbringen, dfe sie, wie es 
scheint, durch die Zerfleischung desselben und das Wühlen 
in seinen Eingeweiden eine potenzirte Befriedigung ihres 
krankhaft entarteten Wollustgefühls empfinden. 

5) Die organische Grundlage dieser scheinbar rein 
ethischen Depravation zeigt sich endlich im Verlauf, inso- 
fern dieser ein von äusseren Umständen ganz unabhängiger, 
vielfach progressiver ist, und indem gewisse unsittliche 
Triebe und Neigungen (Saufsucht, Stehlsucht, Wander- 
drang, Vagabondage) nicht selten mit deutlicher Periodici- 
tät zu Tag treten. 

Ist auf diese anthropologischen und allgemein patho- 

' V. Krafft<Ebihg, Criminalpsychologie. Q 



naaaBBKaamammmmamammBBmsmm 



- 34 - 

logischen Kriterien die Diagnose gegründet, so mögen im- 
merhin die allgemein psychologischen der ünwiderstehlich- 
keit, der Absurdität, der gegen den eignen Vortheil ge- 
richteten Triebe, die Spontaneität und Plötzlichkeit mit 
der sie sich regen, ihre Perversität und Monstrosität, die 
Unvorsichtigkeit, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit mit 
drf sie befriedigt, der Cynismus, mit dem sie zur Schau 
getragen und eingestanden werden, die Gleichgültigkeit, 
Kaltblütigkeit und Reuelosigkeit solcher Menschen — Er- 
scheinungen, die sie auch vielfach mit dem genuinen Ver- 
brecher gemein haben — endlich die Machtlosigkeit aller 
erziehenden, bessernden Einflüsse Beachtung finden, nur 
darf nicht vergessen werden, dass sie alle zusammen Nichts 
beweisen, wenn sie nicht auf die im Obigen angeführten 
anthropologischen und pathologischen Momente sich stützen. 

Bei den angeborenen Fällen von moral insanity be- 
sonders fällt die Bedeutung dieser schwer ins Gewicht, 
während bei der secundären, im späteren Leben erst er- 
worbenen die von der früheren sittlichen Lebensführung 
nun scharf sich abhebende Immoralität und totale Umwand- 
lung sich zu einem auch für den Laien verständlichen Fin- 
gerzeig für das Pathologische des Zustands gestaltet. 

Wo aber' nun diese allgemeinen Kriterien der Hirn- 
erkrankung und die Abhängigkeit der sittlichen Anomalie 
von dieser nachgewiesen sind, dürfte von einer rein ethi- 
schen Auffassung des concreten Falls, von einer verant- 
wortlichen Selbsthingabe an unsittliche Neigungen und 
verbrecherische Impulse nicht mehr die Rede sein. Mag 
noch so sehr der Schein verbrecherischer Gesinnung und 
Gewöhnung vorliegen, mögen unsittliche Lebensführung 
und damit schlechter Leumund^ verbrecherische Motive 
der That, äussere Besonnenheit und schlaue Wahl der 
Mittel, Mangel von qualitativen Störungen des Vorstellungs- 
lebens sich finden, so unterscheidet sich der moralisch 
irrsinnige Scheinverbrecher vom wirklichen wesentlich da- 
dadurch, dass seine unsittlichen egoistischen, verbrecheri- 
schen Impulse nicht auf freiwilliger Hingabe an dasUnsitt- 



- 35 - 

' liehe mit willkürlicher Aufgebung der sittlichen Principien 
beruhen, sondern durch eine Hirnerkrankung erzeugt, 
somit organisch begründet sind, während andrerseits jene 
zugleich die Möglichkeit einer freien Wahl und Selbst- 
bestimmung durch Unmöglichkeit der Bildung oder Aus- 
löschung gebildet gewesener moralischer Urtheile und 
ethischer Gegenmotive aufhebt. Dadurch , unterscheiden 
sich diese Zustände wesentlich von dem des wenn auch 
moralisch unfreien doch gesetzlich zurechnungsfilhigen 
Verbrechers, bei dem mit Wissen und Wollen die egoisti- 
schen Gelüste und Bestrebungen die Gesetze der Moral 
überwanden, etwa weil das Gewicht der sittlichen Cor- 
rektive durch mangelhafte Ausbildung oder positiv schlechte 
Erziehung trotz guter Naturanlage zu geringe Zugkraft hatte 
oder die egoistischen Antriebe durch selbstverschuldete 
affektvolle leidenschaftliche Stimmungen potenzirt waren. 

Bei den moralisch Irrsinnigen fehlen dagegen die 
sittlichen Correktive, weil eine abnorme Hirnorganisation 
ihre Ausbildung unmöglich machte oder eine Gehirner- 
krankung sie untergehen liess, während gleichzeitig durch 
eine solche die sinnUchen Antriebe pathologisch gesteigert 
und krankhaft entartet sind. 

Es ergibt sich damit ein doppeltes organisch begrün- 
detes Manco der Bedingungen der Z. Die Möglichkeit 
einer freien Wahl und Selbstbestimmung ist bei ihnen 
aufgehoben und durch ein Zwangswollen, das nur im 
Sinn der egoistischen Antriebe und perversen Gelüste er- 
folgen kann, ersetzt. Höchstens könnte eine Z. bei Ein- 
zelnen statuirt werden, insofern noch eine Kenntniss des 
Rechts qua polizeilicher Vorschrift* ohne alles ethische 
Verständniss und ein Unterscheidungsvermögen im Sinn 
der egoistischen Motive der Nützlichkeit oder Schädlich- 
keit bestünde. 

Zur Erkenntniss dieser Zustände kann jedenfalls eine 
blos psychologisirende Beurtheilungsweise nicht verhelfen, 
nur ihre Betrachtung nach allen Seiten, namentlich der 
anthropologischen, kann vor Täuschung bewahren. Nicht 

3* 



^^H 



- 36 - 

blos den Leumuhd und die Motive eines Verbrechers, 
sondern auch seine anthropologischen hereditären Bezieh- 
ungen sollte der Richter beachten, nicht blos in psycho- 
logischer Analyse die Begutachtung des Gerichtsarztes 
aufgehen, sondern namentlich Abstammung, etwaige Ano- 
malien der Schädelbildung, etwaige Sinnesfehler, körper- 
liche Missbildungen, allgemeine Zeichen einer unbestimm- 
ten Hirnerkrankung (Alkoholreaction, Affekte), der ganze 
bisherige Entwicklungsgang, nicht blos in intellectueller 
sondern auch in ethischer Richtung, die Feststellung der 
Reaktiorisweisen des Gemüths, des Trieblebens mit be- 
sonderer Berücksichtigung des Geschlechtstriebs, etwaiger 
Periodicität gewisser unsittlicher Antriebe etc. ihre ge- 
, bührende Berücksichtigung finden. 

III. Die Geisteskrankheiten. 

Auch nach erreichter körperlicher und geistiger Reife' 
können die psychischen Leistungen, soweit sie die Be- 
dingungen der Z. enthalten, durch Erkrankungen des Ge- 
hirns gestört und damit jene aufgehoben werden. Die 
hieher gehörigen Krankheitszustände des Gehirns, welche 
' diesen Einfluss auf die psychische Leistungsfähigkeit 
haben, werden Geisteskrankheiten genannt und die Ge- 
setzgebung erkennt principiell an, dass Handlungen, ver- 
übt von Geisteskranken, straflos sein bollen; 
§. 51 des deutschen Strafgesetzbuchs lautet: 
„Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn 
„der Thäter zur Zeit der Begehung der Handlung sich 
„in einem Zustand von Bewusstlosigkeit oder krank- 
„hafter Störung der Geistesthätigkeit befand, durch 
„welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen 
„war." 
Das Gesetz bezeichnet klar, welche Zustände abnor- 
mer Geistesthätigkeit es von Strafe befreit wissen will. 
Nicht jede Störung der Geistesthätigkeit an und für sich 
soll diese Wirkung haben^ sondern nur dann , wenn sie 



- 37 — 

eine krankhafte ist und wenn sie die freie Wil- 
lensbestimmung unmöglich machte. 

Die nächste Aufgabe dier Criminalpsychologie muss 
demnach sein zu untersuchen 1) welche Zustände von 
Störung der Geistesthätigkeit es sind, die als Ausdruck 
einer Erkrankung des Gehirns sich bezeichnen lassen 
und 2) ob und inwiefern durch sie die freie Willensbe- 
stimmung ausgeschlossen wird. 

Die erstere Aufgabe ist entschieden die schwerere, 
denn eine Definition von Geisteskrankheit lässt sich nicht 
geben , es gibt kein einziges Symptom gestörter geistiger 
Thätigkeit, das ausschliesslich dem Irresein zukäme und 
nicht auch im normalen Zustand vorkommen könnte. 

Die geistigen Individualitäten sind unendlich mannich- 
faltig, es gibt keinen Typus der als Norm geistiger Ge- 
sundheit angesehen werden könnte. 

Im Irresein, wie bei allen anderen Krankheiten, sind 
die Funktionen nicht auf den Kopf gestellt, nicht in ihrem 
innersten Wesen umgeändert, nur die Bedingungen sind 
abnorme unter welchen sie zu Stande kommen. Daraus 
geht noth wendig hervor, dass nicht die geänderte Funk- 
tion au und für sich den Massstab für die Beurtheilung 
des Zustands als eines krankhaften abgibt, sondern we- 
sentlich die Zurückführung der geänderten Funktion auf 
abnorme Bedingungen und die Begründung jener aus 
diesen. 

Aber diese Forderung stösst gerade bei den Geistes- 
krankheiten auf Schwierigkeiten. Dieselben Gefühle, Vor- 
stellungen und Strebnngen , wie sie auch das gesunde 
Leben aufweist, können in dem Irresein das Krankheits- 
bild ausmachen, nur sind sie hier anders motivirt als beim 
Gesunden, oder vielmehr äusserjich gar nicht motivirt. 
Das Krankhafte liegt bei ihnen darin, dass sie nicht wie 
im gesunden Leben auf entsprechende jäussere Anlässe 
entstehen, sondern dass sie einen subjektiven Entstehungs- 
grund haben j Produkte eines krankhaften Vorgangs im 



- 38 - 

Organ des B'ühlens, Vorstellens und Strebens, des Ge- 
hirns sind. 

Allein diese ursächliche Hirnkrankheit liegt nicht 
immer klar zu Tage, die anatomischen Veränderungen, 
welche diesen subjectiv entstandenen Aenderungen des 
psychischen Geschehens zu Grand liegen, sind vielfach 
so fein oder nur auf dijB Organe des psychischen Lebens 
beschränkt, dass sie nur auf Umwegen oder dadurch, 
dass wir • eben alle äusseren Entstehungswege auszu- 
schliessen vermögen, zur Geltung gebracht werden kön- 
nen; physikalische und chemische Hülfsmittel zum Nach- 
weis dieser anatomischen Veränderungen stehen uns 
nicht zu Gebgt wie in andern Krankheiten, zudem han- 
delt es sich hier um subjektive Bewusstseinszustände, die 
temporär gar nicht, nach Umständen nur zum Theil ent- 
äussert' werden und deren objektive Kundgebungen wie- 
der subjektiver Deutung unterworfen wenden müssen. 
Bedenken wir wie viele Mittelglieder fehlen können, da* 
sie nicht objektiv entäussert werden, wie leicht sie fal- 
scher subjectiver Deutung ausgesetzt sind, wie schwan- 
kend die Typen geistiger Gesundheit mit denen als nor- 
malen sie verglichen werden sollen, so begreift sich die 
Schwierigkeit einer solchen Aufgabe, die in dem Masse 
wächst als solche subjektive Bewusstseinszustände fälsch- 
lich vorgetäuscht, simulirt, oder absichtlich verborgen, 
dissimulirt werden können. Dazu kommen noch weiter 
die vielfach ungenügende Kenntniss der Vorgänge des 
krankhaften Seelenlebens , althergebrachte Vorurtheile 
über Wesen und Erscheinungsweise psychopathischer Zu- 
stände, endlich ein gewisses, leider früher vielfach be- 
rechtigtes Misstrauen von Seiten der Juristen, die Besorg- 
niss, dass die Aerzte in jedem Verbrecher einen Kranken 
sehen , die ganze Welt für krank erklären , die Gränzen 
zwischen Lasterhaftigkeit und Irresein verwischen nnd so 
der Justiz Schuldige entziehen möchten* 

Die Criminalpsychologie hat zum Theil diese Vor- 
würfe selbst verschuldet. 



- 39 - 

Von philosophischer Amme gesäugt und auferzogen, 
von der eignen Mutter spät erst anerkannt^ von psycho- 
logischen Händen verbildet, von denen sie sich erst spät 
befreit hat, befangen in allerlei psychologischen Unarten, 
perversen Trieben und Monomanien, die sie erst nach 
langem Kampf sich abgewöhnte, hat sie gleichwohl das 
Versäumte nachgeholt und nach Aufgebung ihrer psycho- 
logischen Seitensprünge sich eine Berechtigung im Ver- 
band der Wissenschaften erworben und zur Klärung be- 
deutender socialer und ethischer Fragen einen nicht ge- 
ringen Beitrag geliefert. 

So lange sich die Criminalpsychologie in ihrer Durch- 
gangsperiode instinktiver Antriebe und monomanischer 
Willensstörungen befand, war ein solches Misstrauen ge- 
rechtfertigt, mit ihrem Eintritt in die Periode wissen- 
schaftlicher empirischer Forschung wurde es zum Unrecht. 

So lange die Psychologie nichts Anderes als eine 
hohle Phraseologie war und sich mit abstrakten Begriffen 
eines Willensvermögens und Deklinationen des Denkver- 
mögens beschäftigte, war der Ausspruch eines Kant, 
dass zweifelhafte Seelenzustände vor das Forum des Phi- 
losophen, nicht des Arztes gehören, gerechtfertigt, und 
heutzutage gibt es leider noch Aerzte der alten Schulö, 
die in solchen Zweifelftlllen die ganze Expertise mit un- 
haltbaren, mindestens einseitigen allgemein psychologi- 
schen Schlüssen und Phrasen- abthun. 

Heutzutage ist die gerichtliche Psychiatrie berufen 
ein gewichtiges Wort bei der Abfassung der Gesetzbücher 
wie bei der Beurtheilung psychisch zweifelhafter Zustände 
mitzusprechen. 

Dass ihre Stimme leider oft noch ungehört verhallt, 
ist nicht ihre Schuld, sondern die Derer, welche unbe- 
kannt sind mit ihren Fortschritten und vermeinen über 
Z. und Geisteskrankheit könne jeder Laie ebensogut ur- 
theilen "als der Sachverständige, ja noch besser, da er 
nicht wie Dieser durch wissenschaftliche Theorien prä- 
occupirt sei. Eine solche Anschauung liefert noch all- 



- 40 - 

jährlich in allen Ländern unzweifelhaft Geisteskranke in 
die Zuchthäuser und vereitelt durch zahlreiche Justiz- 
morde den eigentlichen Zweck der Rechtspflege, den 
Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit. 

Und dennoch sind gerade die Zustände um die es 
sich hier handelt, die allerschwierigsten für die ärztliche 
feeurtheilung, zugleich die social am wichtigsten, denn es 
handelt sich hier um nichts Geringeres als um Freiheit, 
Ehre, Leben der Staatsbürger. Erst wenn die gericht- 
liche Psychiatrie , wie sie sich als Wissenschaft in den 
letzten Decennien gestaltet hat, Gemeingut der Aerzte 
und Juristen geworden sein wird, wenn die Aerzte sich 
auf die Auffindung, Deutung und Begründung der krank- 
haften Zustände de? Seelenlebens verstehen und sich 
streng an ihre Aufgabe haltend, keine Uebergriffe in das 
rein juridische Gebiet der Z.frage sich mehr erlauben, 
wenn die Juristen die volle Bedeutung dieser Hülfswissen- 
schaft zu würdigen und richtig zu fragen wissen, können 
Missstände gehoben werden, die noch schwer auf der 
Wissenschaft und Geseilschaft lasten. 

r 

Ein folgenschwerer Irrthum ist der, das Unterschei- 
dungsvermögen als Kriterium der Z. anzunehmen, ein 
Irrthum der heutzutage noch in der englischen Gesetz- 
gebung und Rechtsprechung besteht und unzählige Justiz- 
morde verschuldet hat. 

Wir werden darauf zurückzukommen haben, wie un- 
haltbar ein solcher Standpunkt ist und dass vielfach die 
Unzurechnungsfähigkeit im Irresein nicht darin besteht, 
dass Bewusstsein und Unterscheidungsvermögen aufge- 
hoben sind , sondern dass das Streben ein zwangsmässi- 
ges, die Freiheit der Wahl vernichtet ist. 

Ein unheilvoller und veralteter Standpunkt ist ferner 
der der Laien, die als Zustände geistiger Unfreiheit nur 
die Extreme der krankhaften psychischen Vorgänge, den 
Wahnsinn und Blödsinn kennen und keine Ahnung davon 
haben, welche tiefe Störungen der Willensfreiheit ein 
krankhaftes Fühlen bei blos formalen Störungen der 



— 41 — 

Vorstellungsthätigkeit zu bedingen vermag, dass Jemand 
schwer geisteskrank und total unzurechnungsfähig sein 
kann, ohne im Geringsten zu deliriren und zu toben. 

Insofern bezeichnet die Fassung des deutschen Straf- 
gesetzbuchs einen bedeutsamen, freilich mühsam genug 
errungenen Fortschritt, indem es nicht mehr blos Wahn- 
sinn und Blödsinn als Zustände aufgehobener freier Wil- 
lensbestimmuug anerkennt ^ sondern, von aller Termino- 
logie absehend, die Geisteskrankheiten ganz allgemein 
als „krankhafte Störungen der Geistesthätigkeit'V bezeich- 
net und den Nachweis der durch sie aufgehobenen Wil- 
lensfreiheit fordert. 

Dadurch erhält der Sachverständige freien Spielraum, 
die unendlich mannichfaltigen Zustände gestörter Geistes- 
thätigkeit, die sich nie befriedigend klassificiren lassen, 
einfach objektiv darzulegen , unbekümmert um die Form 
und des Zwanges ledig, den concreten individuellen Zu- 
stand in eine der knappen ganz willkürlich früher vom 
Gesetz aufgestellten Schablonen einzuzwängen. Aber 
auch die Justiz läuft andrerseits keine Gefahr Verbrecher 
als Geisteskranke exculpirt zu sehen, insofern der Arzt 
genöthigt ist nachzuweisen, dass der abnorme Geisteszu- 
stand ein krankhaft bedingter sei und die Bedingungen 
der jreien Willensb.e8timmung durch ihn vernichtet sind. 

Zwei Erfahrungen sind es wesentlich die die Crimi- 
nalpsychologie dazu befähigen die ihr gestellte Aufgabe 
heutzutage befriedigend zu lösen. Erstens ist es die That- 
sache , dass die Geisteskrankheiten nichts Anderes sind 
als Hirnkrankheitep , ausgezeichnet vor den übrigen nur 
dadurch, dass die psychischen Funktionen dabei vorwie- 
gend betheiligt sind — die noth wendige Consequenz ist 
die, dass die Expertise nicht mehr in blosser allgemeiner 
psychologischer Beurtheilung, wie sie allerdings auch der 
Laie anstellen kann, die aber eine sehr trügerische ist, 
aufgehen darf, sondern dass auch anderweitige Zeichen 
als blos psychische zur Ermittlung der Hirnkrankheit ver- 
werthet wjerden müssen. Dadurch wird aber die Crimi- 






- 42 — 

9 

nalpsychologie zugleich zur gerichtlicbeu Anthropologie 
und Psychiatrie. 

Eine zweite Errungenschaft enthält die Thatsache, 
dass die verschiedenen sogenannten Seelenvermögen der 
älteren Schule reine Fiktionen sind, deoen die Wirklich- 
keit nicht entspricht, dass vielmehr alle Seelenfunktionen 
solidarisch mit einander verbunden sind,, keine isolirt er- 
kranken kann, womit natürlich der gefährlichen Lehre 
von den isolirten Willenskrankheiten, Monomanien etc. 
der Weg gewiesen und die unsinnige Annahme einer 
partiellen Z. d. h. einer Aufhebung der Freiheit nur für 
die Handlungen, welche aus dem Wahn und der Störung 
entspringen^ bei fortbestehender Z. für alle angeblich 
ausser dem Bereich der Störung erfolgenden ad absurdum 
geführt ist. 

Diese Frage der Zulässigkeit einer partiellen Z. möge 
hier nur angedeutet werden. Bei der Betrachtung solcher 
angeblichen partiellen Seelenstörungen werden wir auf 
sie zurückkommen und zu zeigen haben^ dass die angeb- 
lich partielle Störung des Seelenlebens nur eine scheinbar 
partielle ist, in Wirklichkeit aber eine allgemeine, von 
der eben nur ein Bruchstück entäussert wird. 

Die Aufhebung der Z. bei wirklich Geisteskranken 
ist durch die Gesetzgebung anerkannt und eine berech- 
tigte Forderung der Erfahrung. 

Es hat Juristen gegeben die sich dagegen sträubten 
alle Geisteskranke als ausser dem Gesetz stehend anzu- 
erkennen und darauf sich beriefen, dass auch bei Irren 
Rechts- und Pflichtbewusstsein vorkomme, und dass ja 
die disciplinären Erfolge in den Irrenanstalten bewiesen, 
dass Geisteskranke sich unter Umständen beherrschen 
könnten. 

In der Theorie müssen wir zugestehen, dass es Gei- 
steskranke gibt, welche in einem gewissen Grad fähig 
sind, eine Handlung zu begehen oder zu unterlassen und 
man erfahrt nicht selten von Genesenen, dass sie aller- 
dings Manches, was sie gethan^ hätten unterlassen können^ 






— 43 - 

aber in der Praxis werden wir nie im Stande sein daö 
individuelle Maass von Freiheit des Handelns das etwa 
einem Irren noch geblieben ist, zu taxiren und ihn dafür 
in dessen Umfang verantwortlich zu erklären. So bleibt 
uns nichts übrig als zu generalisiren , in mitius zu urthei- 
len und dem alten Satz beizupflichten „furiösus satis ipso / 
furorevpunitur." 

Aus den erwähnten falschen Anschauungen ging auch 
der unheilvolle Satz hervor, dass nur dann eine aus einern 
Wahn resultirende That straflos sein solle, wenn die That 
im Fall der Wahn Wirklichkeit wäre, gesetzlich erlaubt 
sein 'würde. 

Nach dieser Theorie wäre z. B. ein an Verfolgungs- 
wahn Leidender straflos, wenn er in vermeintlicher Noth- 
wehr einen Menschen der ihm angeblich nach dem Leben 
strebt, ermordety nicht aber wenn 6v blos um dessen Chi- * 
canen zu entgehen ihn tödtet, oder sonst ein mit seinem 
Wahn gar nicht in Beziehung stehendes Verbrechen 
begeht. , , 

Ein solches falsches Raisonnement beruht auf der 
Verwechslung der moralischen Z. mit* der juristischen. 
Der Criminaljustiz kann es ganz gleichgiltig sein ob eine 
aus einer Wahnidee erfolgende That moralisch zu recht- 
fertigen wäre, sobald nachgewiesen ist, dass ihr Motiv 
eine Wahnidee und diese Symptom einer Geisteskrank- 
heit war. 

Was aber die Möglichkeit einer Dressur und discipli- 
närer Erfolge betrifft, so beruhen sie rein auf Causalität 
und keineßwegs auf Ethik, indem der Betreffende gelernt hat 
einzusehen, dass wenn er Dies und Das thut er einfach 
etwas Unangenehmes dafür zu gewärtigen hat. Eine 
solche Dressur, die nichts weniger als die Fähigkeit sich 
für Begehung und Unterlassung aus ethischen Gründen 
zu bestimmen, involvirt, kann man auch dem Kind, ja 
selbst dem Thier beibringen wo doch gewiss Niemand 
daran denken wird daraus eine Z. abzuleiten. ' 

Aus dem Bisherigen dürfte klar hervorgehen, dass, 



— 44 — 

igen wir uds drehen und wenden wie wir wollen, die 
latsache, dass Geisteskrankheit die rechtliche Verant- 
)rtlichkeit vor dem Gesetz aufhebt, nicht uiAzustoGBen 
. Um dem Gesetz zu genügen haben wir nun 3 Be- 
igungeu zu erfüllen. 

1) Zu ermitteln, was unter Geisteskrankheit 
zu rerstehen sei. 

2) Aus welchen Kriterien wir den Beweis lie- 
fern können, dass eine Störung der gei- 
stigen Funktionen eine krankkaft be- 
dingte ist. 

3) Inwieweit die krankhafte Störung der Gei- 
stesthätigkeit die freie Willensbestimmung 
aufhebt. 

1) Was ist Geisteskrankheit? 

Eine De6nition ron Geisteskrankheit verniag die 
issenschaft ebenso wenig zu geben als eine solche von 
iistesgesundheit. Wenn unsere geistigen Processe auf 
nflgenden äusseren Anlass und diesem entsprechend, in 
rmonischer Verknüpfung mit den Vorgängen in der 
isseuwelt vor sich gehen, so nennen wir ein Individuunrt 
istesgesund, im entgegengesetzten Falle geisteskrank. Wir 
d durch die Erfahrung berechtigt anzunehmen, dass wenn 
;fühle, Vorstellungen und Strebungen ohne genügenden 
sseren Grund eintreten und andauern, sie eine innerliche 
panische Begründung haben und wissen weiter, dass 
jse subjective Entstehungsweise psychischer Vorgänge 
rch eine Hirnerkrankung vermittelt wird Geisteskrank- 
iten sind Hirnkrankeiten, aber nicht jede Hirnerkrank- 
g ist Geisteskrankheit, sondern nur gewisse, vorwiegend 
d ausschliesslich das Organ des geistigen Lebens tref- 
ide. Dieses Organ ist nach allen Erfahrungen der 
ysiologie, vergleichenden und pathologisohen Anato- 
e etc. die graue Hindenschicht des Grosshirns. Geistes- 
ankheiten sind Hirnerkrankungen mit vorwiegender 



- 45 — 

oder ausschliesslicher Störung der psychischen Punktionen, 
des Fühlens Vorstellen^ und Strebens. Das wichtigste 
Kriterium liefert uns die spontane subjektive Entstehuugs- 
weise solcher Anomalien in den genannten Funktionen. 
Nur die individuelle Betrachtung eines Menschen, die 
Vergleichung seiner früheren Individualität mit der jetzi- 
gen, die Ermittlung ob etwaige Aenderungen derselben 
spontan, äusserlich nicht motivirt aufgetreten sind, lassen 
oft entscheiden ob er psychisich krank ist. Diese subjec- 
tive Aenderung der psychischen Individualität ist das 
Grundzeichen der psychischen Krankheit. Leider vollzieht 
sich diese Aenderung oft so langsani* oder ist so früh- 
zeitig im psychischen Entwicklungsgang ausgesprochen, 
dass sie verkannt wird. 

Seitdem die Gesetzgebung davon Abstand genommen 
hat, besondere Fornten von Geisteskrankheit namhaft zu 
machen, hat die Terminologie keine grosse Bedeutung 
mehr für das Forum, und eine Eintheilung der Psychosen 
für forensische Zwecke kann sich auf die einfachsten 
Principien beschränken und mehr den Zweck habea eine 
allgemeine Uebersicht zu geben. 

Die gebräuchliche Eintheilung der Psychosen ist eine 
«.psychologische. Im Allgemeinen lassen sich primäre und 
secundäre Formen aufstellen, insofern als die ersteren 
den letzteren • vorauszugehen pflegen. Bei den Primär- 
formen sind weniger die intellectuellen Processe als die 
Seite des Fühlens und Strebens afficirt. Man heisst sie 
deshalb auch wohl Gemüthskrankheiten, im Gegensatz zu 
den secundären, wo die Intelligenz vorwiegend nothleidet, 
sei es durch Verfälschung des Bewusstseins mit Wahn- 
ideen, sei es durch Auseinanderfallen des psychischen 
Mechanismus und der Einheit der Persönlichkeit. — 
( Geisteskrankeiten. j 

Die Gemüthskrankheiten lassen natürlich auch die 
intellectuellen Processe nicht intakt, auch hier bestehen 
Störungen im Vorstellen, diese sind aber vorwiegend for- 
male und die Wahnideen haben einen mehr flüchtigen 



immm 



- 46 - 

Charakter. Je nachdem die herrschende Grundstimmung 
eine deprimirte oder exaltirte ist, zerfallen die Gemüths- 
krankheiten in zwei grosse Gruppen, die der Melancho- 
lie und der Manie. 

Bilden sich im Verlauf aus einer dieser Gruppen blei- 
bende Wahnvorstellungen und führen sie zu einer dauern- 
den Umgestaltung der Persönlichkeit oder der Beziehudgen 

I zur Aussenwelt, zu einem neuen Ich, so sprechen wir 

von Wahnsinn, solange die Einheit der psychischen Pro- 
cesse noch erbalten ist, die Harmonie zwischen Fühlen, 
Vorstellen und Streben noch fortbesteht. Kommt es im 
Verlauf zu einer Aufhebung dieser Einheit im Bewusst- 

^ sein, so entsteht ein psychischer Schwächezustand, den 

die Psychiatrie als Verrücktheit bezeichnet. Geht die 
Fähigkeit der Coordination der psychischen Akte, das 
Vermögen zu schliessen, urtheilen endlich ganz verloren, 
so bezeichnen wir diesen Zustand mehr weniger völliger 
völliger Aufhebung der höheren psychischen Processe als 
'Blödsinn. In diese 5 grossen Gruppen lassen sich fast 
alle vorkommenden Krankheitsbilder einreihen, doch wäre 
es ein folgenschwerer Irrthum, falls ein zweifelhafter See- 
lenzustand in l^eine dieser schablonenartigen Gategorien 
, sich einreihen läsöt, an seiner pathologischen Begründung, 
zu zweifeln oder gar Simulation anzunehmen. 

2. Kriterien dafür dass die Störung der Gei- 
stesthätigkeit ein^ krankhafte. 

Wie schon bemerkt gibt es keine Funktionsstörung 
bei Irren, die nicht auch beim Geistesgesunden möglich 
wäre, kein specifisches Kriterium des Irreseins und alle 
Versuche ein solches aufzustellen sind unglücklich gewe- 
sen oder auf unhaltbare Spitzfindigkeiten hinausgelaufen. 

Das Pathologische anomaler Geisteszustände, die Un- 
terscheidung derselben von gewissen leidenschaftlichen 
' und aflfektvoUen Zuständen, von Bizarrerien, Excent^icitä- 
ten Charakterfehlern und unsittlicher Lebensführunig^ der 



- 47 - 

Gesunden, die hier zunächst in Betracht kommen, lässt 
sich nicht von einem isolirten Kriterium aus geben. 

Die Hauptaufgabe, die aber vielfach nur auf Umwe- 
gen zu lösen ist , besteht darin das Bestehen einer Hirn- 
krankheit nachzuweisen und die anomalen psychischen 
Symptome auf eine solche zurückzuführen. Dazu bedarf 
es einer umfassenden Kenntniss der hereditären Beziehun- 
gen des Individuums, der Krankheitsanlagen und Krank- 
heiten denen es unterworfen war, seiner körperlichen und 
psychischen Entwicklungsverhältnisse, der besonderen Um- 
stände unter welchen die Aenderung seinejs psychischen 
Verhaltens erfolgt ist, der Kenntniss des Verlaufs und der 
Verkettung der Symptome, welche es seither darbot. 

Prüfen wir, wieweit die bisherig'fen Resultate psychia- 
trischer und neuropathologischer Semiotik und Diagno- 
stik sich zur Lösung dieser Aufgabe verwerthen lassen: 

1) eine wichtige Frage ist die nach dem psychischen 
Stammbaum eines Exploranden, nach den leiblichen und 
psychischen Bedingungen und Zuständen in denen sich 
seine Erzeuger befinden Wie, sehr wir in unsrer leibli- 
chen und geistigen Artung vom somatischen und psychi- 
schen Zustand der Erzeuger abhängig sind, lehrt die täg- 
liche Erfahrung, nirgends zeigt sich dieser erbliche Ein- 
fluss ausgesprochener als im Gebiet des Nervensystems. 
Wir erben nicht blos gewisse Eigenthümlichkeiten des 
Charakters, der Begabung, Neigung, sondern auch Infir- 
mitäten, Laster und Gebrechen. Ganz besonders gilt dies 
für die psychischen Krankheiten. Es sind nicht nur Gei- 
steskrankheiten der Erzeuger im engeren Sinn die sich 
bei der Nachkommenschaft reproduciren , sondern auch 
anderweitige Hirn- und Nervenkrankheiten, Trunksucht, 
sexuelle Ausschweifungen , zu grosse Altersverschieden- 
heit, hohes Alter, Blutsverwandtschaft der Zeugenden die 
schädlich auf das geistige Leben der Descendenz wirken 
können. Vielfach äussert sich der hereditär psychopathi- 
sche Einfluss nur als latente Prädisposition, in Folge de- 
ren sich eine individuell grössere Erkrankungsfähigkeit 



— 48 — 

auf an und für sich geringfügige gelegentliche Ursachen 
ergibt, in andren äussert sich das hereditäre Moment 
deutlicher und lässt schon im frühen Lebensalter seinen 
Einfluss in Anomalien der phjsio - psychologischen Ent- 
wicklung und Artung erkennen, die sich in Excentricitä- 
ten und Bizarrerien, Anomalien der sittlichen und gemüth- 
liöhen Energien, Einseitigkeit der intellectuellen Anlage, 
nämlich excessiver Begabung nach einer Richtung und 
Verkümmerung nach andren, in Anomalien des Tempera- 
ments, der Neigungen, Triebe etc. kundgeben. Dass diese 
hereditär psychopathischen Erscheinungen eine materielle 
Begründung haben müssen, gibt sich besonders durch das 
Verhalten vieler solcher Hereditarier gegen AflFecte und 
Alkohol kund. 

Die Affekte solcher Menschen treten abnorm leicht 
auf, haben einen durchaus pathologischen Charakter, gehen 
häufig unter lebhaften Congestiverscheinungen einher und 
haben mehr den Charakter transitorischer Tobanfälle, oft 
mit Unbesinnlichkeit für deren Dauer. 

Ebenso auffallend ist ihre häufige Intoleranz gegen 
Alkohol, sodass Berauschungen auf ganz geringe Quanti- 
täten Spirituosen eintreten und durchaus nicht als gewöhn- 
licher Rausch, sondern vielmehr als maniakalischer An- 
fall mit Delirium und ßewusstlosigkeit verlaufen. 

In einer 3ten Categorie hereditärer Fälle beschränkt 
sich der hereditäre Einfluss nicht auf eine latente Dispo- 
sition oder elementare psychische Deviationen, sondern 
das Individuum bietet schon von Kindheit auf die Zeichen 
einer psychischen Entartung dar. Es kommt zu jenen Zu- 
ständen von moralischem Irresein, die mehr im Gebiet des 
Charakters, des Gemüths, der Triebe als der Intelligenz 
sich äussernd, meist in der Gesellschaft verkannt un4 de- 
ren Träger als sittliche Monstra, moralische Ungeheuer 
iü einseitiger ethischer Auflfassungsweise von ihr gemass- 
regelt und perhorrescirt werden. 

An und für sich beweist die Ermittlung einer erb- 
lichen Anlage Nichts für die Diagnose des vorliegenden 



i 



^ 49 -. 

Zustands, namentlich dann nicht, wenn die Disposition eine 
latente war, wohl aber zwingt uns die Erfahrung bei Fällen 
von auffallender Excentricität und ungewöhnlicher Charak- 
terentwicklung, von exemplarischer und von Kindsbeinen 
auf unsittlicher Lebensführung eine etwaige hereditäre An- 
lage nicht zu unterschätzen und um so grösseres Augen- 
merk auf etwaige anderweitige Zeichen eines anomalen 
Hirnzustands zu richten. Es wäre wünschenswerth wenn 
der Richter auf eine solche etwaige erbliche Anlage Rück- 
sicht nähme und wo sie besteht, eine exploratio mentahs 
veranlQ.sste. Der Sachverständige hätte ihn dann auf die 
Bedeutung jenes erblichen Faktors aufmerksam zu machen 
und zu belehren, dass solche Menschen organisch eine 
ganz andre Constitution haben als die grosse Mehrzahl 
der Andren, dass ihr Fühlen und Strichen oft ganz andren 
Impulsen folgt und vielfach den Charakter des Zwangs- 
mässigen und Instinktiven hat. Je nach Umständen kön- 
nen solche erbliche Einflüsse zu Zuständen führen, wo es 
geboten ist, mildernde Umstände (oder verminderte) bis zur 
aufgehobenen Z. anzunehmen. Nicht so selten finden sich 
bei hereditär degenerativen Zuständen auch körperliche 
Kennzeichen einer abnormen auf Entartung des Central- 
nervensjstems hinweisenden Constitution in Form von Ab- 
normitäten des Schädelbaues, Verbildungen der Ohren, 
Hemmungsbildungen der Genitalien, Extremitäten, Schie- 
len, Stottern u. a. Sinnesfehlern. 

2) Von Bedeutung bei zweifelhafter Geistesstörung 
ist die Berücksichtigung, ob auf das Individuum Momente 
einwirkten die erfahrungsgemäss als wirksame Ursachen 
für Entstehung von Irresein gelten. Dahin gehören na- 
mentlich entzündliche Hirnaflfektionen im frühern Lebens- 
alter, Kopfverletzungen und Hirnerschütterungen, Excesse 
im Trinken, Neurosen, namentlich Epilepsie, heftige Ge- 
müthsbewogungen etc. 

Es ist selbstverständlich, dass nur ätiologisch bedeut- 
same Momente hier in Betracht kommen können und 
.nicht längst aufgegebne Anschauungen von unterdrückter 

V. Erafft-Ebing, Griminalpsychologie. \ 



— '50 - 

Erätze, Hautausschlägen, Hämorrhoiden und hypotheti- 
jsche Circulationsötörungen im Pfortadergebiet brevi manu 
geltend gemacht werden dürfen. Es ist weiter selbstver- 
ständlich, dass selbst mit dem Erweis ätiologisch wichti- 
ger Momente noch keine Präsumption für Seelenstörung 
gegeben ist, sondern nur dann wenn psychopathische 
Symptome wirklich bestehen und zeitlich und klinisch 
sich auf das ätiologische Moment zurückführen lassen» 

Namentlich zu berücksichigen sind hier gewisse Le- 
bensperioden , in denen erfahrungsgemäss eine besondre 
Prädisposition zu Psychosen besteht. Dahin gehört die 
Zeit der Pubertät bei beiden Geschlechtern, die Phasen 
des Monatsflusses, Schwangerschaft, Entbindung, Puer- 
perium, Laktationsperiode und Klimacterium bei Frauen 
und endhch das höjiere Alter bei beiden Geschlechtern. 
An und für sich fordern diese Lebenszeiten bloss- zu ge- 
steigerter Vorsicht bei der Untersuchung auf. Finden 
sich in einer solchen zweifelhaft psychopathische Symptome, 
so gewinnen sie jedenfalls eine gewisse Bedeutung. 

3) Die Geistestörungen sind Hirnkrankheiten. Es ist 
von Wichtigkeit nicht blos die psychischen sondern auch 
die etwa sich ergebenden atiderweitigen Störungen des 
Gehirns hinsichtlich seiner sensoriellea, sensiblen, moto- 
rischen und vasomotorischen Funktionen zu untersuchen. 

Unter den sensorischen sind Kopfweh und Schlaflo- 
sigkeit von untergeordneter Bedeutung, von hervorragen- 
dem Werth dagegen gewisse Anomalien der sensoriellen 
Funktionen, die Hallucinationen und Illusionen. 

Auch die Hallucinationen sind durchaus nicht speci- 
fische Kennzeichen einer Geistesstörung sondern können 
sich auch bei anderweitigen Hirnerkrankungen, im Fie- 
berdelir und bei gewissen Vergiftungen finden, jedoch 
sind sie hier selten und ihr Vorkommen bei Irren ist 
doch so überwiegend häufig, dass ihr Nachweis immer 
einen Zustand von Irresein wahrscheinlich macht, nament- 
lich wenn sie mit noch anderweitigen elementaren Stö- 
rungen der psychischen Functionen (Verstimmungen, Angst-. 



— 51 — 

zafö.llen) zusammen sich vorfinden und als Sinnestäuschun- 
gen nicht mehr erkannt und berichtigt werden. 

Von unterschätzter Bedeutung sind auch die Störun- 
gen in den sensiblen Funktionen, namentlich Anästhe- 
sien (Katalepsie, Dementia) und Neuralgien, die vielfach 
nur excentrische Erscheinungen krankhafter Zustände des 
Hirns und Rückenmarks sind. 

Beachtenswerth ^ind ferner motorische Störungen wie 
z. B. Ungleichheit der mimischen Innervation der Gesicht- 
hälfken, atactische und paretische Störungen in den Ex- 
tremitäten , clonische und tonische , allgemeine oder auf 
einzelne Muskelgruppen beschränkte Krämpfe, Sprachstö- 
rungen, in sofern sie auf eine Hirnerkrankung hindeuten. 

Alle Störungen in der F'unktion der vegetativen Organe 
sind trügerisch und von untergeordneter Bedeutung für 
die Diagnose des Irreseins. Weder der angebliche Reich- 
thum des Harns an Phosphaten , noch der angeblich spe- 
cifische Geruch der Irren, noch ihre behauptete grössere 
Toleranz gegen Medicamente, namentlich Narcotica, er- 
weisen sich der Erfahrung gegenüber begründet. 

Durch alle diese Anhaltspunkte ist im gegebenen Fall 
übrigens erst nachgewiesen, dass ein krankhafter Hirnzu- 
stand vorliege, lieber Art und Umfang der Beeinträch- 
tigung der psychischen Funktionen kann nur die Würdi- 
gung der in ihrem Bereich etwa gefundnen Anomalien 
Auskunft geben. 

So lässt sich etwa nachweisen, dass sie zeitlich und 
klinisch mit einer ermittelten Ursache übereinstimmen, 
dass sie äusserlich nicht oder nur ungenügend motivirt 
sind; dass sie einen von äusseren Einflüssen unabhängi- 
gen Wechsel darbieten, gewisse Symptomenreihen viel- 
leicht gar periodisch sich wiederholen oder sich jeweils 
an anderweitige, nicht psychische Symptome des Hirn- 
leidens knüpfen. So lässt sich etwa ein gesetzmässiger 
Gesammtverlauf, eine von äusseren Einflüssen unabhän- 
gige Wiederkehr gewisser Symptomenreihen finden. 

Wo sich Wahnvorstellungen, sog. fixe Ideen ermit- 

4* 



- 52 - 

teln lassen, sind sie allerdings wichtige Anhaltspunkte für 
die Ermittlung des Gesammtzustandes , aber es ist nicht 
zu vergessen, dass ein Geistesgesunder nach Umständen 
ebenso unsinnige und unlogische Behauptungen aufstellt 
als ein Irrer und dass der Wahn eines Solchen auch nicht 
immer eine objektive Unmöglichkeit zu enthalten braucht. 
Zur forensischen Würdigung einer etwaigen Wahnidee ist 
somit weniger ihr widersinniger Inhalt als vielmehr ihre 
Entstehungsweise entscheidend. 

Der Irrthum des Geistesgesunden beruht immer auf 
einem Fehler im logischen Schliessen oder auf einer 
aus Unwissenheit oder Unaufmerksamkeit entstandnen fal- 
schen Prämisse; er bezieht sich immer auf objektive Verhält- 
nisse und wenn er dem Betreffenden als positiv unmög- 
lich bewiesen wird, so lässt dieser seinen Irrthum fallen. 
Ganz anders der Wahn des Geisteskranken. Er ist ent- 
weder das Resultat einer Sinnestäuschung oder direkt aus 
einer krankhaften Erregung der vorstellenden Theile des 
Gehirns entstanden, oder er, ist Erklärungsversuch einer 
abnormen Stimmung, eines krankhaften Affekts; er lässt 
sich auf einen solchen Ursprung zurückführen, steht so- 
mit mit anderweitigen elementaren psychischen Störun- 
gen^ mit Affekten, krankhaften Stimmungen, Sensationen 
in Connex; er hat ferner immer einen subjektiven Cha- 
rakter , bezieht sich immer auf das Subjekt und eben da- 
durch dass er Theilerscheinung , Symptom einer Hirn- 
erkrankuug ist, vermag auch Logik und Raisönnement 
nichts gegen ihn, er steht und fällt mit der ursächlichen 
Hirnstörung und man kann dem Kranken ebensowenig 
seinen Wahn ausreden als mit Worten gegen seine Krank- 
heit zu Feld ziehen. 

Ein »grosser Irrthum ist es ferner, wenn das grosse 
Publikum und mit ihm die Gerichtspersonen das Bestehen 
einer Geistesstörung nur dann annehmen, wenn eine deut- 
liche Läsion der Verstandesfunktionen, ein eigentliches in- 
tellectuelles Irresein sich nachweisen lässt. Allerdings 
sind Wahnideen wichtige Kriterien des Irresems und in 



- 53 - 

den späteren Stadien meist vorhanden, aber ihr Fehlen 
beweist Nichts gegen das Besteben einer Seelenstörung, 
denn es gibt melancholische und maniakalische Zustände 
in denen auch nicht eine Spur von Delirium zu erkennen 
ist, es gibt Anomalien der Gefühle und Strebungen die 
völlig willensunfrei machen und zu den schwersten Ge- 
waltthaten hinreissen ohne dass der Verstand im eigent- 
lichen Sinn getrübt ist, wenn auch das intellectuelle Le- 
ben , freilich nur in formaler Weise eine Störung erlitten 
hat. Zu diesen Zuständen gehören fast alle Psychosen in 
den afFektartigen Anfangsstadien, jene manitichfachen Zu- 
stände psychischer Depression mit oder ohne Zwangsvor- 
stellungen und Affekte, gewisse maniakalische Exaltations- 
zustände, wie sie als massiger Grad von Tobsucht bei 
Paralyse und hysterischen Fällen sich finden, ferner äN 
koholische und epileptoide Formen und das moralische 
Irresein. 

Aber ausser dieser grossen Reihe von unfreien Zu- 
ständen in deren Verlauf es gar nicht zur Produktion von 
Wahnvorstellungen koöimt, gibt es andre in denen sie 
nur scheinbar fehlen, weil der Kranke sie verhehlt. Dies 
ist in den Anfangsstadien des Irreseins möglich wo sie 
noch nicht fest, vom Ich noch nicht assimilirt sind und 
sich gleichsam noch in der Schwebe befinden. Der Kranke 
hat noch soviel Herrschaft über sie um im gewöhnlichen 
Verkehr sie nicht hervortreten zu lassen, während ein 
accessorisches Moment, ein Ueberraschungsaffekt, eine 
Sinneswahrnehmung etc. genügt, um sie plötzlich mit vol- 
ler Gewalt dem Bewusstsein zu induciren und in einer 
Gewaltthat zu entäussern. 

Weiter gibt es Verrückte, * di^ aus Scheu, Misstrauen, 
etwa weil sie früher bei der Gesellschaft mit der Kund- 
gebung ihrer fixen Ideen immer auf Widerspruch, Spott 
oder Unannehmlichkeiten gestossen sind oder weil das 
Gespräch gerade nicht ihren Wahrt berührt, denselben 
verhehlen und dem Unkundigen der ihre Anamnese, ihre 
vulnerable Stelle nicht kennt und über eine längere Be- 



— 54 — 

Obachtungszeit nicht verftlgt, höchstens sonderbar nicht 
aber krank erscheinen. ' 

3. Die krankhafte Geistestörung ist derart, daßs 
durch sie die freie Willensbestimmung aufgeho- 
, ben wird. 

Das Gesetz verlangt den Nachweis, dass eine vor- 
handne Geistesstörung auch die freie Willensstimmung 
aufgehoben habe um die Garantie zu haben, dass nicht 
Affekte, Leidenschaften etc. als Gründe aufgehobener Z. 
hingestellt werden. Dass Geisteskrankheiten unfrei ma- 
chen, haben wir schon auseinandergesetzt, wir haben 
hier nur noch zu zeigen, in welcher Weise die Bedingun- 
gen der Z. durch psychopathische Processe vernichtet 
sein können. Dies kann geschehen : 

a) indem durch aus der Gehirnaflfektion heraus gesetzte 
somit spontane Affekte, leidenschaftliche Stimmun-' 
gen, Triebe und Strebungen, Wahnideen und Sinnes- 
täuschungen ein Handeln bedingt wird; 

b) indem den irgendwie entstandnen psychischen Moti- 
ven, die ein Handeln herbeiführen, keine sittlichen, 
ästhetischen rechtlichen Gegerf^orstellungen entge- 
gengesetzt werden können, da diese entweder a) durch 
die Hirnkrankheit gleich andren höheren psychischen 
Punktionen verloren gegangen sind (psychische 
Schwächezustände) oder ß) durch in Folge der Er- 
krankung entstandne Störungen der Ideenassociation 
nicht mehr ins Bewusstsein eintreten können (Me- 
lancholie und Manie). 

c) indem durch Wahnvorstellungen und Sinnestäuschun- 
gen das Selbst- und Weltbewusstsein gefälscht ist. 
Diese Störung kann soweit gehen , dass die ganze 
frühere Persönlichkeit in eine andre umgewandelt 
ist (Wahnsinn, Verrücktheit) sodass die Handlung 
von einer ganz andren (krankhaften) psychischen Per- 
sönlichkeit als der früheren des Thäters aus gesetzt 



~- 55 — 

wird. Die juristische Persönlichkeit ist hier dieselbe, 
die psj^chologische eine ganz andre geworden. 

Diesen Nachweis der aus der Störung sich ergeben- 
den Aufhebung der Willensfreiheit kann der Richter von 
dem Sachverständigen gesetzlich fordern. 

Logischer und richtiger wäre es freilich wenn dieser 
die Frage der Willensfreiheit, die jedenfalls kein medici- 
nischer, höchstens ein conventroneller abgeleiteter psy- 
chologischer Begriff ist, der Beurtheilung des Richters, der 
sie gar nicht stellte, überlassen und sich darauf beschrän- 
ken dürfte, soweit den gestörten Mechanismus und seine 
Bezj^hung^en auf Wahl und Entschluss darzulegen, dass 
dem Richter der Schluss bezüglich der freien Willensbe- 
stimmung sich voh selbst ergäbe. 



Die Formen des Irreseins. 

V 

1. Die Helancholie. 

Das charakteristische Merkmal aller melancholischen 
oder Depressionszjistände ist das Bestehen einer äusser- 
lich nicht oder ungenügend inotivirten psychisch schmerz- 
haften Selbstempfindung als Ausdruck einer Ernährungs- 
störung der psychischen Centren. Dieser Zustand von 
objektlosem psychischem Wehesein , diese peinliche äus- 
serlich unmotivirte Verstimmung kann für sich allein die 
Störung ausmachen, in der Regel verbinden sich ab^r da- 
mit weitere elementare psychische Störungen in Form spon- 
taner Affekte, psychosensensorieller (Sinnestäuschungen) 
oder Anomalien des Vorstellens, indem dieses durch den 
psychischen Schmerz in seinem Ablauf monoton, krank- 
haft gehemmt und fixirt (Zwangsvorstellungenj oder in 
seinem Inhalt verfäfscht wird { Wahnvorstellungen). Durch 
alle diese elementaren Störungen des Fühlens und Vor- 
stellens kann wieder die motorische Seite des Seelenle- 



— 56 — . 

bens, das Streben und Wollen beeinflusst werden insofern 
es gebunden ist oder von dem abnormen Inhalt der Ge- 
fühle und Vorstellungen Impulse empfängt oder in mäch- 
tiger Reaktion gegen die Gewalt des peinlichen psychi- 
schen Bewusstseinsinhalts entfesselt wird. 

Je nach diesem yerschiednen Verhalten des Fühlens 
Vorstellens und Strebens und der einseitig überwiegenden 
Betheiligung, die die eine oder die^* andre dieser Funk- 
tionsqualitäten erfahren, lassen sich verschiedne Krank- 
heitsbilder, Varietäten der Melancholie aufstellen. 

a) Die einfache Gemtithsdepression. Melaneho- 

lia sine delirio. 

Die ganze Gefühlslage ist hier verändert in ein fort- 
währendes psychisches Wehesein das keiner Aenderung 
zugänglich ist und nur Intensitätswechsel kennt. In den 
äussersten Gracjen dieser Gemüthsverstimmung erzeugt 
nicht blos das Fühlen, sondern sogar das Vorstellen, je- 
der Gedanke, jede Sinnes Wahrnehmung Unlust und psy- 
chischen Schmerz (psychische Hyperästhesie). Nothwen- 
dig kommt im Spiegel eines derartigen Bewusstseinsinhalts 
auch die ganze Aussenwelt dem Kranken trüb, verändert, 
schmerzlich vor, wie er selbst es ist (psych. Dysästhesie) 
denn die Qualität der Aussenwelt ist eine rein subjective 
und ganz von der unsres subjectiven Angeregtseins ab- 
hängig. Die nothwendige Reaktion auf diese schmerz- 
liche Apperception der Aussenwelt ist die, dass der Kranke 
sich scheu vor ihr zurückzieht und sie negirt, anfangs 
passiv indem er eigensinnig, boshaft, gereizt wird, später 
aktiv indem er sie zerstört. 

Zu dieser von der Hirnerkrankung gesetzten Bewusst- 
seinsstörung kommen aber als psychische Reaktion des 
Ichs 2 weitere Quellen des psychischen Schmerzes. Die 
eine liefert das Gefühl des Kranken, dass er sich der mit 
ihm geschehnen Veränderung in keiner Weise mehr ent- 
ziehen kanu; die andere das peinliche Bewusstsein ,• dass 



— 57 — 

alle Beziehungen zur Aussenwelt anders oder unmöglich 
geworden sind, dass vermöge des subjektiv stärkeren 
Schmerzes alle von aussen kommenden Gemüthseindrücke 
nicht mehr möglich sind (psychische Anaesthesie). Der 
Kranke klagt darüber, dass er gleichgültig gegen alle 
Lebensbeziehungen, gefühllos, gemüthlos geworden sei. 

Die Verminderung des Selbstgefühls führt zu Selbst- 
unterschätzung , zu Mangel an Selbstvertrauen. Auf dem 
Boden dieser schmerzHchen Verstimmung erheben sich 
nun Affekte, spontan oder durch körperliche Missgefüble, 
peinliche Apperceptionen und Vorstellungen vermittelt. 

Die Affekte beziehen sich auf die Gegenwart und 
äussern sich als Langeweile, Traurigkeit, Verdriesslich- 
keit. Selbst- und Weltschmerz, oder sie sind schmerz- 
liche Erwartungsaflfekte und bestehen in objektloser 
Bangigkeit, Besorgtheit, Furcht vor der Zukunft. Immer 
erzeugen sie eine peinliche Unruhe des Gemüths. 

Das schmerzliche Fühlen bedingt nothwendig ein 
schmerzliches Vorstellen, denn dieses steht ja unter d^m 
Zwang des Fühlens. Nur diesem adäquate Vorstellungen 
können sich im Bewusstsein halten , alle anderen werden 
abgestossen. $s kommt hier zunächst noch nicht zu in- 
haltlichen Störungen des Vörstellens, zu Wahiiideen, ob- 
wohl schon jetzt dem Kranken allerlei auf Vergangenheit 
und Zukunft sich beziehende spontan, oft ganz unbewusst 
als Erklärung der pathologischen Stimmung sich auf- 
drängende Vorstellungen darbieten, deren Grundlosigkeit 
er aber noch einsieht und sie demgemäss bekämpft. Wohl 
aber kommt es zu folgenreichen Störungen im formalen 
Mechanismus des Vörstellens — die Ideenassociation wird 
behindert, das Vorstellen monoton, durch den psychischen 
Schmerz in seinem Ablauf verlangsamt. 

Leicht geschieht es nun, dass einzelne concrete Vor- 
stellungen in welchen sich das krankhafte Fühlen objekti- 
virt hat und das sie beständig unterhält, oder durch innere 
pathologische Reize (pathologische Erregung vorstellender 
Centren, krankhafte Organempfindung!^, Neuralgien) ge- 



- 58 - 

weckte und fortdauernd wieder angeregte oder durch ein 
überraschendes äusseres Ereigniss inducirte im Bewusst- 
sein sich fixiren und mit solcher Prävalenz fortwährend 
diesem geltend machen, dass andere Vorstellungen da- 
gegen nicht aufkommen können. Ein solcher Zustand 
ist äusserst qualvoll. Der Kranke erkennt klar das Thö- 
richte, Verwerfliche solcher Vorstellungen , . er fühlt pein- 
lich das Hemmende, Ueberwältigende eines solchen ihm 
aufgedrungenen Bewusstseinsinhalts , aber er fühlt auch 
wie machtlos er dagegen ankämpft, wie er sich des 
Zwangs nicht entschlagen, neue Associationen nicht mehr 
schaffen kann. Leicht geschieht es nun, dass nach dem 
psychologischen Gesetz, vermöge dessen sich jeweils die 
stärksten Vorstellungen, namentlich wenn nicht durch 
contrastirende contrebalancirt, einen Einfluss auf das 
Handeln trotz allem Protest des Ich sich erzwingen, die- 
sen unwiderstehlich gewordenen Zwangsvorstellungen 
Vollzug gegeben wird, so dass der Kranke wie ein Auto- 
mat, gegen seinen Willen, als bloses Werkzeug ihren In- 
halt, der vielfach ein crimineller ist, in einer Handlung 
realisiren muss. 

Dann haben sie aber criminalpsycholpgisch dieselbe 
Bedeutung wie Wahnideen, sind/ Aequivalente solcher. 
Die Literatur ist ausserordentlich reich an Casuistik für 
dieses Handeln aus Zwangsvorstellungen, deren Inhalt 
ebenso gut ein bedeutungsloser lächerlicher als ein ver- 
brecherischer z B. Mord, Brandstiftung, Selbstmord etc. 
sein kann. 

Nicht selten wird die unmittelbare Veranlassung zu 
derartigen Zwangsvorstellungen durch überraschejide äus- 
sere Apperceptionen , die eine präoccupirte krankhafte 
Stimmung und einen krankhaft gestörten Associationscne- 
chanismus trafen und dadurch sich fixiren konnten, gege- 
ben. So hat man sie bei neuropathischen und psycho- 
pathischen Individuen durch Gegenwart bei Hinrichtungen 
und Brandunglücken, durch die erschütternde Nachricht 
vom Selbstmord nahestehender Personen, durch Zeituags- 



J 



~ 59 — 

berichte von schrecklichen Mordthaten, beim unerwarteten 
Anblick von Mordinstrumenten, Abgründen u. dgl. ent- 
stehen und in einer imitatorischen Wiederholung des 
Ereignisses das sie erzeugte, sich objektiviren gesehen. 

Auch die motorische Seite des Seelenlebens bei me- 
lancholischer Depression ist tief verändert. Eine noth- 
wendige Reaktion auf das krankhafte Fühlen und Vor- 
stellen ist Interesselosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Beruf 
und Strebifngen des gesunden Lebens, Neigung zur Träg- 
heit, Vorsichhinbrüten, Bettliegen, Aber nicht immer ver- 
hält sich das kranke Ich ,träge und reaktionslos gegen 
den krankhaften Bewusstseinsinhalt, es kann zu äusserst 
stürmischen und gefährlichen Reaktionen auf diesen kom- 
men, zu criminellen Handlungen die begreiflicherweise 
vorzugsweise in Mord, Körperverletzung, Brandstiftung, 
Selbstmord bestehen und diesen Zuständen eine eminente 
Wichtigkeit verleihen. 

Die Bedingungen für diese explosiven Gewaltthateh 
haben wir in dem krankhaften Bewusstseinsinhalt, den 
krankhaften Stimmungen, Affekten und Vorstellungen zu 
suchen. 

Eine wichtige Quelle für Gewaltthaten jergibt sich 
aus der krankhaften schmerzlichen Verstimmung direkt, 
indem sie unerträglich wird. Die Gefühle psychischer 
Dysaesthesie, die Welt und damit Leben schlecht, ver- 
ändert, verabscheuungswerth erscheinen lassen, die pein- 
lichem Affekte der Langeweile, der Hemmung des Vor- 
stellens, die ängstlichen Erwartungsaffekte ungewisser 
aber jedenfalls schrecklicher Zukunft, das quälende Be- 
wusstsein des nicht niehr Könnens, Leistens, Wollens, das 
entsetzliche Gefühl sich des krankhaften Zustands nicht 
mehr entschlageu zu können sind es zunächst, die solche 
criminelle Antriebe erzeugen. Die unmittelbare Veran- 
lassung dazu bildet gewöhnlich ein Affekt der Verzweif- 
lung, einer der im Folgenden zu schildernden raptusartigen 
Angstzufälle, eine überraschende Apperception, eine plötz- 
lich das Bewusstsein überfallende Idee, z. B. eigner und 



— 60 — 

allgemeiner Nichtexistenz , oder eine Sinnestäuschung^ 
eine Zwangsvorstellung die unerträglich geworden ist. 
Die nächstliegende Aussicht all diesem Qualvollen zu ent- 
gehen ist der Selbstmord. Er ist sehr häufig in diesem 
Zustand und die Mehrzahl der Selbstmöder besteht aus 
solchen Unglücklichen. Aber es ist oft ganz zufallig und 
psychologisch ganz irrelevant ob es zum Selbstmord 
kommt oder zu einer anderen zerstörenden Handlung, 
So kann der Kranke im entsetzlichen Bewu«stsein des 
Nichtmehrkönnens und. WoUens und der Verzweiflung 
darüber dazu kommen,, sich selbst mit Aufbietung seiner 
letzten Kräfte die Probe zu liefern ob er denn wirklich 
Nichts mehr vollbringen kann und diese mit der Zer- 
störung seines Mobiliars oder mit der Inbrandsteckung 
seines Hauses ablegen^ ebenso leicht kann er im qual- 
vollen Gefühl seiner trostlosen Langeweile, seiner Todes- 
bangigkeit und des grässlichen Stillstands seiner Gedanken 
um jeden Preis eine Aenderung seiner Lage begehren 
und es ist dann psychologisch gleichgiltig, ob er im Selbst- 
mord, in Selbstverstümmelung oder im Mord eines An- 
deren diesen Zweck erreicht. 

Ganz derselbe psychologische Vorgang liegt zu Grund, 
wenn eine Zwangsvorstellung sich ein Handeln erzwingt. 
Das Gefühl der Angst, das jede Stagnation des Vorstel- 
lens erzeugt, wird dann so fürchterlich, da^s gegenüber 
dieser peinlichen Klemme und Spannung im Bewusstsein 
die verbrecherische That und ihre schlimmen Folgen als 
das geringere Uebel und einzige Mittel erscheinen , um 
von diesem trostlosen Zustand, dessen Beseitigung durch 
spontane Ablösung vor auf dem gewöhnlichen Weg der 
Association gebildeten Vorstellungen nicht mehr möglich 
ist, befreit zu werden. Die That entspringt hier aus dem 
Drang der Selbsterhaltung, sie geschieht nicht ihrer selbst 
willen, nicht aus einem verbrecherischen Motiv, ihr Zweck 
ist einfach Selbsterhaltung, ihr Objekt ein zufälliges, nur 
Mittel zum Zweck. 

Bemerkenswerthe Fälle aus der Casuistik solcher Zu- 



- 61 -' 

stände sind die, wo Melancholische um jeden Preis sich 
aus der Welt schaffen möchten, aber nicht ioi Stand sind 
Hand an sich zu legen und Andere dazu dingen, sie um- 
zubringen oder Andere ermorden, todeswürdige Verbre- 
chen begehen oder solcher fälschlich sich vor Gericht be- 
zichtigen um durch das Schaflbt ihren Zweck zu erreichen. 
Meist ist es Feigheit oder die Melancholischen eigenthüm- 
liehe WjUenshemmung, die sie hindert direkt ihren Zweck 
zu erreichen, zuweilen sind es religiöse Skrupel die den 
Selbstmord, nach welchem keine Busse und Aussöhnung 
mit Gott mehr möglich ist, perhorresciren lassen* 

Eine weitere wichtige criminelle Categorie von me- 
lancholisch Verstimmten bilden die Mörder ihrer eignen 
Kinder — aus Liebe. Es sind durch Schicksalsschläge 
gebeugte, in Noth und Armuth verzweifelnde Eltern, die 
im Gefühl ihrer psychischen Dysaesthesie und krankhafter 
ünterschätzung ihrer Leistungsfähigkeit nur noch ein Le- 
ben voller Elend und Noth, Hungertod und dadurch Un- 
tergang für sich und die zärtlich geliebten Angehörigen 
voraussehen. Sie können und wollen dieses äusserste 
Elend nicht erleben und beschhessen ihren eignen anti- 
cipirten Untergang, aber ihr liebendes Elternherz kann 
sich nicht entschliessen ihr Liebstes in dieser hoflfnungs- 
freude- und liebeleeren Welt dem sichern Untergang 
allein entgegengehen zu lassen. So ermorden sie zuerst 
ihre Kinder und legen dann Hand an sich selbst. 
Gar häutig gelingt ihnen aber dann der Selbstmord nicht 
aus mangelhaften Mitteln oder indem mit der grässlichen 
That eine schreckliche Ernüchterung eingetreten ist, sie 
flüchten sich in die Hände des Richters und erflehen von 
ihm die ersehnte Erlösung von ihren Seelenqualen. Solche 
Nachtbilder menschhcher Existenz sind nicht selten, ihre 
forensische Beurtheilung vielfach eine ungerechte, wenn 
der Massstab der Unterscheidungsfähigkeit an die Z. sol- 
cher Unglücklichen angelegt wird. 

Wie fatal dieser Standpunkt ist beweisen die Fälle, 
wo Eltern aus einem der angedeuteten Gründe nach dem 



- 62 - 

* 

Mord gar nicht zum Selbstmord schreiten, sondern ihren 
Äweck und die Wiedervereinigung mit den geliebten Kin- 
dern durch das Schaffet von vornherein erstreben , sich 
selbst den Gerichten übergeben und Alles aufbieten um 
hingerichtet zu werden. 

Der Mechanismus des Handelns bei Verbrechen die 
von an melancholischer Depression Leidenden verübt 
werden, hat viel Gemeinsames und Bezeichnendes. Ausser 
da wo ein heftiger Affekt im Augenblick der That die. 
Besonnenheit trübt, geschieht sie mit bemerkenswerther 
Kaltblütigkeit, richtiger Wahl der Mittel. Nie verfolgt der 
Thäter egoistische Zwecke, mit der consumirten That ist 
ja der Zweck erreicht, der nie direkt auf dieselbe ge- 
richtet ist, sondern die für ihn nur das Mittel bildet. Nie 
fehlt die Ernüchterung und Erleichterung um deren willen 
in der Regel die That begangen wird, ja diese kann 
selbst bis zu einer Intermission der 'Melancholie gehen, 
so dass an dem Angeschuldigten vorerst keine Krankheit 
sich findet, sondern nur die physiologische Reaktion auf 
die dunkle That , die sich wieder je nach der Individuali- 
tät in stumpfsinniger Resignation oder wildem afFektvoIlem 
Schmerz kundgeben kann. Nie fehlt auch demgemäss die 
Einsicht in die Bedeutung der Handlung und aufrichtige 
Reue, offenes Gcständniss. Die Meisten überliefern sich 
selbst dem Richter. Manche treibt Angst und Entsetzen 
fort vt)n der Stätte des Unglücks um planlos umher 
zu irren. 

Die gerichtsärztliche Expertise darf nicht in- der Be- 
urtheilung von Handlung und Motiven, die ja nur Einzel- 
momente d^s ganzen Zustands sind,, aufgehen, ebenso- 
wenig sich davon beirren lassen, wenn sich nach der That 
keine Zeichen von Krankheit finden. Der Zustand vor 
der That ist es der wesentlich den Ausgangspunkt dfer 
Untersuchung bilden muss, nur darf diese sich nicht auf 
allgemein psychologische Momente und Leumundsfrage 
beschränken. Auch die kleinsten Umstände aus der Le- 
bensgeschichte, die nebst Anlage und etwaiger Erblich- 



- 63 - 

keit nach allen somatischen ^ ethischen und intellectuellen 
Richtungen hin sorgfältig zu ermitteln ist, müssen beach- 
. tet werden. Wichtig ist immer eine der That voraus- 
gehende Aenderung des ganzen Wesens, wenn z. B. der 
früher religiös Indifferente oder Nüchterne nun (im Ge- 
fühl seiner Gemüthsbeklemmung und Herzensangst) ein 
eifriger Kirchenbesucher geworden ist oder sich dem 
Trunk ergeben hat, wenn gewisse Neigungen und Ge- 
wohnheiten aufgegeben wurden, Gleichgiltigkeit, Trägheit, 
Vernachlässigung der Pflichten und Rücksichten, Mangel 
an Selbstvertrauen, Befürchtungen vor der Zukunft, Reiz- 
barkeit^ Weinerlichkeit, Aufsuchen der * Einsamkeit be- 
merkt wurden, wenn der Betr. sich mit Selbstmordge- 
danken trug, Selbstmordversuche machte, unruhiges, trieb- 
artiges UmhjBrlaufen zeigte, vage Andeutungen von einem 
bevorstehenden grässlichen Unglück, Klagen über Un- 
fähigkeit zu denken und arbeiten fallen liess, wenn er, 
wie es häufig bei Zwangsvorstellungen, sein Opfer mied, 
es selbst warnte, sich der Mittel ziir That zu berauben 
suchte. Dazu finden sich oft Kopfweh, Schlaflosigkeit, 
Angstgefühle, Gefühle von Hemmung der Gedanken, Ge- 
dankenleere , Empfindungen von Druck oder Leere im 
Epigastrium. Oft hat der Betr. sich an Seelsorger und 
Aerzte um Hülfe und Rath gewandt. 

So plötzlich und grässlich die That auch erfolgen 
k9.nn, so wenig tritt sie unvermittelt ein. In der Regel 
gehen ihr peinliche Gefmüthserschütterungen, ein heftiges 
Ringen und Kämpfen mit dem bösen Antrieb voraus. 

Ueber die Aufhebung der Willensfreiheit durch der- 
artige krankhafte Störungen der Geistesthätigkeit, wenn * 
sie auch in einer blossen melimcholischen Depression be^ 
stehen, kann kein Zweifel obwalten. Das Strafbarkeits- 
bewusstsein ist zwar abstrakt vorhanden, aber im Augen- 
blick der That verdunkelt und ohnmächtig gegenüber der 
Gewalt des schmerzlichen Fühlens. Die Besonnenheit 
und freie Wahl sind aufgehoben durch ein krankhaftes 
^' Fühlen, das einen adäquaten krankhaften Bewusstseius- 



wm 



e 
II 

.1 



— 64 -- 



g Inhalt schafft, jegliche contrastirende Vorstellung fernhält, 

die objektive Welt im Spiegel der krankhafteiv ßtimmuog 
verfälscht darstellt. 

Die That ist nichts Andres als Reflex psychischer 
Dys- und Anaesthesie, überwältigender Affekte, zvvingen- 
der Vorstellungen; ihre Motive sind somit krankhafte 
nicht verbrecherische , spontane nicht gewählte , der 
Kranke steht unter einem psychologischen Zwaqg, den er 
nicht durchbrechen kann , er handelt reflektorisch auto- 
matisch, nicht willkürlich. Könnte er anders empfindea 
und vorstellen, so würde er auch anders wollen und 
handeln* 

Solche Zustände einfacher Gemüthsdepression finden 
sich nun äusserst häufig als einleitendes Stadium des 
Irreseins, aber auch bei einer Reihe von Nervenaffektio- 
nen wie Hysterie und Epilepsie als intercurrirendes Phä- 
nomen, ferner bei durch Ausschweifungen erschöpftem 
Körper, durch Schicksalsschläge erschüttertem Gemüth 
und entgehen, graduell äusserst verschieden oft lange der 
Beobachtung, da der Kranke das Bewusstsein seiner 
Krankheit vielfach hat und in energischem Kampf mit 
derselben wenigstens die äussere Ruhe und Besonnenheit 
zu erheucheln weiss. 

Besonders häufig sind solche Störungen auch in der 
Pubertätszeit, wo zu dem Gefühlsleben in inniger Be- 
ziehung stehende Organe neue Regungen geltend machen 
und jenes leicht in Unordnung bHngen, zumal da, w^o 
sich erbliche Anlage zu Psychosen, Onanie, Anaeniie, 
psychische und physische depotenzirende Einflüsse geltend 
machen. 

Viele, wohl die meisten an solcher melancholischer 
Depression Leidenden kommen nicht in Irrenanstalten 
und zur Beobachtung der Aerzte, besonders dann nicht, 
wenn die Störung nicht weiier fortschreitet, sich nicht mit 
Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen complicirt 
Der Kranke spricht dann nicht irre, besorgt zur Noth 
' noch seine Geschäfte und wenn auch sein düsteres ^We- 



- 65 - 

« 

sen, seine unmotivirte Verstiinmung, seine grössere Reit- 
barkeity die Aenderuog seiner gewohnten Denk- und 
Empfindungsweise auffallen, so finden sich genug äussere 
Momente, vom Kranken selbst vorgeschützte äussere 
Gründe, um die anscheinenden Launen, das Sichgehen- 
lassen, das Uebersehen gewohnter Rücksichten und 
Pflichten zu erklären. Trotzdem, dass der Kranke sich 
ausser diesen kleinen Wunderlichkeiten und Tic's beson- 
nen und ruhig verhält, gleicht er dem Vulkan, unter des- 
sen Asche 'sich eine Eruption vorbereitet und in gering- 
fügigen inneren uqd äusseren Umständen liegt es oft be- 
gründet, wenn das gepresste Gemüth sich in einer furcht- 
baren Gewaltthat Luft macht. 

Ein solcher Zustand einfacher Gemüthsdepression 
liegt wesentlich auch der Hypochondrie zu Grund, 
jener vielverbreiteten Psychoneurose , über die man sich 
lange gestritten hat, ob sie zu den psychischen oder zu 
den Nervenkrankheiten zu zählen sei. 

Er findet sich ferner bei Heimwehkranken. Die 
psychischen Ursachen sind hier die unbehaglichen Ver- 
hältnisse in denen sich der Betr. befindet und die ihn zu 
einer schmerzlichen Reflexion über seine Lage drängen. 
Dazu kommt die aus dieser Reflexion entstehende nicht 
befriedigte Sehnsucht heimzukommen und meist auch die 
Pubertätsperiode -mit ihren mannichfachen schädlichen 
Einflüssen auf das Gemüth. Das Vorstellen der Heim- 
wehkranken bewegt sich unter dem Zwang des schmerz- 
lichen Fühlens nur im engen Kreis des Denkens an die 
Heimath und mit der fortschreitenden Hyperaesthesie des 
Gesammtnervensystems kommt es leicht durch Umge^^ 
staltung der immer auf denselben Gegenstand gerichteten 
Vorstellungen zu Sinnestäuschungen (Visionen der Hei- 
math, Stimmen rufender Verwandten) und durch den 
Cinflüss dieser oder durch Angstzuftllle oder den Zwang 
des schmerzlichen Fühlens allein, oder durch Zwangs- 
vorstellungen, die wieder imitatorisch geweckt sein kön- 
nen, zu zerstörenden Handlungen, die zuweilen in Selbst- 

V» K r a f f t • E b i n g, Criminalpsychologie . 5 



-^ 66 - 

mord, in der Regel aber in Brandstiftung bestehen, als 
dem näeiistliegenden. und leichtesten Mittel sich der quä- 
lenden Bewasstseinszustände zu entäussern. Ausdieseü 
Fällen, zusammen mit Afifekthandiungen kindischer unent- 
wickelter Menschen, die aus Rache und Zorn, ohne deut- 
liches Bewusstsein der Bedeutung der Handlung und ihrer 
Folgen anzündeten, hat eine ältere unwissenschaftliche 
Anschauung eine eigne Species von Monomanieu ^ die 
Pyromanie gemacht, die gleichwie ihre Schwestern nun- 
mehr der Geschichte' anheimgefallen ist. 

Eine Weitere Varietät dieser Depressionszustände ist 
die chronische habituelle schmerzliche Verstimmung. Sie 
findet sich als habituelle Gemüthsreizbarkeit, beständiger, 
wenn auch milder depressiver Affekt, der sich in Udzu- 
friedenheit; Bitterkeit, gereiztem Wesen, in Zank- und 
Schmähsucht, in Neigung zu Malti*aitage der Umgebung 
kund gibt. Da die äussere Besonnenheit erhalten, die 
logischen Processe intakt sind, wird die pathologische 
Natur des Zustands (melancholische folie raisonnänte) in 
der Regel verkannt. Die Kranken werden für Leute voo 
schlimmem Charakter und für Intriguanten gehalten^ 
kommen selten und nur bei Exacerbationen ihres Leidens 
in Irrenanstalten, zuweilen auch in Gefangnisse. Ein ge- 
naueres Studium dieser Leute lässt übrigens nicht ver« 
kennen, dass hier ein pathologischer zur Melancholie zu 
rechnender Zustand besteht, denn heftigere Aufregungs- 
zustände, depressive Affekte, Angstzufälle, Sinnesdelirien 
treten zuweilen und selbst periodisch hinzu, es finden 
sich bei ihnen oft deutlich ausgesprochene objektiv gar 
nicht motivirte Exacerbationen und Remissionen, sie 
haben nicht selten selbst ein gewisses Bewusstsein des 
Krankhaften ihres Zustands, empfinden es schmerzlich, 
dass sie sich so abstossend und feindlich gegen . die 
Aussenwelt verhalten müssen. Das Vorstellen ist. bei 
ihnen beständig unter 4em Zwang des sehmeifzlichen 
Füblens und auf Grund ihrer Gemüthsverstimmung be* 
kommen sie von der Aussenwelt nur widrige Eindrücke^ 



- 87 - 

sehen sie nur die Schattenseiten des Lebens und reagiren 
demgemäss durch übergrosse Empfindlichkeit und Reiz- 
barkeit auf die Eindrücke der Aussenwelt, zeigen sie ha- 
bituell üble Laune, vprleumden, verdächtigen, beschimpfen 
Andere. 

Ehrenkränkungen , Amtsehrenbeleidigungen j Schlä- 
gereien, zuweilen auch brutale Behandlung, Misshandiung 
der eignen Einder (Misopaedie — Boileau de Castelneau) 
sind ihre gewöhnlichen Vergehen. 

b) Die melaiicholische Verstimmung mit Angst- 
zufällen (Raptus melancholicus). 

Zur einfachen Gemüthsdepression gesellen sich nicht 
selten von innen heraus, durch die Gehirnstörung ver- 
mittelt, oder auch durch körperliche Missgefühle, nament- 
lich Neuralgien ,- nicht selten auch durch überraschende 
ängstliche Apperceptionen, Sinnestäuschungen und Vor- 
stellungen bedingt, Affekte heftigster aber objektloser 
Angst, die so plötzlich und intensiv sich geltend macheu 
können, dass Bewusstsein und Besonnenheit, ja selbst die 
Erinnerung für die Zeit dös Anfalls verloren gehen (Rap- 
tus melancholicus). 

Diese Angst ist entweder eine vage oder sie ist lo- 
kaliBirt und dann finden sich in der Regel am Sitz der 
Angst Paraesthesien und Neuralgien, wahrscheinlich als 
excentri^he, vom Hirn oder Rückenmark aus projicirte 
Erscheinungen. Die häufigste Varietät ist die praecor- 
diale wo die Angst im EpigaStrium empfunden wird, nicht 
selten auch die hypogastrische und die frontale. Diese 
Geraeingefühlsneurose Äeigfc ganz wie bei den Neuralgien 
Exacerbationen und Remissionen. Nu** selten bestehen 
vollkommene Intermissionen. Die Intensität der Angst- 
gefühle, die in ihrer Grundqualität als Bangigkeit, Gefühle 
von Druck, Beklemmung erscheinen, ist bei demselben 
wie bei verschiedenen Kranken in ihrer Intensität sehr 
wechselnd, am heftigsten ist sie immer wenn sie eine 

5 * 



.•V.» <• 



- 68 - 

präcordiale (Herzensangst) ist. Die Praeeordialangst ist 
nicht blos Theilsymptoni der Melancholie, sie tritt auch als 
complicirende Neurose bei Neuropathieen wie Hypochon- 
drie; Hysterie, Epilepsie, namentlich wenn Störungen im 
Sexualsystem bestehen, auf^ sie findet sich ausserdem im 

Delirium tremens und Alkoholismus chronicus. 

» 

Wesen und Genese der Präcordialangst sind, noch . 
nicht ganz aufgeklärt. Zuweilen mag sie durch periphere 
neuralgische Sensationen im Centralorgan ausgelöst sein, 
häufiger dürfte sie als excentrische Projektionserscheinung 
einer abnormen Erregung centraler Gebilde angesprochen 
werden. 

Eine entfernte Analogie dieses Zustands findet sich 
in den mit den ängstlichen Erwartungsaffekten Gesunder 
sich associirenden eigenthümlichen Sensationen von Un- 
ruhe, Druck, Unbehaglich keit im Epigastrium. Das kli- 
nische Bild der P. A. ist ein sehr ausgeprägtes, sie 
äussert sich lebhaft in Geberden und Bewegungen. Das 
Gesicht trägt oft den Ausdruck der Verzweiflung, der 
Blick ist scheu, irrend, es entsteht Herzklopfen, der Puls 
wird klein, frequent, die Respiration gehemmt, der Eopf 
congestionirt. 

Der Kranke treibt sich ruhelos umher. Hülfe suchend 
vor der verzehrenden inneren Qual und Angst, er rauft 
sich die Haare aus, kommt mit der Steigerung der Angst 
zu allen möglichen zerstörenden Handlungen (Mord, 
Selbstmord, Brandstiftung), die rein aus dem Drang mo- 
tivirt sind durch irgend eine That (Bergmannes Kranke^ 
die sich mit den Fingern die Bulbi aus der Orbita riss), 
eine Aenderung des unerträglichen Bewusstseinsinhalts 
zu setzen, oder die Angst projicirt sich in schrecklichen 
sie^ noch steigernden Sinnestäuschungen, in Yorstelluagen 
allgemeiner und eigner NichtexistenZ; die in blitzschnellem 
Wechsel am Bewusstsein vorübereilen und zur Entäusser- 
ung drängen. 

Das Handeln im Raptus melancholicus hat einen 
eignen Mechanismus^ den man kennen muss um sieh 



- 69 - 

gegen Verwechslung mit andern Zuständen und gegen 
Simulation zu wahren. Nie ist es dem Kranken um die 
Erreichung eines objektiven Zwecks zu'thun, sondern nur 
um die Entäusserung eines Bewusstseinszustands , der 
furchtbar, unerträglich geworden ist und mit einem ande- 
ren, gleichviel welchem vertauscht werden muss. Daraus 
und aus der Trübung des Selbstbewusstseins erklärt sich, 
dass das Handeln nie ein planvolles, zweckmäsmges, son- 
dern ein blindes gleichsam convulsivisches ist. Das 
grässliche Fühlen bedingt dabei einen gewissen Eclat, 
eine über jedes vernünftige Ziel fiinausschiessende Rück- 
sichtslosigkeit und Grausamkeit. Der Selbstmord wird 
z» B. in der fürchterlichsten Weise durch Einrennen des 
Kopfs, Hinausspringen zum Fenster ins Werk gesetzt, 
obwohl weniger schreckliche und zuverlässigere Mittel 
dem Kranken zu Gebot standen, oder der Kranke be- 
gnügt sich nicht mit dem einfachen Mord seines Opfers, 
sondern verstümmelt es in der gräulichsten Weise. Zeit, 
Ort, Mittel, Zeugen sind gleichgiltig bei der Ausführung, 
der Gegenstand an dem gehandelt wird, ein zufalliger. 
Unmittelbar nach gelungener That fühlt sich der Kranke 
immer erleichtert, momentan befreit von der qualvollen 
Spannung; Wie wenig es ihm um die That als solche zu 
thun war^ beweisen die Fälle von Brandstiftung aus Rap- 
tus, wo der Thäter dann eifrig löschen half, ohne den 
Hintergedanken, dadurch den Verdacht von sich ablenken 
zu wollen. Nach der That erfolgt Selbstanzeige, Reue, 
zuweilen auch Selbstmord, wenn sie eine grässliche war; 
war sie eine unbedeutende, so fühlt sich der Kranke er- 
leichtert und beruhigt. 

In Fällen wo die Angst nicht plötzlich ihren Culmi- 
nationspunkt erreichte ist es vorgekommen, dass der 
Kranke die Umgebung noch vor sich warnte; tritt der 
Raptus plötzlich ein^ so erfolgt ein blindes, grösstentheils 
bewusstloses Wüthen, 

Die Z. ist hier aufgehoben , die Handlung ist meist 
gar keine sondern ein blosser Zufall, im besten Fall nur 



~ 76 - 

eine zwangsmässige Entäusserung eines unerträglicb ge-^ 
wordenen Bewassiseinszustandes. In den herberen Gra^; 
den des Raptus fehlt das Selbstbewusstsein und damit 
aueb das der Handlung; das der Strafbarkeit der Hand- 
lang; wenn es je einträte, wird zum machÜosen Schatten- 
bild gegenüber der namenlosen Angst im Bewusstsein. 
Selten sind Anfälle von Raptus m^lancholicus bei bisher 
psychisch Gesunden. Sie finden sich noch am häufigsten 
bei Neuropathieen, bei Herzkranken ^ Asthmatikern, nach 
grossen Blutverlusten (Entbindung, Puerperium) und ver- 
laufen dann als für sich bestehender, transitorischer An- 
fall. Man kann sie dann als MelanchoUa transitoria be- 
zeichnen und gewissen ähnlichen Zuständen von Mania 
transitoria gegenüberstellen, zumal da auch dort wie bei 
diesen die Erinnerung für die ganze Dauer des AnfiUls 
zu fehlen pflegt. 

e) Die Melancholie auf der Höhe ihrer Entwick 

lung (Melancholia äctiva). 

Wird die motorische Seite des Seelenlebens von dem 
psychischen Schnqerz und zu grösserer Intensität gelang- 
ten und stehend gewordenen peinlichen Affekten in an-^ 
haltende Unruhe und Reaktion versetzt (Melancholia 
errabunda), kommt es zu einer delirienartigen Flucht der 
Vorstellungen, deren Inhalt aber, entgegen der Manie 
immec ein monotoner ist, entwickeln sich aus einzelnen 
pathologisch intensiven Vorstellungen oder aus den ängst- 
lichen Erwartungsaffekten, Sinnestäuschungen, aus diesen 
oder dem krankhaften Bewusstseinsinhalt durch Reflexion 
oder spontan durch . idiopathische Erregung vorstellender 
Centren vermittelt, Wahnideen, so befindet sich die Me- 
lancholie auf der Hphe ihrer Entwicklung und wird dan« 
gewöhnlich Melancholia activa oder agitaps genannt nach 
der vorwiegend betheiligten motorischen Seite , die sich 
in peinlicher Unruhe, Unstetigkeit, Händeringen, Seufzen, 
Wßinen, fqrtwftbrendem Prang den Ort »u wechseln^ in 



— 71 - 

Zerstörung von Objekten bis zu wahrhaft; cofiTulsivischMn 
Toben und Wüthen als Reaktion auf den qualvollen Be- 
wusstseinszustand kundgibt 

Auf dieser Höhe verharrt das Krankheitsbild selten 
lange, meist bildet es nur eine Exacerbation einer chro* 
niscben schmerzlichen Verstimmung, oder wenn es für 
sich besteht, verläuft es acut, entweder zur Genesung 
oder zu psychischen Schwächezuständen. 

Solche Menschen sind äusserst gefahrlieh, *zunä>chst 
gegen sich^ dann aber auch gegen die Umgebung. Der 
criminellen Handlungen aus krankhaften Gefühlen^ Affek- 
ten, Raptus und Zwangsvorstellungen sowie ibifes Mecha- 
nismus haben wir schon Erwähnung gethan, es bleiben 
nur noch 2 Quellen cripnineller Handinngen übrig zu er- 
läutern, nämlich Qewaltthaten aus Sinnestäuschungen und 
aus Wahnvorstellungen. 

Im Allgemeinen sind die aus Sinnesdelirien Melan- 
cholischer hervorgehenden Gewaltthaten schrecklicher 
Art entsprechend dem negativen Inhalt jener. Bald sind 
es der Höhe der schmerzlichen Verstimmung, Affekten 
der Angst entspringende Stimmen, die direkt zum Mor^ 
oder Selbstmord auffordern, bald Stimmen die grässliches 
dem Kranken bevorstehendes Unheil \;ßrkünden, dem zu 
entgehen er zum Selbstmord schreitet. Den gleichen Ein- 
fluss können schreckhafte Visionen haben. Illusorische 
Apperception der Umgetmug ist während der ängstlichen 
Erregungszustände Melancholischer häufig und meist der 
Grund plötzlicher Angriffe auf das Leben jener. 6e- 
schmackstäuschungen mit dem Wahn der Vergiftung, illu- 
sorische Deutung neuralgischer Empfindungen als ver- 
meintliche Misshändlmng, Verfolgung sind eine weitere 
Quelle von Gewaltthaten. In der Regel ist der Kranke 
nicht im Stand das Subjektive seiner Sinnestäuschungen 
2u erkennen, aber selbst wenn ihm dies gelingt^ können 
sie dennoch Gewaltthaten provociren, sei es dass sie eine 
solche Verwirrung und Angst hervorrufen, dass Bewusst- 
sein und Besonnenheit schwinden, , sei es dass die angst*. 



- 72 - ' 

liehe Aufregung und Verstimmung in Folge der unabläs- 
sig sich wiederholenden Sinnestäuschungen unerträglich 
geworden ist- und in Selbstmord oder einer gegen Andre 
oder Objekte gerichteten zerstörenden That ein Ende fin- 
den muss. Nur in diesem Fall ist Einsicht in die Lage 
und Reue nach der erleichternden That möglich, während: 
sie nothwendig fehlen muss wenn die Hallucin'ation nicht 
als solche erkannt wurde oder eine sonstwie gebildete 
Wahnvorstellung das Handeln hervorrief. Aeusserst man- 
nichfach sind die Wahnideen Melancholischer und die sich 
daraus ergebenden Möglichkeiten einer Rechtsverletzung. 

Ein häufiger Wahn solcher Kranker ist der von And- 
ren verkannt, verspottet, verfolgt zu werden. Die tiefe 
Erniedrigung des Selbstgefühls, das aus psychischer Dys* 
ästhesie hervorgehende Bewusstsein , dass alle Beziehun- 
gen zur Aussen weit widrig und feindlich geworden sind/ 
ferner Gesichts- und Gehörsillusionen bilden seine Ele<- 
mente« Ein A£fekt, eine illusorische Sinneswahrnehmung 
genügen dann ofi; zu einer Gewaltthat gegen die vermeint- 
lichen Feinde, die dann ganz den Charakter der Nothwehr 
hat Das Gefühl der Bangigkeit und Ruhelosigkeit wie 
bei einem Verbrecher erzeugt leicht den Wahn bevorste- 
hender gerichtlicher Verfolgung, wobei der Kranke eine 
frühere gesetzwidrige Handlung hervorholt oder eine ganz 
harmlose oft gar nicht criminelle Handlung oder Unter- 
lassung aus seinem früheren Leben als Beleg hinnimmt. 
Die daraus nothwendig bedingten ängstlichen Erwartungs- 
affekte drohenden Verlustes von Leben, Vermögen, Frei- 
heit, Ehre führen zu allen möglichen (s. o.) angedeute- 
ten ,, jGewaltthaten . 

Weiter ist es das Gefühl mangelnden Könnens und 
Wollens (Abulie) psychischer Dys- und Anästhesie, das 
Selbst- und Weltbewusstsein fälscht, zum Wahikder Ver- 
armung, drohenden Weltuntergangs führt und zum Selbst- 
mord, Mord der liebsten Angehörigen etc. Anlass gibt. 

Das Gefühl veränderter Beziehungen zur Religion, 
maqgelnden Trostes im Gebet erzeugt Affekte der Ver- 



— 73 — 

zweiflung, WahD die götUiche Gnade verloren zu haben, 
ein Teufel, ein Tbier zu sein und ausser Selbstmord alle 
mögliehen RechtsTerletzungen. 

Bei jeder That aus Wahnvorstellung ist der Thäter 
unfrei weil der Wahn ein pathologischer und die Prä- 
misse eine falsche war, die Trübung des Selbstbewusst- 
seins eine Correktur unmöglich machte. Von Z. kann 
deshalb nicht die Rede sein, selbst wenn das Bewusstsein 
der Handlung, ihrer Folgen und Strafbarkeit zugegen war. 

t. Die Manie. 

Gegenüber den Zuständen krankhaften Insichgekehrt- 
seins mit Depression der Selbstempfindung, schmerzlichen 
Affekten, Hemmung und Beschränkung des Vorstellens und 
m'eist auch des Strebens , wie sie in der Melancholie zu- 
sammengefasst werden , unterscheidet die Wissenschaft 
eine grosse Reihe von ursprünglich rein affektiven oder 
Gemüthsstörungen, deren Kennzeichen ein krankhaftes 
Aüssersichsein, eine Erhöhung der Selbstempfindung, ein 
gesteigerter und leichterer Ablauf der Vorstellungen sind 
und bezeichnet sie mit dem Namen Manie. Die Manie 
umfasst alle jene Zustände affektiver und primärer Störung 
des Seelenlebens, deren Grundzug das Herrschen einer 
krankhaft erhöhten Selbstempfindung ist. So verschieden- 
artig im äussern klinischen Bilde sich die unter dem ge- 
nerellen Namen der Manie zusammengefassten . Krank- 
heitsbilder gestalten ; sind sie doch nur Varianten und 
vielfach einfache Steigerungen der elementaren Störung, 
die sich im Gebiete des Fühlens in einer spontanen, äus- 
serlich unmotivirten erhöhten Selbstempfindung und dem 
Herrschen von Affekten der Lust, im Gebiet des Vorstel- 
lens als erhöhte Leichtigkeit des Vorstellungsablaufs, im 
Gebiete des Strebens als erhöhte Leichtigkeit des Um- 
schFagens von Empfindungen und Vorstellungen in moto- 
rische Akte kundgibt 

Die niedern Stufen dieses eigenthümlichen psychopa- 



-- 74 - 

thischen Zusfcaodes, wo die Beachleiinigung und Steiger- 
ung aller psychischen Proeesse noch nit^t so höefcgrädig' 
ist, dass die Wahrnehmungen aus der äusseren Weit ybf-^^ 
hindert sind, und noch ein gewisses Mass von Reflexion 
und Besonnenheit ein motivirtes Handeln gestatten ; be-« 
zeichnen wir als maniakalische Exaltation, die hö'- 
hern Stufen des Processes, wo das Vorstellen mit sol- 
cher Präcipitation vor sich geht, dass keine Einzdvor-' 
Stellung mehr festgehalten wird, und Ideenflucht und Ver^ 
worrenheit eintreten, die motorischen Akte nur mehr zu- 
fällig, spontan, triebartig zu Stande kommen, fassen wir 
unter der Bezeichnung Tobsucht zusammen. Die aus- 
geprägten Zustände von Tobsucht, falls sie nicht akut 
und transitorisch verlaufen, bilden kaum Gegenstände des 
Zweifels für die gerichtliche Medicin , anders ist es aber 
mit der blossen maniakalischen Exaltation, namentlich 
wenn sich gewisse triebartige Impulse damit verbinden. 
Der Zustand kann dann als ein physiologischer dem Un- 
geübten erscheinen, besonders wenn das Krankheitsfoild 
ein wenig ausgeprägtes ist, od^ der Kranke gerade in 
einem Remissionsstadium seiner Krankheit zur Explora- 
tion kommt. Gleichwohl ist in soleben Zuständen einfa^ 
eher Exaltation die Freiheit der Willensbestimmung voll- 
ständig verloren gegangen ^ sei es, dass die natürlichen 
Triebe und sinnlichen Regungen eine pathologische Stärke 
erreicht haben, sei es, dass das Vorstellen zu beschleu- 
nigt abläuft, als dass ein ruhiges Besinnen und Ueberle- 
gen vor dem Handeln itiöglich wäre (der Kranke wird 
von seinen sinnlichen Antrieben gleichsam überrumpelt), 
sei eSn dass ähnlich wie im analogen Zustand der Be- 
rauschung, die sittlichen, ästhetischen, corrigirenden Vor- 
stellungen temporär fehlen, gar nicht zum Bewusstsein 
kommen. Daraus ergibt sich aber die Möglichkeit einer 
Reihe von Rechtsverletzungen. Zunächst ist es die Stei- 
gerung der natürlichen Triebe, namentlich des Geschlechts^ 
tr\ebs, welche sie veranlasst. So lange die maniakalische 
Exaltation ihre Höhe noch nicht erreicht bat; komnit es 






— 75 - 

bloss sfruuomoraliscber Leb cds weise ; zu sexuellen Exces-^ 
aea, Besuchen von Bordellen, übereilten Liebeserklärun- 
gen, Anknüpfung ganz sinnloser Liebesabenteuer; erreicht 
die Tobsucht ihre Höhe, so zeigt sich. der krankhaft ge- 
steigerte Trieb aller Rücksicht auf Scham und Sitte ledig, 
und äussert sich schamlos in Masturbation; rücksichtslo- 
sen Angriffen auf das andere Geschlecht, Neigung, sich 
zu entblössen, wodurch die öffentliche Sittlichkeit com- 
promittirt und Nothzuchts- und Unzuchisverbrechen be^ 
dingt werden. Je nachdem der krankhaft gesteigerte Ge- 
schlechtstrieb sich in ersterer, oder zweiter Weise äussert, 
und vorzugsweise das Kraiikheitsbild beherrscht, sprach 
mar) früher von Erotomanie oder Satyriasis resp. Nym- 
phomanie (bei Weibern). 

Eine andere Quelle von Collisionen mit dem Strafge- 
setz ergibt sich aus der gemüthlichen Erregbarkeit und 
dem gesteigerten Selbstgefühl der Kranken. Dieselben, 
ertragen keinen Widerspruch , keine Hemmung ihrer aus- 
schweifenden Wünsche und Pläne, reagiren darauf in 
brüsker, brutaler Weise, und die noth wendige Folge sind 
Ehrenkränkung^en, Duelle, Streit und Körperverletzungen. 
Eine weitere wichtige Ursache von criminellen Handlun- 
gen in der Manie sind aus der Gehirnerkrankung heraus- 
gesetzte triebartige Impulse. Am häufigsten und am be- 
sten gekannt ist der Trieb zu Muskelbewegungen. In den 
uiedem Stufen der Manie, wo noch Vorstellungen das 
Bewegen auslösen, kommt es einfach zu übereilten Hand- 
lungen, zu zweckloser Geschäftigkeit, unsinnigen Unter- 
nehmungen, die mehr das Civilforum und die Frage der 
Verfügungsfreiheit berühren , doch beobachtet man auch 
hier s^hon nicht selten scheinbar rein muthwillige Hand- 
lungen, Zerstörung von fremdem Eigenthum, Verletzung 
von Personen. 

Während hier noch Vorstellungen und abnorme Lust- 
gefühle, die allerdings nicht mehr controlirt und beherrscht 
werden können, die motorischen Akte vermitteln, kommt 
es mit der Steigerung der Krankheit zu einem rei» trieb- 



— 76 — 

artigen automatischen Bewegen, das rein ziel- und zweck- 
los, um seiner selbst willen besteht, sich äussert, und als 
Zerstörungsdrang bezeichnet wird. Psychologisch ganz 
gleichgiltig ist es dann aber, ob dieser sich gegen werthlose 
Objekte oder gegen Personen kehrt, oder in Brandstiftung 
etwa entäussert wird. Leichtere Grade dieses Bewegungs- 
dranges äussern sich vielfach als Wandertrieb, zielloses 
vagabundirendes Umhertreiben. In ähnlicher Weise zeigt 
sich nicht selten bei maniakalischen Zuständen ein krank-" 
hafter Drang zu stehlen, zu saufen etc. 

Man hat daraus zu einer Zeit, wo die Wissenschaft 
noch in der Annahme isolirter Seelen vermögen und der 
Möglichkeit der Erkrankung eines abstrakten Willens Ver- 
mögens befangen war, mit einseitiger Herausgreifung die- 
ser Triebe, und Uebersehung des Grundzustandes, von 
diem sie nur ein Einzelnsymptom bildeten^ eine Lehre 
von den Monomanien konstruirt, die ebenso verderb- 
lich für die bessere Erkenntniss dieser Zustände, als für 
das Ansehen der Wissenschaft in foro war. 

Heutzutage ist die ganze vielberüchtigte Lehre von 
den Monomanien abgethan, und nur noch von histori- 
schem Interesse. Die Fortschritte der empirischen Psy- 
chologie haben uus belehrt, dass Trieb und Wollen nie 
etwas Primäres sind, sondern immer von Empfindungen 
und Vorstellungen aus gesetzt werden, dass alle sogenann- 
ten Seelenvermögen nur Abstractionen und alle psychi- 
schen Prozesse mit einander in solidarischer Verknüpfung 
und in innigem Zusammenwirken stehen, und dass ano- 
male Triebe und Willensäusserungen immer aut ursprüng- 
lichen Störungen im Empfinden und Vorstellen beruhen 
müssen, nie für sich allein die Krankheit ausmachen kön- 
nen, sondern immer nur Theilerscheinungen einer allge- 
meinen Störung des Seelenlebens sind. 

Ausgehend von diesen Thatsachen^ wird es uns nicht 
schwer werden, die vom Studirtisch aus construirten Mo- 
nomanien in ihr Nichts aufeulösen oder vielmehr sie als 



— 77 - 

Theilerseheinungen anderweitiger psychischer Krankheits- 
zustände nachzuweisen. , 

Bei diesem Versuche müssen wir vor Allem die so- 
genannten Fälle von Monomanien abrechnen, wo durch 
groben Fehler der Beobachtung Wahnsinnige oder Ver- 
rückte, getrieben durch Sinnestäuschungen oder Wahn- 
ideen zu häufiger Wiederholung derselben Handlung be- 
stimmt wurden, aber auch nach Abzug 4ieser Fälle blei- 
ben genug übrig, in welchen die Individuen trotz nicht 
vorhandener Erkrankung im Bereich der intellectuellen 
Funktionen und der logischen Prozesse nicht einfach wil- 
lenskrank waren, sondern an einer allgemeinen Seelen- 
störung Utten. Unter den sogenannten Monomanien sind 
es wesentlich der Mord-, Selbstmord-, BrandstiftungSr^ 
Stehl- und Saufbrieb, nicht zu gedenken der Vergiftungs- 
monomanie u. a. Luftgebilde, die hier in Betracht kommen. 

Was die 2 ersteren betrifft, so haben wir sie schon 
bei der Melancholie kennen gelernt und gesehen, dass 
da wo Mord und Selbstmord nicht geradezu durch Sinnes- 
täuschungen und Wahnvorstellungen vermittelt sind, der 
Trieb zum Mord' und Selbstmord nichts Anderes als die 
Reaktion auf unerträglich gewordene Gefühle, die end- 
liche Realisirung von Zwangsvorstellungen oder Ausfluss 
raptusartiger das Selbstbewusstsein tief störender Angst- 
zufalle ist, bei welch letztern es ganz zufällig ist^ ob ein 
Mord, Selbstmord, oder eine sonstige zerstörende Hand- 
lung erfolgen. 

Der Brandstiftungstrieb, der seine eigene Literärge- 
schichte hat und unendlich lange Streitobjekt in der Wis- 
senschaft war, entsteht in derselben Weise wie die bei- 
den erstgenannten „Monomanien^^ bei Melancholischen, 
oder ist zufallige Entäusserung des Bewegungsdranges 
eines Tobsüchtigen, oder ein Akt kindischer Rache eines 
schwachsinnigen^ haltlosen Individuums. 

Eine tiefere und häufigere Beziehung zu einer be- 
stimmten psychischen Form, nämlich der Manie hat der 
krankhafte Trieb zum Stehleu, die sog. Kleptomanie, 



— 78 - 

Nach Abzug der Paralytiker, die in ihrem GrÖssen- 
wahh und ihrer Bewusstseinsstörung Alles für ihr Eigen- 
thum halten, der Schwach- und Blödsinnigen, bei denen 
die Begriffe von „Mein" und „Dein" erloschen oder so 
schwach sind, dass dem aufstrebenden Gelüste keine ethi- 
schen, rechtlichen Begriffe und ürtheile mehr hindernd 
gegenüber stehen, bleiben die Fälle übrig wo Kleptoma- 
nie als Theilerscheinung der Tobsucht oder analoger Zu- 
stände sich vorfindet. Sie ist hier Theilsymptom des Be- 
wegungsdranges und verwandt dem Sammeltrieb, wie er 
sich sowohl bei Tobsucht als bei psychischen Schwäche- 
zuständen mit Erregung nicht selten findet. 

Dass es dem E^ranken dabei nicht um das Objekt, 
spndern nur um die Befriedigung eines Dranges zu thun 
ist, beweist der Umstand, dass er oft ganz unbrauchbare 
werthlose Gegenstände, ja wohl sich selbst bestiehlt, dass 
er sie nicht benätzt, ausser wenn es essbare Dinge sind, 
dass er sie öffentlich und rücksichtslos stiehlt, in einer 
Weise, dass die Ertappung sofort erfolgen muss. 

Namentlich in der Reconvalescenz ist dieser Stehltrieb 
als abgeblassster Bewegungsdrang bei gleichzeitiger psy- 
chischer Schwäche sehr häufig, ferner bei periodischer 
Manie, hier nicht selten in periodischer Aeusserungsweise, 
ferner bei Schwach- und Blödsinnigen, bei Epileptischen 
und Verrüekten. 

Eine häufige Erscheinung ist er auch bei Schwangern, 
als sogenanntes Seh wangerschaftsgelüste, indem hier 
allerlei Begehren nach Esswaaren, Werthobjekten u. dgl. 
bestehen. 

In einer nicht kleinen Zahl solcher Fälle handelt es 
sich um nichts Anderes, als um gemeine Betrügerei die- 
bischer Weiber, die einen alten Volksaberglauben, wor- 
nach die Versagung eines Gelüstes der Frucht schädlich 
und dieses selbst unwiderstehlich sei, sich zu Nutze mach- 
ten. Neben solchen Fällen offenbaren Betrugs, mit denen 
wohl die Justiz, nicht aber die Criminalpsychologie etwas 
zu thttn hat, existireu aber eine Reihe wohlconstatirter 



/ 



[i 



- n - 

/ 

Fälle /denen eine pathologische Begründung des Oelüstes 
nieht^abzusprechen ist. 

Meist handelt es sich um nervenkranke besonders hy- 
sterische Weiber mit sogenannter Pica zuweilen nach 
ganz ungeniessbaren oder dem natürlichen Sinne wider- 
strebenden Gegenständen (Holz, Stroh, Sand^ Menschen- 
fleisch) oder um psychisch Deprimirte mit Zwangsvor- 
stellungen^ zuweilen dürfte es sich bei Fällen von Ent- 
wendung von Werthobjekten auch um maniakalische Er- 
regungszustände gehandelt haben. 

In Thesi mussten wir jedenfalls anerkennen , dass es 
abnorme, in krankhaften Nervenzuständen begründete 
Strebungen Schwangerer gibt, in Praxi aber den bündi- 
gen Nachweis ihrer Unwiderstehlichkeit und ihrer Zurück- 
führbarkeit auf eine allgemeine Psychoneurose fordern, 
und die dem Gelüste zu Grunde liegenden Anomalien des 
Empfindens und Vorstellens ermitteln. 

Eine andere Begründung als der Stehltrieb dürfte der 
krankhafte Trieb zum Saufen — die sogenannte Dipso- 
manie haben. Abgerechnet Fälle, wo Melancholische in 
der Flasche Trost und Erleichterung suchen ^ Maniaci 
durch ihre cerebrale Erregung das .natürliche Bedürfniss 
nach die Hirnthätigkeit stimulirenden Alkoholreizen haben, 
scheint dieser Drang zum Saufen^ namentlich wenn er 
periodisch auftritt; eine Varietät der periodischen Manie 
zu sein. Solche Menschen, meist Hereditarler, verschmä- 
hen in der intervallären Zeit vollständig den Alkohol und 
ergeben sich dann zu gewissen, regelmässigen und meist 
gleich langen Perioden mit einer wahrhaften Gier den ab- 
scheulichsten Saufexcessen , vertrinken selbst das Hemd 
vom Leibe. 

Es ist ihnen dann gar nicht um die Qualität des Ge^ 
tränkes, 'sondern nur um die Quantität zu thun, sie ver- 
schmähen sogar nicht den gemeinsten Fusel. 

. Wenn der Paroxysmus, der in der Regel mehrere 
Tage dauert^ vorüber ist, so erwachen solche Unglück- 
liche mit wahrem Abscheu vor. sich und dem Alkohol; 



-so- 
wie aus einem Traume uod sind wieder die solide^ton 
Leute. Sperrt man sie bei beginnendem Paroxjsmus ein, 
so Yerläufb der Anfall als Tobsucht. Zuweilen wurde 
%ücb ein Stadium depressionis vor dem Saufparoxysmus 
beobachtet. 

Die in Obigem erwähnten Fälle von rein maniakali> 
scher Exaltation massigen Qrades verlaufen theils für sich 
als selbständige Form von Manie, theils bilden sie das 
Initialstadium einer vollendeten Tobsucht, oder finden sich 
im Anfang der Paralyse vor, oder intercurrent im Symp- 
tomencomplex der Hysterie. 

Da, wo sie für sich den Anfall ausmachen, verlaufen 
sie zuweilen in chronischer Weise und bei der Schlägfer- 
tigkeit, dem Witze, der Reichhaltigkeit ihrer Vorstelliin* 
gen sind solche Kranke oft im Stande, ihre tollen, bizar- 
ren, unbeherrschten Handlungen vortreflflich zu begründen 
und zu entschuldigen. 

Die Störung, welche man vielfach folie raison naute 
genannt hat, wird dann leicht übersehen, der Kranke 
macht den Eindruck eines in übermüthiger Laune befind- 
lichen oder leicht angetrunkenen Menschen. Es hält dann 
schwer, dem Laien begreiflich zu machen, dass der ge- 
radezu lebhaftere, geistesgewandte, scharfsinnige Kranke 
wirklich krank sei. Die Vergleichung mit dem früheren 
Menschen, zumal wenn derselbe sonst ein bedächtiger, 
stiller, ruhiger Charakter war, der Mangel aller äussern 
Veranlassungen für diese auffällige Charakterumwandlung, 
erleichtern das Verständniss des Falles. 

Nicht selten findet sich auch bei der Anamnese ein 
melancholisches Vorstadium, der Kranke leidet an Schlaf- 
losigkeit, seine Unruhe zeigt spontane Remissionen und 
Exacerbationen, der Gedankengang ist beschleunigt, ab- 
springend, die Ideenassociation vielfach unvermittelt. Mehr 
noch imponirt schliesslich, das Delirium der Handlungen 
solcher Leute, die Unraotivirtheit, Planlosigkeit, der Man- 
gel aller Rücksicht in ihrem Thun, die dem frühern ge- 
bunden Leben ganz fremden Strebungen und Handlungen, 



— 81 - 

Es gibt eben Kranke bei denen vorwiegend das Han- 
deln die Störung verräth, während der dem Thun hinten- 
nach hinkende Verstand inhaltlich und logisch unversehrt 
genug ist, um die That hinterher mit Vernunftgründen 
zu bemänteln. Die einzelne Handlung gibt bei solchen 
Fällen keine Entscheidung über den Gesammtzustand, 
wohl aber die Beurtheilung des gesammten Strebens; man 
muss eben auch hier synthetisch und nicht analytisch in 
der Beurtheilung verfahren. 

Eine bemerkenswerthe Varietät der Manie bezüglich 
des Verlaufs ist die sogenannte periodische Manie, 
d. h. häufig sich wiederholende Anfälle von Tobsucht, oft 
in ganz regelmässigen Intervallen. Der psychische Zustand 
resp. die Zurechnungsfähigkeit während dieser interv^allä- 
ren Zeit kann dann Gegenstand des Zweifels werden. 
Als sicher dürfen wir betrachten , dass die intervallären 
Zustände nur Ruhepausen nicht Intermissionen der Krank- 
heit sind, dass diese während derselben in ähnlicher Weise 
latent fortbesteht, wie dies in der anfallsfreien Zeit bei 
der Epilepsie oder der Febris intermittens der Fall ist. 

Es ist nicht zu läugnen, .dass in einzelnen Fällen in 
der intervallären Zeit alle Symptome psychischer Störung 
schweigen ; die Erfahrung jedoch , dass trotzdem die Af- 
fektion latent fortbesteht, wird uns verhindern, die volle 
Z. in ihren Ruhepausen anzunehmen. In der Mehrzahl 
der Fälle bleiben schon vom ersten Anfall dauernde Zei- 
chen psychischer Schwäche zurück, auch krankhafte Reiz- 
barkeit, zeitweise eintretende krankhafte Verstimmungen 
machen sich oft deutlich geltend. 

Die Mania periodica muss von der folie circulaire 
unterschieden werden, einer Krankheit, die sich da- 
durch charakterisirt, dass in beständigem Wechsel Anfölie 
von Manie mit solchen melancholischer Verstimmung cy- 
klisch so abwechseln, dass ein kurzes Stadium wirklicher 
oder scheinbarer psychischer Integrität je einen Anfalls- 
cyklus vom andern scheidet. Hier besteht in den Pausen 
zwischen 2 Manieanfällen kein Freisein von psychischen 

▼. Krafft-Ebing, Griininalpsyobologie. ß 



- 82 - 

Störungen, sondern eine mehr oder weniger deutliche 
melancholische Verstimmung, die aber, da sie nur eine 
rein affektive ist, nicht mit heftiger ängstlicher Erregung 
und Wahnideen sich complicirt, gar leicht übersehen wird. 
Man hat solche Zustände intervallären Schweigens der 
Krankheit als lucida intervalla bezeichnet und eine 
rechtliche Verantwortlichkeit der Kranken für ihre Hand- 
lungen in diesem Stadium aufgestellt. Es scheint mir, 
dass lucida intervalla im Griminalforum anzunehmen nicht 
statthaft ist, einmal, weil die Krankheit nur latent ge- 
worden und es unmöglich ist zu bestimmen, ob auf 
eine in diesem Stadium begangene criminelle That nicht 
doch die latente Psychose einen Einfluss hatte, ganz ab- 
gesehen von der fraglichen Reinheit des lucidum interval- 
lum. Dann aber, weil es kaum möglich ist zu bestim- 
men, ob nicht psychopathische Momente aus der Zeit des 
letzten oder Prodromi des (olgenden Anfalls auf die That 
influirten, zeitlich mit ihr zusammenfielen. 

Immer dürfte es misslich sein, bei einer That die 
zwischen zwei Anfalle von Seelenstörung fallt, zu* bewei- 
sen , dass jene mit freier Willensbestimmung begangen 
wurde. Wo aber sich die subjektive Schuldfrage nicht er- 
mitteln lässt, sollte Milde walten und auf Strafe verzich- 
tet werden. Justizmorde lassen sich nicht mehr gut 
machen. 

Diesen in der Regel ganz chronischen oder subacut 
verlaufenden Anfällen von Manie haben wir einen foren- 
sisch äusserst wichtigen Zustand von ganz akuter Manie 
gegenüberzustellen , der gewöhnlich als 

Mania acutissima oder transitoria 

bezeichnet wird. 

Es handelt sich hier um eine bei vorher ganz Gesun- 
den auftretende binnen 20 Minuten bis zu 6 Stunden ab- 
laufende, Störung des Seelenlebens mit völliger Aufheb- 
ung des Selbstbewusstseins und der Erinnerung für die 
Dauer des Paroxysmus, der wieder nach dem Schema 



- 83 - 

einei* furibunden Tobsucht (furor transitorius) oder eines 
acuten Deliriums mit hochgradiger Verworrenheit, mas- 
senhaften Sinnestäuschungen bei aufgehobener^Appercep- 
tion der realen Welt sich gestaltet und mit einem Sta- 
dium tiefen Schlafes abschliesst, aus dem der Betrefifende 
psychisch wieder ganz hergestellt erwacht. Heftige Kopf- 
eongestionen leiten bisweilen den Anfall ein, begleiten in 
der Regel seine Acme, so dass es für die Mehrzahl der 
beobachteten Fälle den Anschein hat, als handle es sich 
um «das symptomatische Delirium einer plötzlich einge- 
tretenen aber transitorischen Hyperämie der psychischen 
Centren. Diese Annahme entspricht auch der Aetiologie, 
denn als prädisponirende Momente' finden sich meist 
solche die eine Keigung zu fluxionärer Hyperämie des 
Gehirns setzen : plethorische Constitutionen , aber auch 
Menschen, die durch Ueberanstrengung, Wochenbetten 
ihr Gehirn reizbarer und weniger widerstandsfähig ge- 
macht haben, während als occasionelle ebenfalls fluxions- 
befördernde Einflüsse auf's Gehirn in Form heftiger 
plötzlicher Gemüthsaifekte, Alkoholgenuss, Einwirkung 
grosser Hitze, Kohlendunst in erster Linie stehen. 

Eine auffallende Disposition geben Männer kund, na- 
mentlich junge Soldaten. 

Auch bei Gebärenden während der 3. und 4. Geburts- 
periode, bei Neuentbundenen gleich nach der Ausstossung 
des Kindes finden sich zuweilen solche Anfälle, zu er- 
klären aus heftiger Congestion durch die während des 
Geburtsaktß allgemein gesteigerte Gefässerregung , die 
gleichzeitige Hinderung der Circulation durch die ge- 
hemmte Inspiration und die hochgradige Spannung des 
ganzen Muskelsystems. 

Ein solcher Anfall von Mania transitoria zeigt sich 
meist ganz isolirt, oft nur einmal im Leben. Der Inhalt 
des Deliriums, so weit er aus dem Gebahren, der Mimik, 
den Reden der Kranken erschlossen werden kann, ist 
vorwiegend ein depressiver schreckhafter, doch kommen 
auch Krankheitsbilder vor, bei denen mehr eine mania- 

6* 



-- 84 - 

kaiische Stimmungslage, Tdeenflucbt, grosse motorische 
Erregung in Form eines masslosen Bewegungsdranges 
vorhanden ist. 

Zuweilen kommen in solchen Anfällen schwere Gewalt- 
thaten zu Stande, und jene sind deshalb von grosser fo- 
rensischer Wichtigkeit, namentlich da bei der grossen 
Flüchtigkeit des Zustandes sein Nachweis zur Zeit der 
That schwierig ist. Spielte er sich vor Zeugen ab, so 
ist diese Aufgabe eine leichte, denn an eine Simulation 
einer derartigen Aflfektion ist nicht zu denken. Fehlen 
Zeugenangaben, so sind wir auf Dispositionen, That und 
ihren Mechanismus, Verlauf und Ermittlung der Amnesie 
beschränkt. Es kann hier wichtig werden etwaige Dis- 
position zu Kopfcongestion zu constatiren, etwaige frühere 
Anfalle, etwaige Symptome beginnender Hirncongestion 
vor dem Ausbruch des Paroxysmus zu ermitteln, ferner ob 
Umstände der That vorausgingen (Hitze, Alkoholgenuss, 
Affekte), die das Eintreten eines solchen begünstigten. 

Die völlige Aufhebung des Selbstbewusstseins im An- 
fall schliesst jedes planmässige besonnene Handeln aus. 
Die Casuistik solcher Zustände besteht erfahrungsgemäss 
nur in Mord und Selbstmord, die ohne Rücksicht auf 
Zeit, Ort, Mittel, ohne Motiv^ geräuschvoll, wuthartig in 
. Scene gesetzt werden. Zuweilen trifft man den Thäter 
noch schlafend am Schauplatz seiner That Von höchstem 
Werth ist die nie fehlende Amnesie für die ganze Zeit- 
dauer des Anfalls und die Feststellung, wie weit sie zeit- 
lich und qualitativ reicht. 

Die Amnesie bedingt auch eine bezeichnende Unbe- 
fangenheit des Thäters, der seine That mit aller Ruhe 
läugnet weil er nichts von ihr weiss, nicht entflieht^ 
keine Versuche zur Verwischung der Spuren derselben 
macht. 



- 85 - 

3. Wahnsinn and Terrflcktheit 

Bilden sich im Verlaufe des Irreseins als Erklärungs- 
. versuch der krankhaften Stimmung, aus Sinnestäuschun- 
gen oder durch selbständige Hirnerregung Wahnvor- 
stellungen und fixiren diese sich, so dass das Selbst- und 
Weltbewusstsein dauernd getrübt werden, ein krankhaftes 
neues Ich an der Stelle des verloren gehenden alten 
sich bildet, so ist das ursprüngliche Gemüthsleiden in ein 
wirkliches Verstandesirresein übergegangen. Der Kranke 
hält sich für eine ganz neue Persönlichkeit, z. B. für 
Gott, für einen Kaiser, oder für den Teufel, oder für ein 
Thier etc. So lange die Einheit zwischen Fühlen Vor- 
stellen und Streben diesem neuen leb bleibt, eine affekt- 
volle Bethätigung desselben noch möglich ist, bezeichnet 
die Wissenschaft den Zustand als Wahnsinn. Sind aber 
die Affekte erloschen, bleibt das krankhafte Ich als be- 
ruhigtes falsches Vorstellen im Bewusstsein, ist die Coor- 
dination und Einheit der psychischen Leistungen verloren 
gegangen^ so nennt man diesen Zustand Verrücktheit 
Für die forensische Praxis hat die Unterscheidung dieser 
beiden Formen kaum einen Werth, denn in beiden Zu- 
ständen besteht eben ein neues krankhaftes, der alten 
Persönlichkeit durchaus fremdes Ich, das nun von sich 
aus den psychischen Mechanismus in Thätigkeit setzt, 
und dem natütlich strafbare Handlungen nicht mehr zu^ 
gerechnet werden können. Es bedarf in solchen Fällen 
von Wahnsinn und Verrücktheit nur des Nachweises des 
Wahnes und seiner Begründung als Theilerscheinung 
einer Psychose gegenüber dem Aberglauben und Irrthum 
des Geistesgesunden, um den Fall forensisch sofort ins 
richtige Licht zu stellen. 

So einfach nun auch die forensische Beurtheilung des 
wohlconstatirten Falles, so misslich kann die Ermittlung 
des concreten Wahnes sein und die Dissimulationsge- 
wandtheit mancher derartiger Kranker, die Wochen und 
Monate lang ihren Wahn siurückzuhalten wissen, verdient 



r ^^,-, 



— 86 - 

alle Beachtung. Deshalb ist es nothwendig zur Beob- 
achtung solcher Kranker genügende Zeit und Müsse zu 
haben, namentlich aber einen üeberblick über ihr Thun 
und Lassen zu besitzen, denn aus ihren Handlungen ver- • 
räth sich oft noch am ehesten die Störung ihres Verstan- 
des. Ueberhaupt haben die Delirien des Pühlens und 
Handelns genau denselben Werth für die Beurtheilung 
eines Falles, wie die des Vorstellens, die eigentlichen 
Wahnideen, die freilich der Laie für die Hauptsache im 
Irresein hält. In solchen Fällen dissimulirten Wahnes ist 
es nöthig sich des Exploranden Vertrauen zu erwerben, 
im Verlauf der Unterredungen alle seine Beziehungen zu 
den verschiedenen Qebieten .des Wissens, Glaubens und 
des socialen Lebens zu berühren, um so auf den Kern 
seiner Wahnvorstellungen zu kommen. Sobald der Wahn 
berührt wird, gibt ihn gewöhnlich der Kranke preis. Gut 
ist es auch, denselben schreiben zu lassen, wobei er sich 
oft eher verräth als in mündlichem Verkehr. Aus sol- 
chen Fällen verborgen gehaltenen nicht erkannten Wahn- 
sinns hat die ältere unwissenschaftliche Medlcin eine be- 
sondere „Krankheitsform 1', die sogenannte A m e n t i a 
occulta, gemacht. 

So unendlich mannichfaltig nun auch der individuelle 
Inhalt der Wahnideen sein kann, so überraschend ist es 
andererseits, mit welcher Regelmässigkeit gewisse Grup- 
pen "^on Wahnvorstellungen ( Primordialdelirien nach 
Griesinger) bei den verschiedensten Ständen und In- 
dividuen wiederkehren. Je nach der herrschenden und 
zum Theil bestimmenden Art und Weise der Selbst- 
empßndung kann man einen depressiven und expan- 
siven Wahnsinn unterscheiden. Als Beispiel für ersteren 
mag der Verfolgun gs wähnsinn, als eines für letzteren 
der Grössenwahnsinn gelten. 

Eine ganz besondere Wichtigkeit in foro hat der 
überaus häutige Pßd ?u manchen Rechtsverletzungen An- 
lass gebende 



- 87 - 

Verfolgungswahn sinn mit seinen verschiedenen 
Varietäten. 

Der Grundzug dieses Wahnsinnes ist der Wahn einer 
Beeinträchtigung an Leib, Leben oder Besitzthum durch 
sichtbare oder unsichtbare Feinde. Der Kranke objecti- 
virt seine melancholische Verstimmung, seine körperlichen 
oder psychischen Wehegefühle in der Aussen weit, und 
kommt mit fortschreitender Trübung seines Selbstbewusst- 
seins und durch Gehörshallucinationen und Illusionen 
dazu, unsichtbare oder sichtbare Feinde als die Veran- 
lasser der widrigen Sensationen und Zustände anzusehen 
und die geschäftige Phantasie spinnt den einmal gefassten 
Wahn zu einem systematischen Gewebe. 

In der Regel geht dieser Wahnsinn aus Melancholie 
oder Hypochondrie hervor, zuweilen auch spielt sich der 
Alcoholismus chronicus in dieser Form ab, endhch gibt 
es Fälle, wo die Krankheit primär ohne affektives Stadium 
auf Grund starker erblicher Anlage sich ausbildet — 
Fälle sogenannter primärer Verrücktheit (Sander). 

Dadurch dass dieser Wahnsinn sich äusserst latent 
und allmälig auszubilden pflegt, das Delirium meist ein 
partielles ist, leicht dissimulirt wird, die äussere Besonnen- 
heit lange erhalten bleibt, die Motive der That leicht den 
Charakter der Leidenschaft, Eifersucht, des Hasses, der 
Rache an sich tragen, ist die Erkennung dieser Störung 
im Allgemeinen nicht ganz leicht, während andererseits 
die schwersten Gewaltthaten aus ihr zu entstehen pflegen. 

Anfangs sind diese Kranken blos misstrauisch, die 
Umgebung kommt ihnen verdächtig vor, sie missverstehen 
Gespräche, glauben man spreche sich missgünstig über 
sie aus, man mache sich über sie lustig — später hören 
sie Stimmen unbekannter oder bekannter Personen, die 
ihre Vermuthungen bestätigen, von Vergiftung, Verfolg- 
ung sprechen, den Kranken abscheulicher Unthaten be- 
schuldigen. Dadurch werden oft lebhafte Affekte provocirt. 

Besondere Varietäten dieses Verfolgungswahnsinnes 
sind: 



I 



- 88 — 

Der electro-magnetische. In der Regel geben 
widrige Sensationen im Gebiet der Haut- und Gemeinge- 
fühlsnerven dem Wahne diese Richtung und Färbung. 
Diese Sensationen sind wohl in der Regel excentrische 
Erscheinungen einer Himrückenmarksafifektion, wohl auch 
ausgelöst durch Störungen im Gebiet der Sexualfunktionen. 
Es ist bemerkenswerth, wie häutig sich dieser electromag- 
netische Verfolgungswahn bei Seelenstörung in Folge von 
sexuellen Ausschweifungen und Krankheiten der Sexual- 
organe vorfindet. Alle diese widrigen Sensationen schreibt 
nun der Kranke in seiner Trübung des Selbstbewusstseins 
den Verfolgungen feindlicher Mächte oder auch böswilliger 
Nachbarn zu, und je nach dem individuellen Bildungsgrad 
muss die Physik, Chemie oder Zauberei, das Hexenwesen 
herhalten, um dem Kranken die Erklärung zu geben. Eben 
darin, dass er seine Feinde und deren Machinationen nie 
sieht (Gesichtshallucinationen fehlen beim Verfolgungs- 
wahnsinn, ausser wenn er auf alkoholischer Basis ent- 
standen), sondern nur aus deren Wirkungen erschliesst, 
kommt er zu einer so übernatürlichen Interpretation sei- 
ner anomalen Sensationen, und seine Phantasie schafft die 
abenteuerlichsten Machinationen und Procedur^n, mittelst 
welcher die Chemie, die Physik, der Electromagnetismus 
u. dgl. auf ihn applicirt werden. 

Eine weitere häufige Varietät ist der 

Vergiftungswahn. 

Der Kranke wähnt , dass die Umgebung ihm durch 
Gift ans Leben wolle. Verdächtige Bewegungen, Mienen, 
eigenthümlicher illusorischer Geschmack der Speisen und 
Getränke, Stimmen und Gehörsillusionen bestärken ihn in 
diesem Wahne. Solche Kranke leben dann oft nur noch 
von Vegetabilien , kaufen an unbekannten Orten ihre Le- 
bensmittel, kochen ihre Speisen selbst^ oder wechseln täg- 
lich den Kosttisch. Bekommen sie zufällig Magen- oder 
Darmcatarrh, der bei ihrer unregelmässigen Lebensweise 



-- 89 - 

leicht entsteht, haben sie Collkschmerzea, so sind dies un- 
widerlegliche Beweise, dass man wieder ein Attentat auf 
ihr Leben gemacht hat. 

Es gibt Kranke aus höheren Ständen, die über Land 
und Meer fliehen^ um ihren imaginären Verfolgern zu ent- 
gehen, die chemische und toxikologische Bücher studiren 
um sich Gegengifte zu verschaffen. 

Auch im subacuten Alcoholismus ist Verfolgungs- 
delirium in der Mehrzahl der Fälle vorhanden, und was 
hier wesentlich ist, und diese von andern unterscheidet, — 
es finden sich hier Gesichtshallucinationen. Die Kranken 
sehen Flammen, Teufel, hässlicheThiere, Fratzen, glauben 
sich verhext. 

Auffallend häufig und fast specifisch für diesen Ver- 
folgungswahn auf alkoholischer Grundlage ist auch ein 
sexuelles Element im Delirium und entsprechende Hallu- 
cinationen. 

So hören die Kranken die Beschuldigung, sich mit 
Thieren vergangen, Mädchen genothzüchtigt, Päderastie 
getrieben zu haben. Ein wichtiger aus der gleichen sex- 
uellen Quelle entspringender Wahn ist auch der ehelicher 
Untreue der Gattin, meist durch Illusionen vermittelt. Sie 
sehen ihre Frauen mit andern Mannspersonen verliebte 
Blicke w'^chseln, sich vor solchen entblössen, sie entdecken 
in der Wäsche der Frau verdächtige Flecken etc. 

Gar manche Unthat wird durch solche Unglückliche 
hervorgerufen. Im Anfang besteht meist auffallende Pas- 
sivität der Kranken gegen ihre eingebildeten Feinde: sie 
fliehen, verstecken sich, suchen sich zu schützen, wie sie 
nur können; später drohen sie ihnen, gehen auch wohl 
die Polizei um Hilfe an. Ein Zufall, wie z. B. eine Sinnes- 
täuschung, eii;i ängstlicher Affect genügt, um sie plötzlich 
aus ihrer Passivität heraustreten zu lassen und zu Gewalt- 
thaten zu treiben. Die Ermordung der vermeintlichen 
Feinde, der ehebrecherischen Gattin wird dann ins Werk 
gesetzt und mit einer bezeichnenden Planmässigkeit und 
Rücksichtslosigkeit, )vie sie nur das Bewusstsein vermeint- 



- 90 - 

lieber Kothwehr und Berechtigung geben kann, vollzogen. 
Oft rühmen sie sich auch geradezu der gelungenen That 
als der Befriedigung ihrer Rache. Zuweilen morden sie 
ihre vermeintlichen Feinde, oder selbst ganz beliebige Un- 
bekannte nur um vor die Assisen zu kommen und der 
Welt zeigen zu können, wie schändlich sie verfolgt und ' 
von der Obrigkeit verlassen waren. Zuweilen begehen 
sie auch Selbstmord, um der unablässigen Qual und Ver- 
folgung endlich ein Ziel zu setzen. 

Im Allgemeinen gibt es keine gefährlicheren Irren, 
als die an Verfolgungswahn Leidenden, leider werden sie 
erst spät gewöhnlich erkannt und unschädlich gemacht. 
Eine besondere Varietät ist der in der Neuzeit als Que- 
rulanten- oder Processkrämerwahnsinn bezeich- 
nete. 

Es handelt sich um Leute von geistiger Beschränkt- 
heit oder grossem, auf vermeintliche oder wirkliche gei- 
stige Vorzüge gegründetem Selbstgefühl und daraus fol- 
gendem Egoismus, die wegen irgend eines Vergehens oder 
einer Civilklage verurtheilt, sich nun im Recht und das 
Gericht im Unrecht glauben, und in dem schmerzlichen 
Aflfekt und der leidenschaftlichen Aufregung, die diese ver- 
meintliche Kränkung ihrer Rechte verursacht hat, den 
Wahn der Verfolgung concipiren. Der aus diesem Wahn 
hervorgehende Drang ihr Recht hergestellt zu sehen, stei- 
gert; sich immer mehr, beherrscht ihr ganzes Fühlen Vor- 
stellen und Streben, und was Anfangs noch Leidenschaft 
schien, wird immer mehr zur wirklichen psychischen Krank- 
heit; die keine Einsicht, Correktur, keine Rücksicht und 
Vernunft mehr kennt. Mit einer wahnsinnig consequenten 
Halsstarrigkeit, mit unverschämter Frechheit bestreiten darin 
solche Menschen die Rechtskraft der gegen sie ergange- 
nen Urtheile und ihre Gerechtigkeit, rekurriren in unab- 
lässigen Beschwerden und Eingaben an alle Behörden und 
Instanzen, ja werfen sich nicht selten zu RabuKsten und 
Winkeladvokaten für Andere auf. Ueberall abgewiesen, 
werden sie schliesslich insolent und aggressiv gegen die 



~ 91 - 

Gericht&behörden, besdiuldigen sie der Partheilichkeit, Un- 
redlichkeit, erlauben sich Ämtsehren- und Majestätsbeleidig- 
ungen, Vergewaltigungen an öfifentlichen Beamten, Dienern 
der bewaffneten Macht, ja selbst Mord und Todschlag. 

Lange werden gewöhnlich solche Fälle von den Laien 
verkannt, denn trotz aller Einsichtslosigkeit für das Thörichte 
und Unziemliche ihres Gebahrens gebieten solche Kranke 
in der Regel über eine bewuridernswerthe Dialektik und 
Rechtskenntniss und sind gewandte scharfsinnige Sachwalter 
ihrer eigenen nur leider auf einer wahnsinnigen Prämisse 
beruhenden Sache. Da sie natürlich, kaum bestraft, des- 
selben Vergehens : — meist Amtsehrenbeleidigung — sich 
wieder schuldig machen, erscheinen sie als verstockte Bö- 
sewichter, bei denen Erschwerungs- und Strafschärfungs- 
gründe vorliegen, während ihr unbeugsames Verhalten 
doch nur die nothwendige Consequenz eines Wahnsinnes 
ist. Werden sie endlich in Irrenanstalten internirt, so 
setzen sie in rabulistischer, raisonnirender, querulirender 
Weise den kleinen Krieg gegen Gesetz und Gesellschaft 
fort, und wenn sich je die Thore der Anstalt ihnen öfifnen, 
so haben sie ein neues Prozessobject, nämlich die angeb- 
liche widerrechtliche Freiheitsberaubung durch die Aerzte 
des Irrenhauses. 

An diese Gruppe von Kranken reiht sich eine andere an 
— meistens Hypochonder, die sich in irgend einer Krank- 
heit vom Arzt falsch behandelt, bleibend in ihrer Gesund- 
heit geschädigt glauben, und nun gegen die Aerzte Pro- 
cesse auf Schadensersatz anstrengen , ja wohl gar thätlich 
sich an ihnen vergreifen. 

So erinnere ich mich eines Collegen, Trinkers, der 
einen Beinbruch erlitten hatte. Trotz lege artis angeleg- 
tem Verbände bildete sich, da während der Heilung De- 
lirium tremens eingetreten war, und die Ernährung durch 
die habituellen Alkoholexcesse nothgelitten hatte, eine 
Pseudarthrose. Der Kranke fiel einem hypochondrischen 
Verfolgungswahnsinn anheim, glaubte, dass seine Aerzte 
ihn falsch behandelt hätten, reiste bei chirurgischen Au^ 



- 92 - 

toritäten herum ; um theils ihren Rath wegen der Pseud- 
arthrose einzuholen^ theils um durch ihre Gutachten Be- 
weise zu sammeln, dass er falsch behandelt worden sei^ 
und dann seine Aerzte zu verklagen. Eines Tages machte 
er seinem Leben durch Selbstmord ein Ende. 

Derartige Fälle von Verfolgungswahnsinn sind nach 
Umständen forensisch schwer zu beurtheil.en. Für Den, 
der logisches Denken und Urtheilen als mit dem Wahn- 
sinn unverträglich ansieht und nicht weiss , dass Wahn- 
sinn vielfach nur, ein logisches Denken und SchUessen auf 
Grund wahnsinniger Prämissen ist, dürfte der Beweis, dass 
hier das Seelenleben erkrankt ist, freilich nie zu erbrin- 
gen sein.. 

Namentlich zeigt sich die Schwierigkeit gegenüber 
dem Querulantenwahnsinn , wo die Motive nicht absolut 
widersinnig sind und ein grosser Fond geistiger Krafb zur 
Geltendmachung der durchaus nicht klar zu Tage liegen- 
den Wahnvorstellung, die ja ganz aus einer Leidenschaft 
heraus entstanden scheint, zu Gebot steht. 

Man darf solche Fälle ebenfalls nicht analytisch, son- 
dern muss sie rein synthetisch beurtheilen. 

Schon das Vorleben ergibt oft Charakteranomalieen 
und erbliche Einflüsse, die beachtenswerth sind. Alle Que- 
rulanten meiner Erfahrung waren Hereditariei* oder Al- 
koholisten. 

Weiter ist es das krankhaft erhöhte Selbstgefühl, das 
sich bei allen diesen Kranken im Verlauf der Störung 
vorfindet, das Mass- und Ziellose ihres Treibens, der un- 
beherrschbare Drang, die Einsichtslosigkeic in das Ver- 
kehrte und Nutzlose, ja geradezu ihren wahren Interessen 
Schädliche ihres Gebahrens, die Consequenz, die sie vor 
nichts zurückdchrecken lässt, die Unmöglichkeit einer Be- 
lehrung und Correctur, einer Besserung ihres Verhaltens 
durch Strafen und erlittene Nachtheile, die Leidenschaft- 
lichkeit ihrer Stimmungen und Strebungeu, die keine vor- ^ 
übergebende, sondern eine dauernde ist. 



Ü 



- 93 - 

I 

^Auf diese Hauptpunkte muss sich die EJxpertise im 
concreten Falle stützen. 

Eiiie besondere Erwähnung verdient hier noch die 

partielle Verrücktheit. 

Bei äusserlich wiederhergestellter Ruhe und Beson- 
nenheit besteht hier oft eine so geringe formelle Störung 
des psychischen Mechanismus, dass über der formellen 
Richtigkeit der Ürtheile und Schlüsse solcher Kranker ihre 
geaiüthliche Abstumpfung und intellectuelle Schwäche über- 
sehen wird, und solche Individuen, so lange sie ihre „fixe 
Idee" nicht in Worten und Thaten verratheri, für geistes- 
gesund oder nach Umständen als blos mit einer Schrulle, 
einem Verstandesirrthum behaftet angesehen werdet)^ ein 
Irrthum, der Juristen verleitet hat, eine partielle Zurech- 
nungsfähigkeit, eine rechtliche Verantwortlichkeit für alle' 
criminellen Handlungen, die nicht mit der fixen Idee zu- 
sammenhängen ^ bei solchen Kranken zu statuiren. Eine 
solche Auffassung kann die Wissenschaft nicht theilen. 
Dass solche Menschen total krank und nicht blos mit einem 
Verstandesirrthum behaftet sind, beweist einfach schon der 
Umstand, dass sie trotz nun wieder vollständig beruhigtem 
Vorstellen und Fühlen dennoch nicht zur Erkenntniss ihres 
Wahnes kommen, was nothwendig voraussetzt, dass sie 
an ihrem Urtheil, ihrer Logik eingebüsst habeu; dass viele 
Vorstdlungen des gesunden Lebens aus ihrem Oedächtniss 
entschwunden sein müssen. Es beweist dies ferner ein 
Blick auf die Entstehungsweise ihres Wahnes, der ja nicht 
ein einfacher 'Fehler im logischen Urtheilen und Schliessen, 
sondern ein Produkt krankhafter Vorgänge in den Orga- 
nen des psychischen Lebens ist^ aus einer Psychose, aus 
anderweitigen elementaren psychischen Störungen sich 
entwickelt hat, dem zu lieb das ganze frühere Urtheilen 
und Vorstellen nothwendig umgeändert sein muss, der 
nicht, wie der Irrthum des Gesunden, ad absurdum ge- 
führt werden kann und dann aufgegeben werden muss. 



- 94 - 

4. Der erworbene Bttdsinn nnd Scbwachsinn. 

Der. eodliche Ausgang der nicht zur Lösung gelangten 
psychischen Krankheiten ist ein allmäliges Zerfallen, Un- 
tergehen der psychischen Leistungsfähigkeit. Aber nicht 
blos als Ausgang gewisser, als Psychosen bezeichneter 
Hiruerkrankungen, sondern auch primär als psychische 
begleitende Erscheinung anderweitiger organischer Hira- 
krankheiten finden sich Zustände 7on erworbenena 
Schwach- und Blödsinn. 

Namentlich gehören hieher die Apoplexie, die Erwei- 
chung des Gehirns, gewisse chronische Entzündungszu- 
stände desselben und seiner Häute, wie sie nach lange 
getriebenen Alkoholexcessen, nach Kopfverletzungen, In- 
solation, Meningitis sich einzustellen pflegen, ferner Neu- 
bildungen aller Art und Parasiten im Hirn, endlich die 
Altersveränderungen wie sie die Dementia senilis und 
die Entartungen in der Dementia paralytica mit sich 
bringen. 

Die Nuancen sind, analog den Fällen von congenita- 
lem oder in frühen Lebensjahren entstandenem Schwach- 
und Blödsinn äusserst mannichfaltig und oft nur einem 
feingeübten Auge oder Dem, der den Kranken von früher 
her kannte, bemerkbar. 

Gewisse leichtere Grade von verminderter psychischer 
Leistungsfähigkeit bleiben vielfach nach scheinbar zur völ- 
ligen Heilung gelangten Fällen psychischer Erkrankung 
zurück. Der anscheinend vollkommen Genesene ist eben 
doch nicht mehr ganz so leistungsfähig als vor der Krank- 
heit; er ist nicht mehr der alte geschickte Arbeiter, der 
gewandte Geschäftsmann, obwohl er ganz gut sich in sei- 
nen alten Verhältnissen zu bewegen vermag. Aber sein 
Urtheil ist weniger klar und präcis, die Arbeit geht ihm 
nicht mehr so leicht von der Hand. Auch seine Empfin- 
dungsweise ist gegen früher verändert und stumpfer, seine 
Beziehungen zur Welt und dem von ihm früher Hoch- und 
Werthgehaltenen sind matter, seine ethischen Gefühle, 



- 95 - 

seine ästhetioeben Urtheile habisn nicht mehr die frühere 
bestimmeade Kraft und Wärme. Dafür ist er leichter be- 
stimmbar in seinem Urtheil und seinen Neigungen gewor- 
den >, von geringerer Energie und Ausdauer in seinen Be- 
strebungen, vielfach auch reizbarer, verletzlicher in sei- 
nen Gefühlen un.d Stimmungen. 

Ein solcher Zustand findet sich auch häufig bei Leu- 
tei:! die einmal eine anderweitige Hirnaffection überstan- 
den haben. Man bezeichnet ihn am besten als psychi- 
sche Schwäche. Von dieser leisen, oft nur durch Ver- 
gleichung d^r jetzigen mit der früheren bekannten Per- 
sönlichkeit erkennbaren Abschwächung der psychischen 
Gesammtleistungsfähigkeit bis zu den extremen Graden 
des Blödsinns finden sich unzählige Mittelstufen, charak- 
terisirt durch mehr oder weniger grosse Ideenarmuth, 
Trägheit des Vorstellens , Lückenhaftigkeit des Gedächt- 
nisses, Energielosigkeit des Strebens bis zur Willenlosig- 
keit. 

Sie haben im Allgemeinen grössere Bedeutung für 
das Civilforum, wo ihre bürgerliche Verfügungsfreiheit oft 
angefochten wird, doch auch die Zurechnungsfähigk'eit 
solcher Individuen kommt dann ,und wann in Frage, in- 
sofern sie bei ihrer Reizbarkeit und der Schwäche ihrer 
intellectuellei^ und sittlichen Energieen Gewaltthaten be* 
gehen, bei ihrer Lenkbarkeit und psychischen Schwäche 
sich von perversen Naturen zu Unterschlagungen, Dieb- 
stählen gebrauchen lassen, bei ihrer Gedächtnissschwäche 
falsche Eide ablegen , bei ihrem krankhaft gesteigerten 
oder durch sittliche Motive nicht gehemmten Geschlechts- 
trieb ünzuchts verbrechen oder Verletzungen des öfient- 
lichen Anstandes sich zu Schulden kommen lassen 
u. s. w. 

Eine Hauptsache ist auch hier, dass man nicht aus 
einzelnen erhaltenen Leistungen und Urtheilen sich zu 
voreiligen diagnostischen Schlüssen auf das Verhalten des 
Gesammtzustandes bestimmen lasse. 

Besondere und häufig vorkommende Arten dieser er- 



-Ge- 
worbenen geistigen Insafficienz sind die Dementia nach 
Himapoplexie and die Dementia senilis. 

Die Dementia post apoplexiam. — Nur sel- 
ten stellt sich nach Himapoplexie die vollkommene frühere 
Leistungsfähigkeit in Bezug auf die psychischen Funktio- 
nen wieder her und ein verfrühter Altersmarasmus en^ 
wickelt sich häufig nach der «scheinbaren Heilung. 

In sehr vielen Fällen bleiben mehr oder weniger be- 
trächtliche psychische Infirmitäten zurück. Dies gilt na- 
mentlich für das Gedächtniss, das für Ereignisse, selbst 
ganze Perioden des früheren Lebens, für einzelne Worte 
und Buchstaben defekt sein kann. 

Die psychischen Funktionen erheben sich nicht mehr 
zu ihrer früheren Schärfe und ihren alten Umfaivg, die 
Relationen bleiben mehr oder weniger incohärent, zuwei- 
len treten intercurrirend (jeistesstörungen ein. 

In leichteren Fällen besteht ein massiger Grad von 
Schwachsinn, der sich in grösserer Bestimmbarkeit, Reiz- 
barkeit , gemüthlicher Weichheit, geistiger Trägheit und 
einer gewissen kindischen Schwäche kundgibt; in schwe- 
reren besteht ausgesprochener Blödsinn, erhebliche Ab- 
nahme des Gedächtnisses, namentlich für die Jüngstver- 
gangenheit, Bewusstseinsstörung , Verkennen der Perso- 
nen. Nicht selten kommt es auch zeitweise tu objectlo- 
sen Angstgefühlen, ja selbst zu intercurrirendem Verfol- 
gungswahn, mit Hallucinationen , Delirien und heftiger 
ängstlicher Erregung. Der endliche Ausgang ist apathi- 
scher Blödsinn. 

Die Dementia senilis. Im höheren Alter wird 
der Mensch an und für sich schon anders. Er wird be- 
dachtsam, gemässigt in Ansichten und Urtheilen, nüchtern, 
kaltblütig. Er denkt und handelt langsamer, bedachter. 
Seine Phantasie hat nicht mehr den Flug der Jugend, 
das geistige Assimilationsvermögen ist nicht mehr so 
gross. Der Alte lebt mehr in der Vergangenheit, ist con- 
servativ, misstrauisch gegen das Neue und egoistisch^ ein 
;,laudator temporis acti^S 



— 97 — 

Leicht kommt es auch zu Nachlass der geistigen 
Elräfte. Der Ideenkreis wird ein beschränkter; das Ge- 
dächtniss nimmt ab, so dass der Betreffende immer wie- 
der dieselben Geschichten erzählt. Der Wille ist nicht 
mehr so fest, das Individuum leichter bestimmbar. 

Kommt es zu ausgebildeten Zuständen seniler De- 
mentia , so werden die Leute. kindisch, vergessen Zeit 
und Ort, so dass sie sich in den Strassen nicht mehr zu- 
rechtfinden, sich irre gehen; sie verlieren die Fähigkeit 
Gedanken ifestzuhalten , Apperception und Reproduktion 
•werden träge , lückenhaft, der Kranke vergisst. während 
der Ausführung was er sich vorgenommen hat Es kommt 
zu grundloser Exaltation und Depression, zu blödem La- 
chen und Weinen ^ endlich zu totaler Verwirrung, kindi- 
schem apathischem' Wesen, Zuständen iiefer Bewusstseins- 
störung und Stupidität Nicht selten bildet sich auf sol- 
chem Boden blödsinniger Schwäche noch ein Zustand va- 
gen, fragmentären Verfolgungswahnes aus. Die Dementia 
senilis beginnt in rascher .Entwicklung nach gewissen Ge- 
legenheitsursachen , so in der Reconvalescenz von akuten 
Krankheiten, oder sie entwickelt sich ganz allmählig. In 
letzterem Falle zeigt sich neben grösserer Schwierigkeit 
des Begreifens lind hartnäckig festgehaltenen Vorurtheilen 
allmählig ein der früheren Individualität fremdes, ärger- 
liches^ empfindliches, misstrauisches Wesen. Nicht selten 
gesellen sich dazu zeitweise energielose Exaltationen in 
Form von Geschwätzigkeit , Planmachen , Heirathen- 
woUen. 

Eine forensisch bemerkenswerthe Erscheinung bei be- 
ginnender Dementia senilis ist ein nicht seltenes Wieder- 
erwachen des Geschlechtstriebs, der zu sexuellen Exces- 
sen verleiten kann, namentlich zur Unzucht mit Kindern. 
Es ist wünschenswerth, dass überall, wo isolche Verbre- 
chen von Greisen begangen werden, eine gerichtliche Ex- 
ploratio mentalis angestellt werde, dai jenen fast immer 
ein maniakalisches Exaltationsstadium als Einleitung einer 
Dementia senilis zu Grunde liegt 

V. Krftfft'Bbing, Oriminftlpsyohologie. H 



— 98' — 

Die Dementia paraljtica« 

Von her?orragendem Interesse unter den Zuständen 
psychischer Schwäche endlich ist jene der Laienwelt un- 
ter der Bemchnung der ^^Gehimerweichung^^ bekannte 
Krankheit auch für das Forum*, da an ihr Leidende 
nicht selten mit dem Strafgesetz in Collision kommen, 
und leider nur zu häufig ihr krankhafter Zustand ver- 
kannt wird. Namentlich sind es die Prodromalperiode 
der Krankheit und das in ihrem Verlaufe nicht seltene 
maniakalische Exaltationsstadium, wo dies möglich ist, 
während in dem Stadium des Grössenwahnes sowie dea 
finalen Blödsinns eine Täuschung über den Zustand kaum 
mehr möglich ist. 

Die Prodromalperiode dauert zuweilen ein bis mehrere 
Jahre und äussert sich vielfach nur in einer ganz allmählig 
sich vollziehenden Aenderung des Charakters, der Sitten und 
Neigungen, ohne alles Auftreten von Wahnideen, Sinnes- 
täuschungen oder Affekten. Diese Umänderung des Cha- 
rakters betrifft zuweilen vorwiegend die ethische Seite. 
Die früher geläufigen und Obersätze des ganzen Denkens 
und Handelns gewesenen Begriffe von Anstand und Sitt- 
lichkeit lockern sich; verschwinden gänzlich, es kommt 
zu Zuständen deutlicher moral insanity. Die Kranken^ 
vernachlässigen ihre Geschäfte und ihr Aeusseres, erge- 
ben sich auch meist Alooholexcessen, die sie schlecht 
ertragen, treiben sich in Bordellen herum, halten sich 
Maitressen, erlauben sich Verletzungen des öffentlichen 
Anstandes und kommen dadurch in Conflikte mit der Po- 
lizei. Selten ahnt schon jetzt der Laie^ dass hinter der 
ganzen unsittlichen Lebensführung nichts Anderes als eine 
schwere zum Tode führende Krankheit steckt , obwohl 
dem Kundigen diese unmotivirtC; stetige und scharf aus- 
gesprochene Umänderung des ganzen Wesens und Cha- 
rakters jedenfalls auffallen muss. Bei einer etwaigen ge- 
richtlichen Begutachtung derartiger Fälle wäre ein Haupt- 
gewicht auf diese Charakterumwandlung zu legen. Nicht 
selten finden sich in diesem Stadium schon deutliche Ge- 



-— ^K7 "~~ 

dftchtnisssch Wache , namentlich !hr die Jüngstvergangeii- 
heit, Neigung zu Congestionen und Schwindelanflilleii, 
leichte Störungen der Sprache, Ungleichheit der Pupillen; 
psycfaiacherseitd ausser der Gedächtnissschwäche^ die eich 
in Vergesslichkeit, Zerstreutheit kundgibt, Zeicfben eines 
hereinbrechenden psychischen Verfalls, als da sind: Träg- 
heit, Nachlässigkeit, leichtere Bestimmbarkeit neben f»e- 
müthlicher Erregbarkeit und Weichheit« Auch des Sta- 
dium der schriMicfaen Arbeiten in dieser Periode «ergibt 
(M schon beachtungswerthe Erscheinungen. So fiädet 
si^ etwa, dass darin Worte und Buchstaben ausgelassen 
sind, dass Datum- und Rechnungsfehler gemacht wurden, 
es finden sich fehlende oder unrichtige Interpunktiofn, be- 
ginnende Aenderungen der Handschrift, grössere Fl^üeh- 
tigkeit der Sohriftzüge, schiefe Stellung der Buchstaben, 
Abweit^hungen Ton der geraden Linie, Unsaub^^rkeiten 
des Papiers — Alles beachtenswerthe Spulten getrübter 
geistiger Klarheit , Besonnenheit und Aufmerksamkeit. 
Häufig entwickelt sieh im Verlauf einer solchen überhand- 
nehmenden psychischen Schwäne ein Zustand deutlicher 
Bianiakalisch^r Exaltation. Die Kranken stürzen «sich dann 
in gewagte Spekulatifonen, kaufen, verkaufen, Teri^chen- 
ken, sind in steter Unruhe und Erregung. In der Regel 
geht damit ein gesteigerter Geschlechtstrieb and^ eine 
grosse Neigun^g zu Alkoholexcessen einher, aus jdenen 
Raufhändei, Körperverletzungen, Injurien etc. •eich nur zu 
leieht ergeben. Der gesteigerte 6e0cbleeb6trieb führt au 
Familien- und öffentlichen Skanda4en, Sittliehkeitsverbre- 
ofaesi und groben Verletzungen des öffentlichen Anstandes. 
Besonders häufig begehen diese Kranken Diebstähle, aber 
in so plumper einfältiger Weise ^ dass der That die Ent- 
deckung auf dem Fusse folgt. Die Gedächtnissschwäche 
ist dabei zuweilen jetzt schon so gross , dass .sie auf M- 
scher «That ertappt, nach kurzer Zeit gar nicht mehr wis^r 
seu; wie sie zu dem gestohletien Gegenstand gekoifimen 
sind, pure die That ableugnen und dann natürlich iilt 
verschmitzte Spitzbuben gehalten werden bis zu dein Mo- 

7* 



[ 



— 100 — 

meoif wo im Gefängniss Tobsneht und Grösse&wahn aus- 
brechen ODd den Fall anfldärep, Aach in den späteren 
Stadial der Krankheit ist Diebstahl eine häufige Elrschei- 
nnng. Meist hegt ihm dann ein oniTerseller Grössenwahn 
zu Grand, der Alles for sein Eigentham hälL Bewasst- 
Mnsstöning and Illosionen Tcranlassen dabei den Kran- 
kok oft ganz werthlosen Flitterkram za stehlen , indem 
er ihn f&r äusserst werthrolle Gegenstände hält 

In den Irrenanstalten ist es ganz gewöhnlich^ dass 
derartige Kranke Ab^ids alle Taschen mit allem mög- 
liehen Kehricht and Unrath , den sie unter Tags gesam- 
melty voll haben. In den spätem Stadien, wo die De- 
mentia das Krankheitsbild überwuchert hat, sind die cri- 
minellen Handlangen hauptsächlich durch die schwere Be- 
wusstseinsstörung yermittelt. Die Kranken wissen nicht 
mehr 2jeit und Ort, Mein und Dein aneinander zu hal- 
ten. Sie begeben sich z. B. in fremde Häuser in der 
Meinung, es sei ihr eigenes, und tragen daraus Gegen- 
stände fort, sie gehen, auf fremdes Ackerfeld und erndten 
dort oder richten in triebartiger Geschäftigkeit allerlei Be- 
schädigungen an. Sie verschulden femer Feuersbrünste, 
indem sie z. B. die Kommode für den Heerd halten und 
darein Feuer machen , oder ttchtlos brennende Zündhölz- 
chen wegwerfen. 

Die B^;utachtung derartiger weitgediehener Fälle ist 
nicht schwierig. Die grosse Bewusstseinsstörung , Yer- 
gesslichkeit, Gleichgiltigkeit^ Einsichtslosigkeit psychischer- 
seits, die unverkennbaren Zeichen eines schweren Harn- 
leidens, wie sie sich durch die Bewegungs- und Sprach- 
störungen verrathen, sichern die Diagnose. 

Die erwähnten Eigenthümlichkeiten des Bewusstseins- 
zustandes geben, dem Mechanismus des Handelns derarti- 
ger Ej'anker zudem ein ganz besonderes- Gepräge. Ihre 
Handlungen werden mit einer auffiedleuden Plumpheit, 
Brutalität, Rücksichtslosigkeft, Ungeschicklichkeit und Plan- 
losigkeit, wie sie nur ein solcher Zustand von Demenz 
und Bewusstseinsstörung bedingen kann, in Scene gesetzt. 



— 101 — 

Auffallend häufig im Verlauf dieser gefürchteten Krank- 
heijl; fifideo sich bedeutende Remissionszustände, die na- 
njentlich in den frühern Stadien der Krankheit vorkom- 
men, Monate bis zu Jahren andauern können, so dass der 
Unerfahrene an Herstellung glaubt, der Kranke selbst sei- 
nem Beruf und dem bürgerlichen Leben wieder gegeben 
werden kann. Nie sind sie aber wirkliche Interinissio- 
nen, denn psychisch zeigen sich in diesen Remissionszei^ 
ten deutliche Zeichen psychischer Schwäche, leichte Be- 
stimmbarkeit , Reizbarkeit , allerlei Characteranomalien, 
oft ist das Krankheitsbewusstsein mangelhaft, die Krank- 
heitseinsicht fui* den vorausgegangenen Zustand gar nicht 
vorhanden. Auch motorische Störungen, leichte Schwin- 
del- und Congestivanfölle zeigen sich da und dort, und 
weisen darauf hin, dass die Krankheit nicht gehoben, 
sondern nur vermindert ist. Von einer rechtlichen Ver- 
antwortlichkeit derartige? Kränker in diesen Remissions- 
stadien / seien sie auch noch so lange und deutlich aus- 
gesprochen, kann demnach keine Rede sein. - 

, ' ^ . . . ■ . 

IV. Die Zustände krankhafter Bewusstlosigkeit 

Ausser den in^ engern Sinne so genannten Geistes- 
krankheiten gibt es noch eine Reihe von Störungen des 
Seelenlebens meist transitorischer Natur, in denen die 
rechtliche Verantwortlichkeit aufgehoben ist. Von der 
Gesetzgebung sind diese Fälle vorgesehen, sie lassen sich 
am natürlichsten unter der Bezeichnung der „Bewusst- 
losigkeit" im §. 51 des deutschen Strafgesetzb. subsu- 
miren , denn allen diesen Zuständen kommt als wichtig- 
stes Moment die mehr- oder weniger vollständige Aufheb- 
ung des Selbstbewusstseins für die ganze Dauer des /An- 
falls zu. Offenbar kann unter Bewusstlosigkeit im ge- 
setzlichen Sinne nur ein Zustand von Aufhebung des 
Selbstbewusstseins verstanden werden^ ein Zustand, in 
welchem der Kranke zwar seiner „Sinne und seines Ver- 
standes" nieht mächtig, gleichwohl aber durch subjective 



. — 102^ — 

Siimesbilder , Traufii- und Wahnyorstellungon nodi itn 
StandiB ist, mit der Aussen weit zu verkehren, uDd.crimi- 
nelte Handlungen zu begehen, deren er .sich aber gar 
nicht bewusst ist, von denen er hinterher gar nichts weiss, 
oder deren er sich höchstens wie der Erlebnisse eines 
Traumes erinnert, die er'nicht als dwkendes fbei wol- 
letides Wesen, «ondern rein maschinenartig, autöma- 
tisdi hervorgebracht hat, und für die er natOrlich in kei- 
ner Weise verantwortlich gemacht werden kann. Ke fe- 
renfiische Bedeutung derartiger Zuständid ist demnach keine 
gevioge, auöh die Ermittlung des subjectiven Zustande 
zur Zeit de Thafc stösst bei der Flüchtigkeit dieser Yor- 
gäoge auf nicht geringe Schwierigkeiten* Ein wichtiges 
MMfient für die Beurtheilufig ergibt sich dnf&a au9 der 
ErmittlaBg dea Stande der Erinnerung für di^ Zeit^dauer 
und' fikr diet Begebnisse des Anfalles. 

Wir aubscrmiren in Folgendem unter dem gesetzlichem 
Terminus der Bewusstiosigkeit (i. e. Aufbebitiig des Seibsi- 
bewusstseins) gewiss«' Traum- und kitojiicaMonszttstttnd«, 
Fieberdelirien , acute ^Delirien im Verlaufe gewisser Ner- 
venkraiPJkibeiteui (Hystenie und l^pilepsie) wa^i! gewisse pa- 
thologische Affectzustände. 

1. Die TraumzTusiände. 

Dabin gehören« djie Schlaftrunkeinhdt (Somi>dlentia) 
und jener tigenthümüche Zustand des Nervensystems^ 
dBia man^ als Scl^ftfwcMadeln ( Somnambulisioaus) bea^ehnet. 

ak. £>ie Schlafti^unkenheit. Sie ist jener eigen- 
tbümliche intermediäre' Zustand zwischen Schlafen und 
Waehen, der einteitt, sobald' die* mit dem Erwa^heit ge- 
wöhniboh verbundene sofortige Wiederkehr von Selbstbe- 
wuiSstd<Än ui^ Besonnenheit verzögert wird, so dass aus 
dem TrauiDileben mit herübergenommene Yorsteilungen 
und Siaiiiiie(»tli.wehungen oder falsche Apperoeßtionen» aas 
der naek msiht zum Bewu«stsein gekommenen realen Welt 
den traud»artigen B:ewusstseinszustand unterhalten. Da 
abet' in: diesem' in4eamiediären Zustand sohon motorisebe 



— 103 — 

Reaktionen auf diese träum artigen Vorstellungen mögUdi 
sinä, hat die Criminalpsychologie ein Interesse an diesem 
Zustand, insofern Gewaltthaten von solchen Schlaftrünke* 
nen an der traumartig verkannten Umgebung möglich 
sind, und auch nicht allzu selten verkommen. 

So hat man Fälle beobachtet, wo Leute von einem 
beängstigenden Traume gequält und darüber erwacht, in 
vermeintlicher Nothwehr gegen eingedrungene Diebe upd 
Mörder ihre nebenanschlafenden Angehörigen oder Perso- 
nen, die sie aus tiefem Schlafe erweckten, feindlich ver- 
kennend tödteten. 

Ein erschütternder analoger Fall findet sich in Bnck- 
nill und Tuke's Lehrbuch mitgetheilt. Ein Gonstabler hörte 
aus einem Hause mitten in der Nacht den Angstruf „ret- 
tet meine Einder'M Er eilte ins Haus und traf eine Mut- 
ter im Nachtkleid, in grösster Verwirrung und Aufregung. 
Alles im Zimmer war in wirrem Durcheinander, zwei 
kleine Kinder sassen in einer Ecke gekauert. Die Frau 
rief beständig „wo ist mein Säugling? Haben Sie ihn 
aufgefangen? Ich muss ihn zum Fenster hinausgeworfen 
haben'^ Sie hatte das Ejnd durch* eine Scheibe zum Fen- 
ster hinaus auf die Strasse geworfen , ohne jenes zu er- 
öffnen. Sie hatte geträumt, ihre kleinen Jungen riefen 
ihr zu, dass das Haus in Flammen stehe, und in der 
schlaftrunkenen Sinnesverwirrung hatte sie ihr kleinstes 
Kind zum Fenster hinausgeworfen, um es vor den Flam- 
men zu retten. 

Die Schlaftrunkenheit als solche ist ein ganz transi- 
torischer, nur wenige Minuten dauernder Zustand; nur in 
seltenen Fällen werden neue Sinnesdelirien aus einwir- 
kenden Sinnesreizen erzeugt und unterhalten die hieraus 
entstehende Sinnesverwirrung. Die Erinnerung an die 
Erlebnisse des schlaftrunkenen Zustandes ist immer nur 
eine summarische, die. in ihn fallenden Begebenheiten pro- 
jiciren sich dem wiedererwachten Bewusstsein wie ein 
Traum. 

Prädispositionen für die Entstehung der Schlaftrunken* 



1 



— 104 — 

heit geben alle Umstände ' welche den Schlaf besonders 
tief machen, namentlich die ersten Standen des Schlafes 
und das jugendliche Alter, Zeiten , in denen der Schlaf 
schon physiologisch ein besonders tiefer ist^ ausserdem 
grosse Strapazen, lange Entbehrung des Schlafes, roraus- 
gegangener Genuss von geistigen Getränken, reichliche 
Mahlzeit, heisse Schlafstube. Es gibt endlich Constikitio- 
nen, die einen ungewöhnlich tiefen Schlaf haben, und 
Familien , in denen mehrere Glieder zu Schlaftrunkenheit 
disponirt sind. 

Veranlassende Ursachen sind böse, schwere Träume 
die den Schlafenden erwecken, oder plötzliches Erweckt- 
werden durch Dritte. 

üeber die NichtZurechenbarkeit in solchem Zustande 
begangener Thaten kann kein Zweifel bestehen; Schwic» 
rigkeit bereitet nur die Ermittlung des Bewusstseinszu- 
standes zur Zeit derselben. Es ist hier wichtig zu erfor- 
schen, ob beim Individuum oder seiner Familie schon 
ähnliche Zustände vorgekommen sind, wie sein Schlaf 
und Erwachen gewöhnlich waren, welche sonstige prädis- 
ponirende und occasionelle Momente zusammenwirkten, 
um den Schlaf zu einem besonders tiefen zu machen, 
welche äussere oder innere Ursachen für die Unter- 
brechung des Schlafes sich ergaben, ob die That wirklich 
in die Zeit des gewöhnlichen Schlafes fiel, wie lange^ 
dieser schon gedauert hatte, wie lange der angeblich 
schlaftrunkene Zustand dauerte, ob nicht zeitlich zwischen 
That und Erwachen Reden und Handlungen fielen, die 
auf wiedergekehrtes Selbstbewusstsein und Apperception 
schliessen lassen. 

Es ist selbstverständlich, dass die That zeitlich un- 
mittelbar in den Moment des Erwachens oder Erweckt- 
werdens fallen muss, dass sie keine prämeditirte sein, 
sondern nur den Charakter einer unbewussten, zufälligen 
an sich tragen kann. 

Wichtig ist endlich die genaue Prüfung, welchen Zeit- 
abschnitt und welche Punkte die Erinnerung umfasst. 



— 105 - 

Bei -wirklicher Schlaftrunkenheit kann die Erinnerung nur 
eine summarische sein und nur den sul)jectiven Inhalt 
des Traumbewusstseins, nicht aber den objektiven Sach- 
verhalt in sieh begreifen. 

Daneben können auch die Vita anteacta, der Leu- 
mund, die fehlende Causa facinoris, das Benehmen nach 
der That verwerthet werden: 

b) Der Zustand des Nachtwandeins. Phäno- 
menologisch besteht er darin, dass bei vollkommen auf- 
gehobenem Selbstbewusstsein : durch spontane Thätigkeit 
des Gehirns, gleichwie im Traume, Vorstellungen und 
Sinnesbilder producirt werden, deren Uebergang in mo- 
torische Akte aber nicht gehemmt ist, so dass den Traum- 
vorstellungen adäquate und zweckentsprechende Hand- 
lungen möglich sind, während gleichzeitig die*Sinnes- 
apperception aufgehoben oder auf die dem Inhalt des 
Traumbewusstseins entsprechenden Objekte eingeschränkt 
ist. Dieser Handlungen ist sich das Ich nicht bewusst, 
sie sind rein automatische Akte. Die Erinnerung für die 
Traumerlebnisse und natürlich alle realen Begebnisse 
fehlt ganz im wachen Zustand, oder, wirkliche B/Bgeben- 
h ei ten vermeint der Nachtwandler nur geträumt zuhaben. 
Zuweilen ist die Erinnerung an das in früheren Anfällen 
Geschehene auf die Zeit der jeweiligen Anfälle beschränkt, 
ein eigenthümlicher Zustand von Doppelleben undDoppel- 
bewusstsein» 

Die Literatur besitzt Fälle, wo in solchen Anfällen 
criminelle Handlungen (Tödtung, Diebstahl), Schwängerung 
stattgefunden haben. Das Nachtwandeln ist eine Nerven- 
krankheit, wahrscheinlich nur Theilerscheinung anderer 
Neurosen (Epilepsie, Hysterie, Status nervosus). Es fin- 
det sich vorwiegend im jugendlichen Alter, namentlich 
zur Zeit der Pubertätsentwicklung. Die Anfalle bestehen 
nicht selten Jahre lang,^ kehren zuweilen täglich und zu 
bestimmten Stunden wieder^ werden immer, von Schlaf 
eingeleitet; zuweilen gehen ihnen leichte Convulsionen 
oder kataleptische Starre der Muskeln voraus» Der An- 



- 106 - 

fall geht in einen Zustand von gewöhnlichem Schlafe 
wieder zurück oder wenn er durch äussere oder innere 
Anregung unterbrochen wird, geht er durch ein kürzeres 
oder längeres Stadium schlaftrunkenartiger Verworrenheit 
in den wachen Zustand übier. Die Traumvorstellungen 
ktonen mehr oder weniger geordnet und einfache Re- 
produktionen gewohnter Vorstellungsgruppen des wachen 
Lebens sein, oder sie sind mangelhaft associirt.und v^er- 
worren. Dem entsprechend ist der Nachtwandler zur 
Vornahme zweckmässiger Handlungen, zur Fortsetzung 
und Besorgung gewohnter Geschäfte fähig oder er däm- 
mert planlos umher. . 

Bie Constatirung der S^rankheit hat in der Regel 
keine Schwierigkeiten, da sie eine chronische Neurose ist, 
anderweitige Zeichen einer solchen , . Prädispositionen zu 
NervenkDankheiten sich etwa finden und weitere Anfalle 
sich beobachten lassen. Dass eine criminelle That wirklich 
in einem solchen Anfalle begangen wurde^ muss aus einer 
Reihe von Umständen erschloissen werden. 

Wichtig kann es bei typischen Anfällen werden, ob 
die ThjGbb in. die gewöhnliche Zeit derselben fällt. Das 
Zustand^ommen einer zweckmässig combinirten That 
schliesst das Sichlafwandeln nicht aus. Bezüglich der That 
selbst und ihrer näheren Umstände können sich wichtige 
Anhaltspunkte ergeben insofern z. B. zu ihrer Ausführung 
dem wachen Leben unmögliche (Weg über's Dach etc.) 
Mittel und Wege eingeschlagen wurden. 

Auch hier kann schliesslich die genaue Ermittlung 
wie sich die Erinnerung verhält, werthvoUe Anhaltspunkte 
ergeben. 

Nie hat. des Nachtwandler die Erinnerung für Das^ 
wa&f in die Zeit seines Anfalles fiel, als Erlebtes, höch- 
stens als Geträumtes, in der Regel fehlt alle Erinnerung, 
wie im tiefen Schlafe. Jedenfalls ist es unmöglich, dass 
er sich an ein Factum erinnere, . das in die Z^t seines 
ZuStandes fILllt, während er zeitlich vor oder nachher 
stattgeftindener Begebenheiten sich gar nicht erinnert oder 



— 107 — 

sie nur geträumt zu haben vorgibt, tm Anfalle selbst ist 
gegenüber möglicher Simulation zu beachten , dass die 
Sinnesappereeption aufgehoben ist, oder sich auf I>as, 
was mit den das Traumbewusstsein erfüllenden Vorstel- 
lungen zusammenhängt, beschrätikt 

2. Die Intoxicationszustände. 

Hieher gehören die Wirkungen welche der Genuss 
von Alkohol oder ii€tf kotischen Stoffen auf die psychi- 
scbea Funktionen ausübt, und damit die rechtliche Ver- 
antwortlichkeit in Frage stellt. 

a) Die Alcoholintoxication. Der Rausch ist 
eigentlich nichts Anderes, als ein künstlich erzeugtes Irr- 
sein, und je nach der Individualität, der Quantität und 
Qualität des alkoholischen Getränks sind die Symptome 
und Formen dieses Alkoholirrseins verschieden. 

Wir müssen bei der Besprechung der durch Alkohol- 
mis^braudi erzeugten Irrseinäzustände die acuten transi- 
tociachen^, ^ie si^ ale; Rausch bezeichnet werden, wesent- 
lich von de«: chroni^ehen dauernden, durch habituelle 
AlkoholexiCesae hei^beigefiibrten unterscheiden. 

Bemerkenswertbe Typen dieses chronischen Irreseins 
der Säufer sind Zustände wahrer Moral insanity, die sich 
in allmäligem Verlust aJler ästhetischen, ethischen Ge- 
fühle und UrtheilC; einer sittlichen Entartung nach allen 
Richtungen bei gleichzeitiger Abnahme der intellectu eilen 
Kräfte, namentlich des Gedächtnisses kundgeben, und 
nach Umständen in foro recht schwierig zu beurtheilen 
sind; ferner Zustände von vorwiegend intellectuellem 
Schwach- und Blödsinn mit grosser Gemüthsreizbarkeit, 
und solche von subacutem oder chronischem Verfolgungs- 
wahnsinn, ausgezeichnet dadurch, dasa hier Gesichtshallu- 
cinationen schrecklichen Inhalts ins Erankheitsbild ein- 
treten und der Wahn, begünstigt durch entsprechende 
Illusionen und Gehörshallueinationen gerne einen sexuel- 
len Ghwraktw z. B, ehelicher Untreue annimmt. 



— 108 — 

Einer periodischen Saufsucht (Dipsomanie) als wahr- 
scheinlicher Varietät periodischer Manie haben wir eben- 
falls schon Erwähnung gethan. Es genügt auf diese nur 
ätiologisch von andern differirenden Zustände aufmerk- 
sam gemacht zu haben, da ihre Diagnose und gericht- 
liche Beurtheilung genau dieselbe ist. 

Eingehendere Beachtung erfordern die acuten Stör- 
ungen^ welche der Alkoholmissbrauch setzt, das De- 
lirium tremens und der Zustand der Berauschung. 

Das Delirium tremens ist ein acutes Delirium, zu 
dessen Ausbruch die Alkoholexcesse nur eine Disposition 
in Folge organischer Veränderungen im Gehirn bilden, 
auf Grund deren gewisse occasionelle Momente, wie z. B. 
acute Krankheiten (Pneumonie) , Verletzungen (Bein- 
brüche), heftige Affekte, zuweilen auch die blose Ent* 
Ziehung des gewohnten Alkohol-Reizes, das Delirium zum 
Ausbruch bringen; - 

Dieses selbst verläuft; als Zustand massiger Tobsucht 
oder als Melancholie mit Angstgefühlen. Charakteristisch 
sind ein gewisser Stupor, Zittern der Extremitäten^ Schlaf- 
losigkeit^ copiöse Schweisse und Hallucinationen des Ge- 
sichts, die vorwiegend, aber nicht ausschliesslich in Thier- 
visionen und hässlichen Fratzen bestehen. 

Von einer rechtlichen Verantwortlichkeit in diesem 
Delirium kann natürlich keine Rede sein. 

Am häufigsten unter allen Alkoholzuständen sind es 
Fälle einfacher Berauschung, die zum Gegenstande foren- 
jsischer Beurtheilung werden, insofern sie zu Körperver- 
letzungen, Todtschlag, Ehrenkränkungen, Mäjestätsbelei- 
digungen und andern criminellen Handlungen führen. 

Gewöhnlich spielen sich die Fälle einfacher Berau- 
schung unter dem Bild einer maniakalischen Exaltation 
ab. Der Gedankenfluss wird rascher, die Stincmjung ge- 
hoben, Gedächtniss. und damit Combination und Repro- 
duktion gesteigert. Ein deutlicher Bewegungsdrang gibt 
sich in Singen, Schreien, Lachen, Tanzen, allerlei muthr 
willigen und vielfach zwecklosen Handlungen kund. Im 



— 109 — 

weitern Verlaufe verlieren sich eine Reihe ästhetischer 
Vorstellungen, moralischer Urtheile, die hemmend und 
eontrolirend dem gesunden Ich sonst zu Gebote stehen.— 
Der Betrunkene plaudert seine eignen und anderen Ge- 
heimnisse aus , — in vino veritas — er setzt sich über 
Sitte und Anstand hinweg, er wird cynisch, brutal, un- 
duldsam, rechthaberisch, aggressiv. 

Zuletzt kommt es zu einem Zustand psychischer 
Schwäche (zu Abnahme des Gedächtnisses, zu Mattigkeit, 
Schläfrigkeit,» Verworrenheit), es treten Hallucinationen 
und lUusioneq auf, und ein Zustand blödsinnigen Stupors 
schliesst die Scene ab. 

Für die Bestrafung der im trunkenen Zustande be- 
gangenen criminellen Handlungen hat das Gesetzbuch 
keine speziellen Normen aufgestellt. Diese Zustände 
fallen somit unter §. 51 und sind unter den dort aufge- 
stellten Begriff der Bewusstlosigkeit zu subsumiren, womit 
implicite angenommen 'ist, dass jene wein warmen, leicht 
mäniakalischen Zustände an und für sich die Zurechnung 
nicht aufheben, und die rechtliche Verantwortlichkeit erst 
mit dem Zeitpunkt aufhört, wo Bewusistlosigkeit, id est 
Aufhebung des Selbstbewusstseins eingetreten ist. Zur 
Ermittlung des subjectiven Thatbestands in" solchen Fällen 
einfacher Berauschung wird selten die Mitwirkung des 
ärztlichen Technikers requirirt, gewöhnlich enlscheidet der 
Richter allein über die Zurechnung der Trunkenen auf 
Grund der Zeugenaussagen, wobei die Quantität und 
Qualität des genossenen Getränks, die Thatumstände und 
allgemein psychologische Kriterien die Schwerpunkte der 
Entscheidung bilden. 

Leider wird dabei, von den Geschwornen vielfach 
Bewusstlosigkeit im gewöhnlichen Sprachgebrauch, nicht 
im rechtlich psychologischen genommen, und die Bewusst- 
losigkeit des (sinnlos) Betrunkenen nicht statuirt, weil 
der Betreffende noch mit der Aussenwelt verkehrte, zu- 
sammenhängend sprach und handelte^ obwohl ein solches 
Verhalten (vgl. Traumzustände , Jtf ania' transitoria, epilep- 



— 110 — 

troa ete.) durchaus nicht die Möglichkeit ausscbliesst, dass 
Jemand gleichzeitig des Selbstbewusfitseins beraubt war, 
resp. niüht wusste^ was er that. Die Entscheidung dürfte 
auch hier im Verhalten des Erinnerungsvermögens für 
die .Zeit des Anfalls, als dem besten Reagens für die Er- 
mittlung des Standes des Selbstbewusstseins liegen. 

Allein damit ist die forensische Betrachtung der Zu- 
stände von Alkoholintoxication noch nicht erledigt Neuere- 
Forschungen haben dargethan, dass es Zustände von 
durch Alkoholintoxication erzeugter StöruBfg der psychi- 
schen Funktionen gibt, die durchaus nicht mehr d6m 
Schema eines gewöhnlichen Rausches entsprechen , son- 
dern bei denen tfaeils ^ps inn^rn organischen Dtsachen^ 
theils aus einem Zusanunenwirken accidenteller Momente 
die Berauschung in Wesen und Verlauf durchaus sich als 
ein Anfall von acutem, tobsüchtigem Irresein gestaltet. — 
Mania ebriosa. 

Gegenüber solchen Fällen wäre die Mitwirkung eines 
ärztlichen Technikers zur Constatirung des subjectiven 
Thatbestands dringend geboten, andrerseits wünschens- 
werth , wenn die richterliche Fragestellung nicht den 
doppeldeutigen Begriff der Bewusstlosigkeit wählte, sondern 
im* Einklang mit §. öl des Strafgesetzbuchs die Frage 
darnach stellte, ob ein Zustand von krankhafter Störung 
der Geistesthätigkeit vorhanden war, welcher die Fähig- 
keit der freien Willensbestimmung ausschloss, denn that- 
sächlich gehören die allegirten Zustände nur unter diesen 
gesetzlichen Begriff. 

Wir wählen als CoUectivbezeichnung für derartige 
pathologische Rauschzustände den Namen Mania ebrio- 
r u m a c u t i s s i m a , da ein . maniak alischer Sy mptomen- 
complex bis zu Ausbrüchen tobsüchtiger Wuth und trieb- 
artigen Zerstörungsdranges in der Mehrzahl der Fälle das 
Krankheitsbild zusammensetzt. Eine solche pathologische 
Reaktionsweise auf Alkoholica kann durch die verschie- 
densten schädlichen Einflüsse, welche die Hirnorganisation 



— Hl — 

» 

treffen, herbeigeführt werden. Sie lassen siob (tber- 
sichtlieh in prädisponirende und accidentelle ed^iden. 

Die prädisponirenden kommen wesentlich darin über- 
ein, dass sie die Widerstandskraft gegen die fluxionsbe- 
fördernde Wirkung des Alkohols verringern , und, wohl 
durch gestörte Innervation der vasomotorischien Ceniren, 
zu fluxionären Hyperämien im Gebiete der den psychi- 
schen Funktionen dienenden Theile des Groashirns Anlass 
geben. Solche Hirnorganisationen sind nicht selten. Sie 
sind angeboren, oder in den ersten Lebensjahren durch 
verschiedene cerebrale Affektionen z. B. Meningitis, Hy- 
drocephaius acutus erworben worden. 

Oft ist diese abnornie Constitution eine entschieden 
hereditäre. Man findet dann in der nächsten Verwandt- 
schaft, namentlich der Ascendenz, Individuen, die an den 
verschiedensten Hirnkrankheiten gelitten haben, an Apo- 
plexia cruenta oder serosa zu Grunde gingen, geisteskrank, 
epileptisch oder trunksüchtig waren. Eine auffallend ge- 
ringe Toleranz gegen Alkohol ist nicht selten semiotischer 
Ausdruck für eine psychopathische hereditäre Constitution. 
Es gibt Hereditjarier, bei denen neben elementaren Er- 
scheinungen abnormer psychischer Verfassung erwähnt 
wird, dass sie. den Alkohol von jeher schlecht vertrugen, 
oder dass sie geistesgestörte Blutsverwandte hatten, die 
die gleiche Intoleranz darboten. Die Träger solcher alv 
normer Constitution sind Menschen bei denen die geringe 
Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen fluxionsbeför- 
dernde Einflüsse sich frühe und vielfach kund gibt. Sie 
sind von reizbarem cholerischem Temperament, leiden 
vielfach an Kopfweh, Schwindel, sensoriellen Hyperästhe- 
sien, Nasenbluten, bekommen durch Affekte^ Einwirkung 
hoher Temperatur heftige Congestionen, und kommen in 
ihren Affekten leicht ausser sich. 

In einer andern Reihe von Fällen ist diese patholo- 
gische Reaktionsweise des Gehirns gegen Alkohol eine 
erworbene. 

Ganz besonders sind hier Kopfverletzungen und Hirn* 



1 



— 112 — 

erschütterungen, Entzündungen des Gehirns und seioer 
Häute, Apoplexie, idiopathische Seelenstörungen, beson- 
ders Delirium acutum, ferner die Prodromal - Periode von 
solchen 9 namentlich Dementia paralytica, Alcoholisaius 
chronicus, Epilepsie und erschöpfende Krankheiten, wie 
z. B. Typhus, namhaft zu machen, nach denen oft eine 
bemerkendwerthe Intoleranz für Alkoholica zurückbleibt 
und Alkoholexcesse Zufälle transitorischer Seelenstörung 
erzeugen. 

Aber auch ohne Prädisposition kann durch ein Zu- 
sammenwirken, accidenteller fluxionsbefördernder Momente 
mit einer Berauschung, diese zu einer akuten Tobsucht 
gesteigert werden; 

Dahin sind zu rechnen heftige, plötzliche Affekte, 
körperliche Anstrengung durch Taoz, sexuelle Aufregung, 
Trinken bei nüchternem Magen, dumpfe heisse Trinkstube, 
grosse Sonnenhitze, Beimischung narkotischer Stoffe zum 
Getränk (ätherische Oele^ Absynth etc.). 

Am wichtigsten sind hiebei Affekte* Es ist hier nicht 
zu übersehen, dass zwischen der Einwirkung von Alko- 
hol und Affekt ein längerer Zeitabschnitt massiger, durch 
den Alkohol erzeugter Hirncongestion liegen kann , in 
dem sich der Betreffende noch ganz verständig benahm, 
bis plötzlich durch das Plus eines einwirkenden Affekts 
ein ganz unfreier Zustand herbeigeführt wurde. Man muss 
sich dann hüten , blos der Einwirkung des Affekts zuzu- 
schreiben, was gemischter Effekt jenes und des Alkohols 
war. Solche Fälle von con^binirter Wirkung von Bausch 
und Affekt sind in der Praxis äusserst häufig. Die Lite- 
ratur hat eine grosse Zahl von in pathologischen Rausch- 
zuständen zu Stand gekommenen schweren Gewaltthaten 
verzeichnet. 

Für die Ermittlung des subjeciiven Thatbestandes 
dürften folgende Merkmale zu verwerthen sein: 

1) Menge des genossenen Getränks und Wirkung 
stehen in keinem Verhältnisse, eben weil innere organi- 
sche oder aussergewöhuliche occasionelie Bedingungen die 



— 113 — 

Erregbarkeitsschwelle des Gehirns für Alkoholica tiefer 
setzten. 

2) Wie quaütitativ ein Missverhältniss besteht, so zeigt 
sich dies auch in der zeitlichen Verknüpfung von Ursache 
und Wirkung. Die acute Psychose bildet häufig nicht das 
Höhestadiutn der Berauschung, folgt vielfach nicht dem 
gewöhnlichen Stadien- und Instanzenzug, sondern tritt 
primär, plötzlich, gleich im Beginne des (relativen) Alko- 
holexcesses auf, oder auch es liegt zwischen Alkoholge- 
nuss und Ausbruch der akuten Psychose. ein bis mehrere 
Stunden dauerndes Stadium latenter Üirncongestiön und 
Intoxication, so dass jene erst durch ein accidentelles Mo- 
nient (Affekt) nachwirkend zum Ausbruch kommt. 

3) Auch qualitativ unterscheiden sich solche Zustände 
vom gewöhnlichen Rausche. Es kommt zu einem mehr 
weniger systematischen Delirium, zu völlig aufgehobener 
oder traumartig durch subjective Sinneserregung verfälsch- 
ter Apperception, zu einer völligen und dauernden Auf- 
hebung des Selbstbewusstseins , zu maniakalischen Aus- 
brüchen, denen nicht ein Gewolltes, Vorgestelltes zu Grunde 
liegt, sondern die ganz wie bei der gewöhnlichen Tob- 
sucht, einen spontanen durchaus triebartigen Charakter 
haben, sich bis zur Höhe von Wuthanfällen und zu mass- 

. losem Zerstörungsdrang steigern können. 

4) Dazu gesellen sich Erscheinungen lebhafter Fluxion 
zum Gehirn, — klopfende gespannte Carotiden, jagender 
voller Puls, heisser, gerötheter Eopf , injicirte glänzende 
Augen, zuweilen selbst Zähneknirschen. 

5) Die Bewegungen sind nicht die ataktischen tau- 
melnden der Trunkenen, sondern unter dem Einfluss der 
cerebralen (maniakalischen) Irritation werden die Bewe- 
gungen kraftvoll , energisch , die Muskeln ausserordentü- 
cher Kraftleistungen fähig. 

6) Die SensibiUtät der äussern Haut ist aufgehoben. 

7) Es besteht Amnesie für den Zeitabjschnitt der acu- 
ten Psychose. Während bei gewöhnlichem Rausche, wo das 
Selbstbewusstsein nur theilweise getrübt und momentan auf- 

V. Krafft-Ebing, Griminalpsychologie. 8 ^ 



* % 



— 114 — 

gehoben ist, eine wenigstens summarische Erinnerung, an 
das im Zustand der Berauschung Vorgefallene besteh^. ist 
beim acuten Ti*unkenheitsirresein die Amnesie eibe conii- 
plete^ über einen grössern Zeitabschnitt ausgedehnte^ der 
ganze Paroxysmus bildet eine völlige Lücke im zeitlichen 
Ablauf des Vorstellens. 

Wohl zu beachten ist eine eigenthümliche momentane 
Aufhellung des ßewusstseins bei solchen Zuständen z. B- 
nach einer Gewaltthat, im Moment der Verhaftung, des 
Verlassens der heissen Atmosphäre der Trinkstube etc., 
die dann eine momentane richtige Beantwortung einiger 
geBtellter Fragen, ein zweckmässiges Gebahren ermöglicht, 
an die sich aber der^Inkulpat nachträglich nicht erinnert. 
Solche Thatsachen werden dann leicht im Beweisverfahren 
einseitig für die Anschauung verwerthet, dass ,der Betref- 
fende nicht sinnlos betrunken, bewusstlos gewesen sei, 
obwohl doch der Mangel der Erinnerung dafür spricht. 
Es erinnert dies an einen ähnlichen Zustand bei Epilepti- 
schen, die nach einem Anfall anscheinend wieder bei sich 
sind/ vernünftig sprechen und handeln^ und hinterher gar 
nicht wissen^ was sie in diesem scheinbar wieder beson- 
nenen Zustand gethan haben. 

Die Häufigkeit des Eingreifens der erwähnten organi- 
schen pathologischen Bedingungen und ihre Bedeutung 
für die Zurechnungsfähigkeitsfrage macht es wtihschens- 
werth, dass der Richter sie kenne, auf sie aufmerksam 
sei, und erforderlichenfalls die Hilfe des Gerichtsarztes zur 
Ermittlung des subjectiven Tbatbestandes requirire. 

Es entfallen dabei für die Expertise als Eesumä des 
Vorgetragenen folgende Gesichtspunkte: 

1) Wie verhält sich das ganze Vorleben des Inkulpa^ 
ten, wie seine psychische Abstammung? finden sich here- 
ditäre psycho- und neuropathische Momente? Haben auf 
sein Gehirn Verletzungen oder Krankheiten eingewirkt? 
Ist er epileptisch, leidet er an einer sonstigen allgemeinen 
Neurose, oder an chronischem Alkoholismus? Litt er an 
Congestionen, Schwindel, Kopfweh? Wie verhielt er sich 



— 115 — 

in Affekt€3a ? Wie war seine Töleranz gegen Alkohol in 
verschiedenen Lebensabschnitten ? Findet sieh dabei ein 
Uötersehied zwischen früher und jetzt? Hatten seine Al- 
kohol^scesse auch früher schon einen pathologischen Cha- 
rakter? ' 

2) Welche Symptome gingen der fraglichen Alkohol- 
psychose als Prodromi voraus? (Congestionen, sensorielle 
Hyperaesthesieen, Kopfschmerz, Schwindel.) 

.3) Welches war Quantität und Qualität (Kohlensäure, 
Fuselöl, Absynth etc.) des genossenen Getränks? 

4) Lassen sich zur Zeit der Berauschung oder nach- 
her zur Wirkung gelangte accidentelle Momente ermitteln, 
die einen cumulativen Einfluss auf die Alkoholwirkung ha- 
ben konnten? 

5) In welchen Zeitabschnitt der Berauschung fällt der 
Ausbruch der fraglichen Psychose? Welche waren ihre 
Symptome mit besonderer Berücksichtigung des Verhaltens 
der Muskelkraft, der Circulation, der sensoriellen und psy- 
chischen Funktionen (etwaige Delirien, Hall utsinationen, 
maniakalische triebartige Erscheinungen?) 

6) Wie verhält sich die Erinnerung für den, Zeitab- 
schnitt der fraglichen Psychpse? Wie weit zeitlich und 
qualitativ ist jene aufgehoben? Wie war das Verhalten 
des Inkulpaten nach der That, insofern durch das unbe- 
fangene Gebahren nach derselben sich ein Anhaltspunkt 
datür ergeben kann, dass er sich des Vorgefallenen gar 
nicht bewusst ist? 

b) Narcotismus. Auch durch eine Reihe von der 
Klasse der Narcotica und Aetherea angehörigen Stoffen, 
Opium, Haschisch, Hyoscyamus, Datura Strammonium, Bel- 
ladonna, ferner durch Bleipmparate; Äether, Chloroform kön* 
nen transitorische Alienationen des Selbstbewusstseins Jier- 
vorgebracht werden, in deren Dauer Rechtsverletzungen 
fallen. Das klinische Krankheitsbild setzt sich bald aus vä- 

8* 



— ■ 116 — 

■• ■ • ' - ' ^- .- . ^ ^ 

gen Hallucinationen und Delirien zusammen, bald bestehl 
es aus Anfallen tobsüchtiger Erregung bis'zu Wuthausfbrii- 
chen (Belladonna) oder Zufällen heftiger präkordialer De- 
pression mit Angstzufällen und schreckhaften Visionen nach 
Art eines Raptus melaucholicüs. 

Hie und da scheint das Chloroform eigenthümliche 
Wirkungen, und zwar auf die Geschleehtssphäre auszuüben, 
indem es die Empfindungen des Beischlafs erzeugt. So 
sind Fälle in dör Literatur bekannt, wo Frauen den chlö* 
roformirenden Arzt anklagten, ihren bewusstlosen Zustand 
während der Narcose missbraucht zu habesn, obwohl die 
Untersuchung ergab, dass diese Beschuldigungen sieh rein 
auf Hallucinationen gründeten. Von einer rechtlichen Ver- 
antwortlichkeit von im Zustand des Narcotismus begange- 
nen criminellen Handlungeu kann natürlich nicht die Rede 
sein. — 

I 

'S) Delirium in fieberhaften Krankheiten. 

Ein häufiges Vorkompien ist Delirium in Krankheiten, 
namentlich solchen, bei denen die Eigenwärme bedeutende 
Höhen erreicht, aber bei nerv^ösen Constitutionen kann es 
auch vorkommen , dass Krankheiten mit massigem Fieber 
und gewöhnlich fehlenden Delirien sich mit solchen com- 
pliciren. Die acuten Delirien zeigen sich besonders in 
zwei Stadien des Verlaufs, einmal auf der Höhe des Krank- 
heitsprocesses , dann in der beginnenden Reconvälescenz. 
Das Delirium auf der Acme macht den Eindruck, eines 
toxischen und hängt offenbar mit der Fieberhitze und 
Aenderungen der chemischen Blutbeschaffenheit zusammen, 
das Delirium der Reconvälescenz steht dem Inanitionsde- 
lirium am nächsten und lässt sich wohl auf ungenügende 
Hirnernährung, Zustände von Erschöpfung und Anämie 
des Gehirns zurückführen. 

Im Allgemeinen besitzt das durch sympathische oder 
symptomatische Hirnreizung erzeugte Delirium gegenüber 
den Krankheitsprocessen des Irreseins mehr den Charak- 



- 117 - 

ter einer hallucinatorischen Verworrenheit oder der ver- 
worrenen tobsüchtigen Erregung, selten kommt es zu ab- 
normen Gemüthsstimmungen, systematischem Delirium und 
totaler Umwandlung der Persönlichkeit, Auch die Asso- 
ciationen fehlen grösstentheils im Ablauf der deliranten 
Vorstellungen. 

, Das Delirium der Acme äussert sich bald in der Weise 
einer Melancholia actiya, bald als einfache maniakalische 
Uirnreizung, bald als Delirium acutum oder furibunde Manie, 
bald auch nur als blandes Delirium, aus dem der Kranke 
momentan erweckbar ist. Es ist continuirlich oder fällt 
nur mit den Exacerbationen des Fiebers zusammen. 

Bemerkenswerth sind auch Anfälle furibunden Deli- 
riums an Orten wo Malaria endemisch ist. Sie können im 
Verlauf des Wechselfiebers den ganzen Fieberanfall be- 
gleitend auftreten, zuweilen auch kann die Intermittens 
gleich mit einem solchen Anfall meist niehrstündiger ma- 
niakalischer Erregung mit bedeutender Verworrenheit, 
furibundem Delirium, das zu' den gefährlichsten Gewalt- 
thaten fuhren kann,^debtitiren. 

Das Inanifionsdelirium der Reconvalescenz findet sich 
am häufigsten nach Pneumonie, Intermittens, Typhus, 
Rheumatismus articulorum acutus, Cholera. 

Es besteht aus transitorischen Hallucinationen und 
Delirien indiflFerenten oder ängstlichen Inhalts, Angstzu- 
fällen, Zuständen maniakalischer Erregung oder durch 
beängstigende Hallucinationen hervorgerufener ängstlicher 
Unruhe. 

Gewaltthaten im Fieberdelirium kommen zuweilen 
vor, Mord, Brandstiftung etc. So hat man auch Ermor- 
dung des Kindes im Delirium eines Puerperalfiebers beob- 
achtet. 

Die Zustände des Fieberdelirium sind rechtlich den 
Traum- und Iritoxikationszuständen, nach Umständen auch 
den Geistesstörungen gleich zu erachten, und unter die 
beiden vom §. 51 aufgestellten Categarien der Bewusst- 



- 118 - 

losigkeit oder krankhaften Störung der Geistestfaätigkeit 
zu' subsutniren. 

Der Nachweis des Fieberdelirium gründet sich auf den 
einer fieberhaften Krankheit nach bekannten Regeln der> 
allgemeinen und speziellen Pathologie und die Erhebung 
der Anamnese und des Statut praesens zur Zeit der 
Krankheit. 

Für die Beurtheilung einer criminellen That sind wich- 
tig die Amnesie und der Mechanismus derselben, welcher 
ganz mit dem eines Intoxicationsdelirs übereinstimmt. 

4) Epilepsie und Hysterie. 

Im Verlaufe gewisser allgemeiner NerFcnkrankheitea 
treten häufig psychische Störungen hinzu, oder jene wan- 
deln sich in wirkliches Irresein um, wie ja überhaupt die 
Scheidung der eigentlichen Nervenkrankheiten von den* 
Geisteskrankheiten in praxi nicht immer streng durchzu- 
führen ist, und mehr nach dem Satze: „a potiori fit deno- 
minatio^^ vorgenommen wird. Von hervorragender foren- 
sischer Bedeutung unter den Neurosen sind die Epilepsie 
und Hysterie, namentlich die erstere, ja ein bedeutender 
französischer Arzt (Trousseau) behauptet sogar, dass 
fast immer wo eiu Mord ohne Motiv, eigennützigen Zweck, 
ohne Prämeditation, ohne Berücksichtigung von Zeit, Ort^ 
Mitteln begangen wurde, es sich um die That eines Epi- 
leptikers handelte. 

a) Die Epilepsie. Jedenfalls bietet die Epilepsie 
eine Menge der wichtigsten Gesichtspunkte ftlr die foren- 
sische Medicin, und es wäre nicht blos Gebot der Huma- 
nität, sondern auch der Klugheit, wenn jeder eines Ver- 
brechens beschuldigte Epileptiker auf seinen Geistes- und 
Gemüthszustand hin gerichtsärztlich untersucht würde. 

Eine allgemeine Formel für die Beurtheilung der Zu- 
rechnungsfahigkelt der Epileptischen lässt sich nicht geben, 
jeder Fall muss als ein individueller behandelt werden. 

Viele Epileptiker bleiben verschont von Complication 



- 119 - 

naVt paychiacher Störung uod darum zürecbnuögsfähigr Bei 
Andern entwickeln sich früh psychische Störungen, die 
weniger mit der Häufigkeit als der Art der Anfälle in Be- 
zieh uBg ^u stehen scheinen, ihsQfern man gefunden hat, 
d^SB vorwiegend bei Anfällen blosser Vertigo epileptica das 
psychische Leben Noth leidet 

Als Grundziige des Irrseins, das sich aus Epilepsie 
entwickelt, lassen sich Umwandlung des ganzen Wesens 
und Charakters, Abnahme der intellectuellen Leistungsfä- 
higkeit, grosser Stimmungswechsel und Gemtithsreizbar- 
keit anführen. Sie fehlen in keinem Falle von epilepti- 
schem Irresein. 

Seltenere und mehr vorübergehende Störungen der 
psychischen Funktionen s^ind tiefe Depressionszustände mit 
PräkordiÄlbängigkeit , schreckhafte Hallucinationen , hoch- 
gradige Gereiztheit, namentlich vor und nach den Anfäl- 
len. Auch die Affekte Epileptischer sind vielfach überwäl- 
tigend und ihre Alkoholexcesse nehmen leicht einen pa- 
thologischen Charakter an. 

Das dauernde epileptische Irresein verläuft als pro- 
gressiver Schwach- und Blödsinn, der wieder mehr in der 
intellectuellen oder der sittlichen Sphäre ausgesprochen 
sein kann Im letztern Falle können sich Zustände wah- 
rer Moral insänity ergeben. 

Aber auch transitorische Anfälle von acutem Irresein 
finden jsich häufig auf dem Boden der epileptischen Neu- 
rose und zwar unter dreierlei Verhältnissen: 

Sie treten entweder im Anschluss an einen convulsi- 
ven epileptischen Anfall auf, oder in der Zwischenzeit 
zweier Anfalle, oder seltner, die convulsiven Anfälle ver- 
schwinden, und an ihre Stelle treten transitorische psychi- 
sche (Epilepsia larvata, psychische Epilepsie), während der 
neuropsychische Grundcharakter der Neurose derselbe 
bleibt Man hat diese Zufälle von transitorischem Irresein 
im Verlauf der Epilepsie unter der Bezeichnung der„Ma- 
pia epileptica** zusammengefasst, dietfbrigens ein blos- 



— 120 - 

» 

ser^ Sammelname für klinisch ziemlich differirend© Kraok- 
heitsbilder akuter psychischer Störung Epileptischer i»t. 

Am meisten AehnUchkeit haben noch die unmittel- 
bar an convulsive AnfjUle sich anschliessenden mit der 
Manie: sie verlaufen als furibun de Tobsucht mit gros- 
sem Zerstörungsdrang, oder als. maniakalische* Exal- 
tation, die aber mit hochgradiger Verworrenlieit undBe- 
wusstseinsstörung einhergeht. 

Diese maniakalischen Paroxysmen dauern in der Re- 
gel nur einige Stunden bis Tage; sie enden ebenso plötz- 
lich, als sie entstanden sind, und hinterlassen ausser gros- 
ser gemüthlicher Reizbarkeit, vorübergehender psychischer 
und körperlicher Prostration, keine Spuren. Die erstere 
Varietät hat grosse Aehnlichkeit mit der Mania tranfiitoria, 
unterscheidet sich aber von ihr durch geringere Verwor- 
renheit, w^eniger vollständige Amnesie, längere Dauer des 
Anfalles, häufige Wiederkehr desselben, interparoxysmelle 
Störungen , geringeres Hervortreten von Congestionser- 
scheinungen zum Gehirn, Lösung des Anfalls nicht durch 
Schlaf, sondern durch einen Zustand grosser körperlicher 
und psychischer Prostration. 

Die interparoxysmelle mania epileptica hat 2 Va- 
rietäten. Bei der erstem (petit mal Faire t) besteht ein 
Zustand von Gereiztheit und psychischer Depression , der 
in eine ängstliche Erregung, meist mit präkordialer Ban- 
gigkeit tibergeht, als Reaktion welcher der Kränke 
planlos umherirrt, Gewaltthaten begeht und dann gar keine 
oder nur eine summarische Erinnerung für die Zeit des 
Stunden bis Tage dauernden Zustandes hat. Manche der 
als Monomanien fälschlich gedeuteten Fälle gehören hie- 
her und sind Zustände präcordialer Dysthymie auf .epilep- 
tischer Basis, mit aus jener hervorgehenden negativen Stre- 
buhgen, Entäusserungsversuchen der Angst und Beklem- 
mung. 

Die zweite Varietät fgrand mal Fair et) äussert sich 
als brüsk auftretendes furibundes Delirium, dessen einzelne 
Anfälle bis ins kleinste Detail einander gleichen und denen 



- 121 — 

der exquisit schreckhafte Inhalt der Wahnvorstellungen 
und Sinnesdelirien, die sich meist in schrecklichen Visio- 
nen, Grespensterspuk und Todesgefahr bewegen, etwas 
Spezifisches verleihen. 

Die Dauer dieses Zustandes "beträgt mehrere Tage. 
Der Kranke kommt plötzlich wie aus einem Traum zu 
sich und zeigt vollständige Amnesie, oder höchstens eine 
traumartige Erinnerung für die Zeit des Anfalls.^ 

In den seltenen Fällen von Epilepsia larvata spielt 
sich der Anfall als petit oder gränd-mal in der beschrie- 
benen Weise ab. 

Sie kann jahrelang die convulsiven Anfälle vertreten, 
so dass nur aus dem interparoxjsmellen Erankheitsbild, 
ferner aus der Gleichmässigkeit der Anfalle, der Amnesie 
für diese etc., die Diagnose des Grundzustandes gemacht" 
werden kann. 

Alle diese transitorischen Bewusstseinsstörungen der 
Epileptischen haben eine äusserst grosse forensische Be- 
deutung, denn die schwersten Gewaltthaten, namentlich 
plötzliche und rücksichtslose Angriffe . auf die Umgebung^ 
auf das eigene Leben ^ Brandstiftung etc. werden durch, 
die plötzlich ausbrechenden Wuthanfälle, die traumartigen 
Delirien der Verfolgung und Todesgefahr, die schreckhaften 
Hallucinationen und Illusionen vermittelt. Der Mechanis- 
mus der Thaten im epileptischen Delirium hat dabei ge- 
wisse übereinstimmende, aus der grossen Bewusstseins- 
störung und dem schrecklichen feindlichen Inhalt des De- 
liriums nothwendig sich ergebende Züge. ^ 

Die Handlungen in diesem Zustande sind motiv-, plan- 
und rücksichtslose, sie werden plötzlich und geräuschvoll 
in Scene gesetzt, sie erscheinen vielfach als Ausbrüche 
wilder Wuth und Vernichtung, die kein Ziel kennt. Die 
Opfer, an denen die Wuth entäussert wird, sind jeweils 
schrecklich verstümmelt mit einer weit über allen Zweck 
der Ermordung hinausgehenden Grausamkeit. 

Eine Verkennüng derartiger Zustände trotz ihrer kur- 



— 122 — 

zen Dauer erscheint, auch abgesehen von dem eigenthüm*^^^ 
liehen Mechanismus der Handlung, kaum möglich. 

Die Plötzlichkeit des Ausbruchs und Verschwindeos 
dieser transltorischen Bewusstseinsstörungen , das verwor« 
rene Durcheinander von schreckhaften Delirien und Hai- 
lucinationen , das Untergegangensein des Bewusstseins in 
einem tiefen Traumzustand, die enorme motorische Reak^- 
tion gegen den überwältigenden schreklichen Bewusstseins* 
inhalt bis zu Ausbrüchen wilder Wuth , die völlige Amne- 
sie oder höchstens traumhafte summarische Erinnerung 
für Alles in der Zeit des Anfalls Geschehene, geben die- 
sen Zuständen etwas Charakteristisches. 

Die letzten Zweifel über die Art der Störung werden 
sich durch die Anamnese beseitigen lassen , welche coa- 
vulsive, oder dem fraglichen. Anfalle ganz ähnliche psy- 
chische in der Vergangenheit ermittelt, sowie durch die 
Beachtung des intervallären Zustandes, weicher die Grund- 
zeichen einer epileptischen Psychoneurose in Form .von 
Reizbarkeit^ Geistesschwäche, periodischen Exaitations- 
und Depressioriszuständen , zeitweisen schreckhaften Hai- 
lucinationen, Oppressionsgefühleu in den Präkördien, pro- 
dromalen Auragefühlen und den Paroxysmus abschlies- 
senden Störungen constatirt. 

Die gerichtsärztliche Beurtheilung der dauernden Zu- 
stände von epileptischem Schwach- und Blödsinn, moral 
insanity, melancholischer Depression mit und ohne Hallu- 
cinationen,. der pathologischen Affekt- und Rauschzustände 
bei Epileptikern, hat ganz nach den bei den betreffenden 
Krankheitszuständen angeführten Gesichtspunkten zu ge- 
schehen, da sie sich von analogen anderweitig entstande- 
nen nur durch das ätiologisch bedeutsame Moment unter- 
scheiden. 

Bezüglich der criminellen Handlungen Epileptischer, 
die keine deutlichen Zeichen concomitirender psychischer 
Störung erkennen lassen, ist Vorsicht in der. Beurtheilung 
nöthig, denn einmal lässt sich nicht ausschliessen, dass die 
ßchwere Nervenkrankheit dennoch einen Einfluss auf die 



- 123 -- 

6<!»iiese der criminellen Handlung, namenfelich wenn sie 
im Affekt geschah , ausübte, andrerseits ist zu bedenken, 
dasB möglicherweise ein nocturner odel* abortiver,, oder 
aus sonst einem Grund unbeobachteter Anfall von Epilep* 
'sie derThat kurze Zeit vorausging oder nachfolgte, somit 
diese in einen Zeitraum fiel, wo erfahrungsgemäss der 
Kranke in einem psychischen Dämmerzustand mit grösserer 
oder geringerer Bewusstseinsstörung, Verworrenheit, pein- 
liehen Gefühlen und Hallucinationen sich ?iu befinden pflegt. 
Schon ältere Autoren haben desshalb bei Handlungen 
Epileptischer, die sich nicht gerade auf einen psychopa- 
thischeri Zustand deutlich beziehen lassen, Angesichts der 
schweren Nervenkrankheit und der Schwierigkeit der Aus- 
schliessung ihres Einflusses auf eine criminelle Handlung, 
die Lösung der Schwierigkeit in der Annahme mildernder 
Umstände erblicken zu müssen geglaubt. * 

b) Hysterie. Auch die Hysterie, jene vielgestaltige 
Nervenkrankheit, die vorzugsweise das weibliche Geschlecht 
im Alter der Portpflanzungsfähigkeit afficirt, bietet man- 
nichfache Beziehungen zur gerichtlichen Medicin, da sie 
nicht nur in der Regel mit elementaren psychischen Stö- 
rungen sich verbindet, sondern auch in Zustände transi- 
torischer oder dauernder Seelenstörung übergeht -und sich 
umwandelt. 

Die elementaren Störungen der psychischen Funktio- 
nen fehlen fast nie im Verlaufe einer hysterischen Neurose. 
Sie äussern sich theils in abnormer Gemüthsreizbarkeit, 
die als üble Laune, Reizbarkeit, äusserlich wenig oder gar 
nicht motivirte Verstimmung, in dem Herrschen von Affekten 
und leidenschaftlichen Stimmungen, Unzufriedenheit, Zank- 
sucht ihren klinischen Ausdruck findet, theils in äusserlich 
ganz unmotivirtem Stimmungswechsel, zuweilen deutlich 
ausgesprochenem Wechsel von Exaltation und Depression, 
womit krankhafte Zu - und Abneigungen gegen JPersonen 
und Objekte^ aufl*allende Sympathien und Antipathien ge- 
geben sein können. 

Auch im Gebiet des Vorstellens finden sich mannich- 



- 124 — 

fache Störungen, wesentlich charakterisirt dadurch^ dass 
die Reproductionstreue der Vorstellungen Noth leidet, der 
Vorstellungsgang vielfach ein abspringender wird, und oft 
dem gesunden Fühlen und Vorstellen ganz fremde, oft 
wunderliche und verkehrte Vorstellungen auftauchen und 
mit einer krankhaften Prävalenz sich im Bewusstsein be<- 
haupten. (Zwangsvorstellungen. ) Im Gebiet des Bt/ebens 
und Wollens finden sich, neben krankhaft einseitig festge- 
* haltenen Strebungen, eine bezeiclinende Willensschwäche 
und Energielosigkeit, die sich in Flüchtigkeit der Strabun-. 
gen, ünschlüssigkeit der Wahl, Bevorzugung von absurdea 
iingewöhnlichen Motiven, völliger Gleichgiltigkeit gegeu 
wichtige Lebensinteressen, vielfach kundgibt. 

Auffallende Steigerung zeigt oft auch der Gescklechts- 

trieb. 

« 

Mit der fortschreitenden Steigerung dieser angedeute- 
. ten Anomalien und dem Nachlass der Zugkraft sittlicher 
Motive und Correktive können jene zu criminellen Hand- 
lungen führen, deren volle Verantwortlichkeit dann frag^ 
lieh ist. So führen die krankhafte Verstimmung, der pa- 
thologische Egoismus und die grosse Reizbarkeit der 
Hysterischen leicht zu Elirenkränkungen, Verläumdungen, 
Denunziationen ; namentlich die Affekte derselben dauei*n 
länger als bei Personen von gesundem Nervensystem, 
und nähern sich oft mehr dem Bild einer Tobsucht als 
eines gewöhnlichen Affekts. 

. Die grundlose Antipathie gegen gewisse Personen 
erzeugt leidenschaftliche Stimmungen gegen diese, welche 
die Motive verbrecherischer Handlungen werden können, 
ja selbst die natürlichen Gefühle der Mutterliebe können 
sich in krankhafte Abneigung gegen die Kinder verwan- 
deln, und zu brutaler Misshandlung derselben führen. Die 
tibergrosse Einbildungskraft und mangelhafte Reproduk- 
tionstreue gibt Anlass zu falschen gerichtlichen Angaben 
und falschem Eid; der Drang sich interessant zu machen, 
die schliesslich unbeherrschte Lust Aufsehen zu erregen, 
führt zu Betrügereien, Intriguen, Simulation. 



- — 1:25 — 

"'■' Sexuelle Erregung erzeugt oft geschlechtliche Verirrun- 
gen, grandlose Beschuldigung männlicher Personen der Um- 
gebung, unzüchtige Handlungen sich gegen die Kranke er- 
laubt zu haben, Eifersucht und Argwohn gegen den Ehemann 
und damit Skandalprocesse und Ehescheidungsklagen. Aus 
Zwangsvorstellungen, perversen Gelüsten ^ die wiedör aus 
abnormeii Gemeingefühlsempfindungen entstehen können, 
ergeben sich Diebereien, Unterschlagungen etc. 

Nicht selten beschränkt sich aber die Hysterie nicht 
auf elementare psychische Störungen, sondern associirt 
sich mit geschlossenen psychopathischen Symptömencom- 
plexen, die ähnlich wie bei der Epilepsie, nach, zwischen 
und statt eonvulsiver Anfälle auftreten können, ebenfalls 
plötzlich auftreten, typisch verlaufen, und Amnesie für die 
Dauer des Anfalls hinterlassen. Die spezielle klinische 
Form dieser transitorischen Bewusstseinstörungen bei Hy- 
sterischen ist eine sehr variable. Ausser Anfällen von 
ecstatischem Delirium und Somnambulismus finden sich 
Zustände, die die grösste Aehnlichkeit mit dem grand mal 
der Epileptiker haben. 

Doch ist im Allgemeinen das Delirium ein mehr sy- 
stematisches, der Inhalt eher ein expansiver. Eine seltene 
Varietät, die ich hie und da beobachtete, waren Anfalle 
^y — 2 stündiger maniakalischer Exaltation, die regelmässig 
den hysteroepileptischen Paroxysmus einleiteten, und in 
Form lebhafter Vociferationen, Bingens, Lachens, massigen 
ßewegungsdranges erschienen, nicht selten mit Sammel-^ 
trieb und Stehlsucht^ sich verbanden, dabei keine Erinne- 
rung für die Zeit des Anfalls hinterliessen. Noch grössere 
Verwandtschaft mit dem grand mal der Epileptischen haben 
die transitorischen Delirien der Hysteroepileptischen. Die- 
selben finden sich auf der Höhe der convulsiven Paroxys- 
men oder in der Zwischenzeit zweier, selten vertreten 
sie die Stelle krampfhafter Zufälle. Spezitisch für diesel- 
ben sind die hysterischen Prodrom! , dass ferner vorzugs- 
weise Ereignisse, die den Ausbruch der Neurose vermittel- 
ten, sich als Deliriunf reproduciren, dass endlich vorwiegend 



- 126 — 

psychische Eindrücke, die mit der Ursache in näherer oder 
entfernterer Beziehung stehen ^ zuweilen einfache lebhafte 
Erinnerung an diese genügen, um den AnftiU hervorauro- 
fen. Beurtheilung und Ermittlung dieser Zqßllle ergeben 
sich aus dem- bei den analogen Epileptischer Erwähnten; 
wichtiges diagnostisches Kriterium ist die hier nie fehlende 
Amnesie. 

In manchen Fällen geht der Hysterismus in chronische 
Geistesstörung über, am häufigsten in Erotomanie und 
Dämonomanie, zuweilen auch in Zustände von der moral 
insanity nahe stehender folie raisonnante. Solche Zustände; 
da sie nicht zur Bildung von Wahnideen und falschen 
Apperceptionen führen, rein formale und affective Störun- 
gen des Seelenlebens setzen , werden gar leicht falsch 
beurtheilt, da sie social und ethisch durchaus den Eindruck 
böser, lügenhafter, schmähsüchtiger Weiber machen. Den- 
noch ist der Zustand nichts Anderes, als Krankheit. Es 
besteht hier ein durchaus krankhaftes, in den Extremen 
sich beständig bewegendes Gefühlsleben, wir vermissen 
nicht die Reizbarkeit und Leidenschaftlichkeit die dem 
Uysterismus eigen ist, die Schmähsucht; Lügenhaftigkeit 
Verstellungskunst, den krankhaften Egoismus, die Launen- 
haftigkeit, grundlosen Antipathien, Sympathien, Bizarrerien. 
Unter der Form von Laune ; Caprige zeigt sich ein deut- 
lich markirter, ganz uumotivirter beständiger Geftihlswech- 
sel; .wir finden krankhafte Affekte, krankhaft gesteigerte 
und vielfach unwiderstehliche Triebe, namentlich im Ge- 
biete des Geschlechtstriebes, die zu schamloser Prostitution, 
Onanie, zuweilen auch ganz verkehrtem Gebahren wie 
Anlegen von Männerkleidern, Neigung nackt im Zimmer 
herumzulaufen, sich mit unsaubern Dingen zu salben, äus- 
sern. Der Vorstellungsgang ist abspringend, bald abnorm 
verlangsamt, bald bis zur Gedahkenjagd beschleunigt, von 
bizarren unvermittelten Vorstellungen , die einen zwin- 
genden Einfluss auf das Handeln gewinnen können und 
in unüberlegten, bizarren Handlungen, absurden Gelüsten 
ihren Ausdruck finden, eingenomnien. Dabei erscheinen 



— 127 - 

die Neigungen, Gewohnheiten^ Steebungen in grellem Con- 
trast mit der früheren gesunden Persönlichkeit, die total 
umgewandelt^ entartet ist. 

Das ganze Wollen und Streben solcher Kranker be- 
kommt schliesslich einen triebartigen impulsiven , aller 
Reflexion und alles sittlichen Haltes haaren Charakter, ^ 
wodurch nothwendig theils einfach unmoralische^ theils 
verkehrte und verbrecherische Handlungen (Dieberei, 
Schwindelei, Vagabundiren) entstehen müssen. 

Eine gute Dosis Verstellungskunst, ein fast instinctiver 
Hang zur Simulation; erschweren zudem die Diagnose sol- 
cher Zerrbilder psychischer Existenz. 

Die Zurechnungsfahigkeit im transitorischen und chro- 
nischen Irresein der Hysterischen ist natürlich aufgehoben. 
Schwierigkeit für die rechtliche Beurtheilung bereiten nur 
die Fälle mit blossen elementaren Störungen. Blosse Ver- 
stimmungen, Launen, Gelüste hysterischer Weiber dürfen 
kein Entschuldigungsgrund für criminelle Handlungen wer- 
den, doch ist nicht zu übersehen, dass die Hysterie eine 
Neurose. des gesammten Nervensystems ist, mannichfache 
Erschwerungen der normalen Aeusserung der psychischen 
Energieen, namentlich nach der sittHohen und Willensseite 
sich finden, die Erregbarkeitsschwelle für gemüthliche 
Reize bedeutend tiefer liegt, und Affekte leichter eintreten 
und das schwache Ich überwältigen. 

In der Regel dürfte in derartigen Fällen eine vermin- 
derte rechtliche Verantwortlichkeit (mildernde Umstände?) 
anzuerkennen sein. ~ 

5) Pathologiseher Affect und Sinnesyerwirrnng. 

Die Affeete'sind Zustände die der Breite des physio- 
logischen Lebens, der Gesundheit angehören^ obwohl die 
Thatsache feststeht, dass in jedem tiefer gehenden Affect 
bedeutende psychische und somatische Störungen zQ 
Tage treten, und die Besonnenheit momentan eine' erheb- 
liche Trübung erfahren kann. Der Affect soll und kann 



■ - 128 - - 

erfahrangsgemäss unter- physiologischen Bedingungen be- 
herrscht werden und ausge^hend von dieser Erfahrung, 
das§ eine Correktur und Beherrschung der vom Affekt 
getragenen Vorstellungen und Strebungen möglich ist, 
kann die Rechtspflege die Handlungen des Affekts, deai 
gerade die häufigsten und schweren Rechtsverletzungen 
entspringen, nicht für straflos erklären ohne sich selbst 
unmöglich zu ma*chen. 

Aber der Affekt ist nun einmal eine vorübergehende 
Störung des Seelenlebens, die psychische Widerstandsfä- 
higkeit, soweit sie durch rechtliche und ethische Vorstel- 
lungen geliefert wird, liegt während ßelner Dauer eine 
Schwelle tiefer , Individualität , Umstände , Veranlassung 
des Affektes bilden eine Reihe von die subjective Schuld- 
frage wesentlich beeinflussenden, für den Ausgang wichtigen 
und bei den verschiedenen Individuen keineswegs gleich- 
werthigen Momenten. Temperament, Charakter, Erziehung, 
somit Umstände, für die der Betreffende in keiner Weise 
verantwortlich gemacht werden kann, üben so einen mäch- 
tigen Einfluss darauf, wie sich der Affekt gestaltet. Die 
Rechtspflege hat dieser Grundthatsache in der Frage der 
Zurechnungstähigkeit vollkommen Rechnung getragen, in- 
dem sie die Handlungen des Affekts viel milder beurtheilt 
als die im Zustande psychischer Ruhe und Gleichgewichts 
beschlossenen und ausgeführten^ ja selbst bei unverschul- 
detem bis zur Sinnes Verwirrung gesteigertem Affekt (Ueber- 
* schreitung der Grenzen der Vertheidigung bei Nothwehr, 
aus Bestürzung, Furcht, Schrecken) Straflosigkeit eintreten 
lässt. Affektvolle Zustände, die hier namentlich in Be- 
tracht kommen und der Milde des Gesetzes und seiner 
Vertreter empfohlen werden müssen, sind die Affekthand- 
lungen aus unglücklicher Liebe und Eifersucht, der Noth 
und Verzweiflung. Ein solcher affektvoller psychischer 
Ausnahmesustand, dem auch das humane Strafgesetz un- 
rer Zeit gerecht geworden ist, findet sich häufig bei un- 
ehelich Gebärenden wo Scham über die verlorene Ge- 
schlechtsehre, Sorge um die Zukunft, Schrecken bei den 



~ 129 — 

Zeichen herannahender Geburt, lieblose Behandlung von 
Seiten der Umgebung, Verlassensein vom Geliebten, mate- 
rielle Noth und Verzweiflung zusammenwirken, und Con- 
flikte im Bewusstsein erzeugen, die nicht Jede, am wenig- 
sten in einem Augenblick , wo das Nervensystem durch 
die Schmerzen der Geburt erschöpft und irritirt ist, nach 
der sittlichen Seite, hin lösen kann und die vielfach ihren 
tragischen Ausgang in der Tödtung des Kindes, als der 
Qnejle all des Jammers finden. 

Die Beurtheilung dieser Categorien von Fällen kommt 
meist dem Richter allein zu, da sie eine vorwiegend psy- 
chologische ist und der Arzt wird nur von Nöthen sein, 
wenn Umstände vorhanden sind, die auf besondere or- 
ganische Bedingungen, die mit dem Affekt einhergingen, 
hinweisen. 

Solcher pathologischer Zustände, in welchen der Af- 
fekt in seiner Wirkung wie seinen Phänomenen, dem tran- 
sitorischen Wahnsinn gleichkommt, gibt es aber viele. 
Hier genügt dann die einfache psychologische Beurtheilung 
des Richters nicht mehr, er bedarf der Hilfe eines ärztli- 
chen Experten, der ihn über die organischen Bedingungen 
aufklärt, welche, in Entstehung und Verlauf des Affekts 
eingreifend, ihn zu einem pathologischen machten, 

' Die organischen Bedingungen dieser pathologischen ^ 
Affektzustände sind folgende: 

1) Es gibt Menschen, bei denen von frühester Jugend 
an eine solche Gemüthsreizbarkeit und Leidenschaftlich- 
keit sich kundgibt, deren Affekte so wenig motivirt ein- 
traten, so heftig und ungewöhnlich verlaufen, dass man 
sich des Eindrucks einer organischen Begründung dieser 
Gemüthsanomalie nicht erwehren kann. Diese Ver^ 
muthung gewinnt um so mehr Raum, wenn man sieht, 
wie vergeblich Erziehung und Cultur diesen vermeintlichen 
Gharakterfehler zu tilgen bemüht sind, wie häufig gegen 
alles bessere Wollen und Wissen solcher Menschen ihr 
Ich im Affekt mit diesem durchgeht und die Forderungen 
des Sitten- und Strafgesetzes, ihre Affekte zu beherrschen 

V. Krafft-Ebing, Criminalpsychologie. Q 



- 130 - 

ihnen unerfüllbar sind. Dazu kommt der Umstand, dass 
auf der AflTekthöhe das Selbstbewüsstsein ganz verschwin- 
den, für die ganze Dauer des Afifektes getrübt sein kann, 
so dass hinterher die Erinnerung lückenhaft, fehlend oder 
nur eine summarische ist. 

Die Erfahrung lehrt nun, dass solche Individuen viel- 
fach zum Irrsein disponirt sind, in der Ascendenz oder 
sonstigen Blutsverwandtschaft geistesgestörte Verwandte 
haben, durch allerlei Charakteranomalien, Bizarrerien und 
Excentricitäten ihre psychopathiöche Abkunft verrathen, 
ja wohl vorübergehend sogar in wirkliche Seelenstörung 
verfallen* 

2), Aehnliche Zustände krankhafter Gemüthsreizbarkeit 
wie hier auf Grund erblicher psychopathischer Anlage, 
bilden sich oder gesellen sich zu den verschiedensten 
Hirnkrankheiten. So hat man sie nach Kopfverletzungen, 
nach Apoplexie und Meningitis, nach Typhus, nach Geistes- 
krankheiten entstehen sehen. Eine solche pathologische 
Gemüthsreizbkrkeit findet sich ferner bei angeborenem 
und erworbenem Schwachsinn, bei Taubstummen und Idio- 
ten, bei den affektartigen Anfangsstadien, in den Remis-- 
sionen und Intermissionen des periodischen Irreseins, im 
Verlaufe gewisser allgemeiner Neurosen, namentlich der 
Epilepsie, aber auch der Chorea, Hysterie und Hypo- 
chondrie. 

3) Aber auch verschiedene psychische und physische 
depotenzirende Einflüsse auf das Nervensystem , andau- 
ernde Affecte und Leidenschaften, Alkohol und sexuelle 
Excesse, chronische Krankheiten, die Schlaf Ernährung 
und Blutmischung tief stören, können solche die physiolo- 
gische Grenze übersteigende Affekte herbeiführen, denn 
immer ist die jeweilige Reizbarkeit nur ein Produkt aUer 
aufs Nervensystem eingewirkt habenden Reize. 

4) Vielfach wirken mehrere der angeführten Bedin- 
gungen zusammen, um den Affekt zu einem pathologi- 
schen zu machen, z. B. Affect und Epilepsie, psychopathi- 
sche Anlage und Berauschung. Ganz besonders überwäl- 



i 



— 131 — 

tigend ist die Wirkung eines Affekts bei Schwächsinnigen, 
da hier zur accessorischen Störung eine tiefe präexisisti- 
rende des psychischen SLechanismus kommt. 

Man hat in früherer Zeit geglaubt, eine eigene Form 
psychischer Krankheit (Exeandescentiav furibunda) aus 
solchen Zuständen pathologischer GemüthsreiÄbarkeit ma- 
chen zu müssen, obwohl sie nur eigenthümliche Reaktions- 
weisen abnormer psychischer Anlagen oder Zustände sind. 
Das spezielle klinische Bild, unter dem solche pathologi- 
sche Affekte sich darstellen können, ist verschieden. 

Je nach Anlass und Inhalt de$ afficirenden Vorganges 
im Bewusstsein, kann es sich als stuporartige Hemmung 
des Vorstellens, als traumartige verworrene präcipitirte 
Association der Vorstellungen bei gestörter Apperception 
und aufgehobenem Selbstbewusstsein (Sinnes Verwirrung) 
oder als wuthzornige Erregung gestalten, wobei im 
letztern Falle der Zustand der Mania transitoria sich 
nähern kann, jedoch ist im erstem Falle der Affekt 
die unmittelbare Folge der veranlassenden Ursache, 
ferner dauert der Anfall von Mania transitoria länger, 
beeinträchtigt Selbstbewusstsein und Erinnerung tiefer 
dauernder und kehrt durch einen Zustand von tiefem 
Schlafe zur Norm zurück. Psychologisch lassen sich die 
Bedingungen, welche den Affekt zu einem pathologischen 
gestalten, als solche bezeichnen, welche den Stand der 
habituellen gemüthlichen Erregbarkeit zu einer abnormeh 
Höhe steigern und als solche, welche die Widerstandsfä- 
higkeit des intellectuellen und sittlichen Ich, von dem aus 
unter physiologischen Bedingungen die Beherrschung des 
Affekts möglich wird, depotenziren. 

Bei der Beurtheilung der zahlreichen , aus solchen 
pathologischen Affekten erfolgenden Rechtsverletzungen 
(Tödtung, Körperverletzung etc. J ist eine eingehende Wür- 
digung der angegebenen anthropologischen und klinischen 
Momente dringend nothwendig. Sie wird den psychischen 
Stammbaum, die somatische und psychische Constitution,, 
den habituellen psychischen Tonus (Temperament), etwaige 

9 * 



— 132 — 

Aenderungen der gemüthlichen Erregbarkeit durch Hirn- 
krankheiten und Nervenafifektionen, namentiich etwa latente 
oder fr^üher bestandene Psychosen, vorzugsweise zu be- 
rücksichtigen haben. Indicien für das Gegebensein einer 
pathologischen Affektstufe müssen dem Untersuchungsrich- 
ter vor Allem die Angabe des Inkulpateo sein , dass er 
sich der Handlung nicht oder nur lückenhaft erinnern 
könne ; auch die Planlosigkeit, über alles vernünftige Mass 
hinausgehende Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit des 
Thäters lassen nach Umständen auf eine vorhanden ge- 
wesene Störung seines Bewusstseins schliessen. Zu war- 
nen ist endlich davor, dass aus einer gewissen Dauer des 
Affekts bis es zur That kam, nicht vorweg gefolgert 
wird; dass dieser hätte widerstanden werden können, denn 
bei leidenschaftlichen Menschen kann der Affekt lange 
währen, sich in sich selbst steigern oder durch ein occa- 
sionelles Moment plötzlich neu angefacht werden. Ferner 
spricht ein guter Leumund und besonnener Charakter zwar 
zu Gunsten des Angeklagten, nicht aber ist der umgekehrte 
Schluss für einjön leidenschaftlichen rohen jähzornigen 
Charakter gestattet, denn ein solcher kann ebenso gut 
Erziehungsfehler und selbstverschuldete Rohheit, als Fehler 
der Naturanlage durch ungünstige organische Bedingun- 
gen sein. 

Die criminellen Handlungen im physiologischen Affekt 
unterstehen der Domaine des Richters und fallen unter 
die Milderungsgründe des Gesetzbuchs; für die im patho- 
logischen Affekt verübten wird die Zurechnungsfähigkeit 
fraglich, selbst aufgehoben erkannt werden müssen^ wo die 
Besinnung temporär geschwunden war und die Erinnerung 
lückenhaft oder mangelhaft sich zeigte. Solche Zustände 
fallen damit nothwendig unter den gesetzlichen Begriff der 
Bewusstlosigkeit. — 



4 -~ 



— 133 



B. Formellei? Theil. 

Wir haben die maonichfachen psychopathischen Zu- 
stände besprochen, welche unter §. 51 des Gesetzbuchs - 
fallen und Gegenstand einer gerichtsärztlichen Untersuch- 
ung werden können. 

Es bleibt uns übrig, gewisse formelle technische Fra- 
gen l)ehufs der Erkennung und Ermittlung des subjectiven 
Thatbestandes, der Art der Stellung des sachverständigen 
Technikers zum Richter, der Abfassung des sachverstän- 
digen Gutachtens und seiner bindenden Kraft für die Ge- 
richtspersonen zu erledigen und endlich der Fälle zu ge- 
denken, wo psychische Störungen fälschlich vorgemacht 
resp. simulirt werden. 

Die richtige Lösung der angedeuteten formellen Fra- 
gen für die Feststellung des subjectiven Thatbestandes ist 
nicht minder wichtig als die Erkenntniss der Gesetze und 
Formen , unter welchen Störungen der geistigen Prozesse 
in die Erscheinung treten können und vielfach wird der 
Zweck der Rechtspflege blos dadurch vereitelt, dass die 
technische Erledigung der Aufgabe von Seiten des Richters 
oder Experten eine mangelhafte war. 

Der Angeschuldigte vor dem üntersuchungs- 

Richter. 

Das Strafrecht geht im Allgemeinen von der Präsum* 
tion aus, dass vom zurückgelegten 18. Lebensjahr an das- 
jenige Mass sittlicher und intellectueller Reife, das zur 
Annahme der Zurechnungsfähigkeit erforderlich ist, erreicht 
sei. Angesichts der zahlreichen Ausnahmen von der da- 
mit atatuirten Regel, weist aber die Criminalordnung den 
üntersuchungsrichtiBr an, ein sorgfältiges Augenmerk auf 
den Gemüths- und Geisteszustand des Angeschuldigten zu 
haben und, falls sich in dieser Richtung irgendwie Zweifel 



— 134 - 

ergeben, zar Ermittlang des sabjectiven Thatbestands das 
Geeignete zu verfilgen. 

Die Initiative zn einer derartigen genchtsärztlichen 
Expertise ist damit ganz in die Bände des Richters gege- 
ben, und von seiner Erfahrung und Gewissenhaftigkeit 
hängt es in der Regel ab, ob rechtzeitig eine vorhandene 
Geistesstörung erkannt wird. 

Der einfache gesunde Menschenverstand reicht dazo, 
wie dies die Erfahrung lehrt, in def Regel nicht aus. 

Der Untersuchungsrichter bedarf zur Erfüllung dieser 
wichtigen und schwierigen Aufgabe nothwendig einer we- 
nigstens übersichtlichen Kenntniss der hauptsächlichsten 
Grundsätze und Erfahrungen der Criminalpsychologie. 

Wesentlich in der mangelnden oder ungenügenden 
Kenntniss derselben von Seiten mancher Juristen und 
Äerzte liegt die traurige Thatsache begründet, dass heut- 
zutage noch zahlreiche Geisteskranke bis Verbrecher ver- 
kannt und verurtheilt werden; zum Theil aber ist es die 
Schuld gewisser aus laienhafter Psychologie des Alltags- 
lebens geschöpfter falscher Voraussetzungen, die man irri- 
gerweise zur Beurtheilung zweifelhafter psychischer Zu- 
stände kritiklos verwerthet. 

Einer der folgenschwersten hieher zu rechnenden Irr- 
thümer besteht darin, dass man meinte, das sicherste Kri- 
terium der Z. sei: 

1) das Motiv der strafbaren Handlung und die Er- 
mittlung, ob ein solches vorhanden sei oder fehle. 

Man ging dabei von der Annahme aus^ bei Geistes- 
kranken seien die Handlungen motivlos oder von wider- 
sinnigen Motiven aus bedingt, bei Verbrechern immer 
motivirt und von egoistischen unsittlichen Motiven hervor- 
gerufen. Diese Behauptung ist nur in gewissen Grenzen 
anzuerkennen. 

Es ist nicht zu läugnen^ dass bei Geisteskranken mo- 
tivlose Handlungen^ die man dann als automatische trieb- 
artige bezeichnet, weil sie nicht von bewussten Vorstel- 
lungen angeregt werden, vorkommen. In der Regel ist 



TT 



— 135 - 

aber das motivlose Handeln der Geisteskranken nur ein 
scheinbares und daher rührend, dass der Kranke seiner 
Motive nicht klar bewusst war (Gewaltthaten aus schmerz- 
licher Verstimmung) od6r sie vergessen hat (flüchtige 
Sinneatäuschungen, desultorische Wahnvorstellungen) oder 
in einem Traumzustand handelte, der keine Erinnerung 
hinterlässt (transitorisches Irresein) oder zur Besinnung 
zurückgekehrt, sich seiner Handlung schämt und ihre Mo- 
tive verschweigt. 

Auch der Inhalt der Motive muss vorsichtig beurtheilt 
werden. 

Es gibt z. B. Melancholische, die nur um recht em- 
pfindlich bestraft zu werden, sich recht schlechter Motive 
bezüchtigen, wie sie ja in ihrem schmerzlichen Drange 
sich wohl auch verbrecherischer Handlungen anklagen, 
die jsie gar nicht begangen haben. Andrerseits gibt es 
eine grosse Categorie von Geisteskranken (sog. raisonni- 
rende) die, ähnlich dem Verbrecher, ihre Handlungen durch 
ganz andre Motive zu beschönigen suchen, als ihnen zur 
Begehung ihrer That massgebend waren. Endlich gibt 
es Schwachsinnige und jugendliche Personen, in welche 
Motive durch die richterlichen Inquisitionen hineinexaminirt 
wurden, die gar nicht die Triebfedern ihrer Handlungen 
waren. 

Auch die absolute Widersinnigkeit eines Motivs kann 
nur Bedeutung gewinnen, ,wenn die etwa ihr zu Grunde 
liegende Wahnvorstellung vom Irrthum, der excentrischen 
Auffassung, dem Aberglauben eines Geistesgesunden unter- 
schieden und Simulation ausgeschlossen ist. 

Ebenso wenig Werth hat das Missverhältniss zwischen. 
Grösse des Motivs und der aus ihm resultirenden That, 
da ebensogut ein depravirter Verbrecher um einiger Gro- 
schen willen einen Mord begehen als ein braver Bürger 
in der Hitze des Affekts, im Drange der Leidenschaft um 
einer geringfügigen Ursache willen zum Todtschläger wer- 
den kann. 
' Der gleiche Vorwurf betrifft den moralischen Inhalt 



- 136 — 

des Mofivs. Wenn auch beim Verbrecher in der Regel 
egoistische Motive zur That sich vorfinden, so gibt es 
andrerseits Geistesstörungen, die so sehr unter dem Ge- 
wand der Leidens<*.hafk und Immoralität einhergehen, bei 
denen so durchaus leidenschaftliche verbrecherische Motive 
das Handeln zu bestimmen scheinen, (Querulanten- Ver- 
folgungswahn, Wahn ehelicher Untreue) und die Wahn- 
vorstellung objectiv möglich oder wahrscheinlich ist, dass 
ihre isolirte Betrachtung nach dem moralischen Inhalt, den 
Experten nothwendig zu einer unrichtigen Beurtheilung 
führen muss. 

Zwar sagt Gas per ganz richtig, man müsse sich auf 
den Standpunkt des Thäters stellen, allein ein schlecht be- 
leumundeter verbrecherischer Mensch kann ebensogut an 
moral insanity erkranken, als ein sittlich bisher rein da- 
stehender und nicht selten ist das verbrecherische Vorleben 
nur ein freilich schwer abgrenzbares Prodromalstadium 
des folgenden deklarirten Wahnsinne, so dass also nicht 
einmal das Uebereinstimmen einer ächten causa facinoris 
einen sichern Anhaltspunkt für die Z. eines Menschen ge- 
ben kann. 

Immerhin ist das Motiv nicht zu unterschätzen, da es 
Präsumtionen für das Bestehen einer Geistesstörung er- 
wecken kann, und, falls Motiv und That nicht einander 
entsprechen, die Annahme, dass das Motiv ein falsches 
oder die Seelenstörung simulirt sei, Raum gewinnen 
kann. 

2) Ein zweites angebliches Kriterium ist das, ob die 
That isolirt im Leben des Thäters dasteht oder 
nicht vielmehr das letzte Glied einer langen Kette von 
sündhaften Wünschen Hoffnuqgen und Bestrebungen bildet. 

Das angezogene Kriterium berührt zunächst die .Leu- 
mundsfrage und ihre Bedeutung. Wer eigene Erfahrung 
hat, wie oft dem Kundigen ganz evidente Symptome von 
Geistesstörung von gebildeten und ungebildeten Laien, von 
Zeugen und Behörden als Charakterfehler, böse Gesinnung, 
verbrecherische Absicht erklärt werden, für die der Kranke 



- 137 ~ 

dann Toa profanen und autorisirten Händen gemasaregelt 
wird, für Den dürfte die Leumundsfrage viel von ihrem 
Werthe verlieren. 

Wie' es Heuchler gibt, die lange die Welt über die 
Schlechtigkeit ihrer Gesinnungen und Handlungen zu täu- 
schen wissen, so gibt es andrerseits Menschen, deren sünd- 
haftes verbrecherisches Vorleben nur der Ausdruck psy- 
chopathischer vielfach erblicher Einflüsse, die Folge früher 
überstandener Hirnkrankheiten ist und die solange als 
abgefeimte Gauner und Bösewichter galten, bis sie in die 
Hände eines Sachverständigen kommen, der nachweist, 
dass sie an moral insanify, Schwachsinn mit perversen 
Trieben, folie raisonnante leiden. 

Endlich gibt es eine Reihe von transitorischen Stö- 
rungen des Seelenlebens, die ebensogut einen lasterhaften 
als einen tugendhaften Menschen befallen und Anlass zu 
Gewaltthaten werden können. Die Leumundsfrage ist 
daher von zweifelh_aftem Werthe in iforo, viel richtiger 
wäre die unbefangene von aller Präsumtion freie, sorg- 
föltige Ermittlung des gesammten psychischen Vorlebens, 
wie sie nie in einem Falle zweifelhafter Seelenstörung 
unterlassen werden sollte. 

3) Ein weiterer Irrthum besteht darin, dass man meint, 
Prämeditation, List, kluge Berechnung der Umstände 
. sei mit der Annahme von Geistesstörung unverträglich. 

Es kommt allerdings bei Geisteskranken häufig vor, 
dass sie plan- und sinnlos handeln^ aber einen entgegen- 
gesetzten Schluss zu ziehen, ist in keiner Weise gestattet. 

So wenig als, nach den Anschauungen der Laien, der 
Irre lauter Nonsens produzirt, im Gegentheil vielfach ganz 
verständig spricht und das Delirium seiner Handlungen 
mit schlauem Raisonnement zu bemänteln weiss, so wenig 
delirirt er immer in seinen Handlungen. 

Man darf nicht ausser Acht lassen, dass bei vielen 
Irren ^ nur die Prämissen ihres Denkens gefälscht sind, 
der logische Mechanismus desselben dagegen ganz unver- 
sehrt sein kann^ um zu begreifen, dass, trotz falscher Prei* 



— 138 - 

missen, die logischen Consec[uenzen ganz richtig gezogen 
sein, und ebenso die Handlungen, falls die Wahnvorstell- 
ung, welche sie auslöst, nicht an und für sich eine ganz 
absurde ist, ganz logisch geordnet, zweckmässig erfolgen 
können. 

Beispiele von excessiv schlau combinirtem Handeln 
finden sich in jeder Irrenanstalt zur Genüge, und als Re- 
gel lässt sich annehmen, dass überall wo ein beruhigtes 
falsches Vorstellen, ein fixer Wahn zu Grunde liegt, kein 
heftiger intercurrirender Affekt eintritt das Handeln selbst 
evident Geisteskranker den Charakter einer rachsüchtigen 
schlau combinirten und meditirten That in sich tragen 
kann, der sie an und für sich von dem voUbewussten 
Verbrechen des Gesunden nicht unterscheiden lässt. Aber 
ein absolut sinnloses Handeln kann auch bei Gesunden in 
Zuständen des Affekts, beim Verbrecher im Zustand der 
Ueberraschung und Bestürzung vorkommen, und gar häu- 
fig schon sind raffinirte Verbrecher durch auffallende 
Planlosigkeit und Versehen bei Ausführung ihrer Schand- 
that entdeckt werden. 

4) D-as Verhalten während und nach der That 
deutet auf Bewusstsein der Strafbarkeit des 
Handelnden — ergo Zurechnungsfähigkeit. 

Dieses Argument geht aus der irrthümlichen Anschau- 
ung hervor, dass zur Annahme der Z. das nachgewiesene 
Unterscheidungsvermögen genüge, während doch zu ihrer 
Statuirung nothwendig die Freiheit des Entschlusses ge- 
hört. Es gibt eine Reihe von Geistesgestörten , nament- 
lich Melancholische, bei denen das Strafbarkeitsbewusstsein 
erhalten, die Willensfreiheit jedoch vollständig aufgehoben 
ist. Ja es gibt sogar, wie wir gesehen. Kranke, bei denen 
die That, bei fehlender Freiheit des Entschlusses, nur aus 
dem Motiv hervorgeht, für sie Strafe zu erleiden, nach der 
sie sich in ihrer schmerzlichen Verstimmung und wahnbaften 
Versündigung sehnen. Es gibt zahlreiche Fälle von Melan- 
cholie mit Selbstmordneigung, wo die Kranken, zum Selbst- 
mord zu feig, oder ihn aus religiösen Gründen perhorres- 



— 139 — 

cirend, einen Mord blas deshalb begehen, um dafür hinge- 
ricbtet zu werden und so indirekt ihr Ziel zu erreichen. 
5) Auch die Reue nach der That hat man zur tJn- 
tersjcheidung von Verbrechen und Wahnsinn verwerthen 
zu können geglaubt, allein der Geisteskranke, der aus 
Affekt, Sinnestäuschung, einer desultorischen Wahnvor- 
stellung etc. etc. eine strafbare Handlung beging, wird 
mit der Wiederkehr seiner Ruhe und Besonnenheit gerade 
so bereuen, wie der sittliche geistesgesunde Mensch, der 
im Affekt zum Verbrecher wurde, während beim mora- 
lisch depravirten Gewohnheitsverbrecher die Reue ebenso 
fehlen wird, wie beim Geisteskranken, dessen Bewusstsein 
dauernd gestört, dessen Wahn incorrigibel , dessen sitt- 
liche Gefühle dauernd erloschen sind. 

Aber die Reue nach der That beweisst g-uch deswegen 
nicht ein Strafbarkeitsbewusstsein während derselbe^, da 
z. B. bei Schwachsinnigen die Reue nicht von dem wieder- 
erwachten sittlichen Bewusstsein ausgeht, sondern eine 
durch äussere Einflüsse, geistlichen Zuspruch, unbehagliche 
Lage der Gefängnisshaft geweckte ist; bei solchen wird 
dann die That nicht um ihrer selbst und ihrer sittlichen Be- 
deutung willen, sondern nur wegen ihrer äussern unan- 
genehmen Folgen bereut. 

Wenn auch diese Kriterien für den Untersuchungs- 
richter nicht werthlos sind, insofern als unsinnige Motive 
und Ausführung der That, unzweckmässige Mittel, Han- 
deln zum eignen Schaden, Nichtbenutzung der Vortheile, 
die aus einer verbrecherischen That sich ziehen Hessen, 
Verdacht auf das Bestehen einer Geistesstörung erwecken 
können, so hat der Richter doch viel wichtigere Verhält- 
nisse zu beachten. 

Dahin gehört zunächst der Umstand, dass vielleicht 
Geistesstörung, Selbstmord in der Familie des Thäters 
schon vorgekommen sind, dass er etwa früher schon ein- 
mal geistesgestört war, dass der That auffallende Um- 
wandlung des Charakters und Wesens vorausging, dass 
er selbst die Befürchtung, irre zu werden, aussprach, über 



- 140 - 

Störungen in seinem Denken klagte, Selbstmordrersucbe 
machte, selbst sein Opfer warnte^ Andeutungen yon dem 
bevorstehenden Verbrechen machte, eich der Mittel zur 
Ausführung zu berauben suchte. 

Die That selbst gibt Fingerzeige, insofern sie dem 
ganzen bisherigen Benehmen widerspricht, mit ungewöhn- 
licber Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit vollzogen 
wurde. 

Das. Verhalten nach der That, insofern der Thäter 
sich freiwillig den Gerichten überliefert, sich eines That- 
bestandes anklagt, der an und für sich schon unwahr- 
scheinlich ist (Melancholische, die sich imaginärer Ver- 
brechen anklagen) und sich alle Mühe gibt, seine That 
in einem möglichst schlechten Lichte darzustellen, oder 
sich etwa derselben rühmt. (Verfolgungswahn). 

Ferner, wenn er in den Verhören apathisch, indiffe- 
rent ist, seinen Vortheil bei seinen Aussagen nicht wahr- 
nimmt, oder wenn sich ungewöhnliche leidenschaftliche 
Aufwallungen, unmotivirte Affekte zeigen, oder Zerstreut- 
heit, abspringender Ideengang. 

Wichtig ist ferner, wenn der 'Angeschuldigte von 
Allem, was seine That betrifft, nichts zu wissen behauptet, 
obwohl sie vor Zeugen stattfand, und ein solches Abläug- 
nen ganz sinnlos wäre, (transitorische Seelenstörungen). 
Eine wirkliche totale Aufhebung der Erinnerung für die 
Dauer des Erankheitsanfalls findet sich nach akuter Auf- 
hebung der psychischen Funktionen durch Kopfverletz- 
ungen, Strangulation, Vergiftung mit gewissen schädlichen 
Gasen, Narkoticis, heftigen Eopfcongestionen mit sympto- 
matischem Delirium, Mania transitoria, pathologischem Af- 
fekt und Rauschzuständen, in zahlreichen Fällen von 
Fieberdelirium, Delirium acutum, höhern Graden des Rap- 
tus melancholicus. 

Eine summarische oder höchstens den Inhalt des 
Traumbewusstseins umfassende Erinnerung findet sich bei 
Schlaftrunkenheit, Nachtwandeln, transitorisch maniäkali- 
ßchen Zufällen Epileptischer und Hysteroepileptischjer, in 



— 141 — 

der Eu&tase und Catalepsie. Die zeitliche Feststellung der 
aufgehobenen Erinnerung, was leicht durch ein Kreuzverhör 
zu ermitteln ist, ergibt hier wichtige. Indicien, und trägt 
zur Entlarvung von Simulanten bei, die zuweilen den ge- 
fährlichen Versuch machen, zu behaupten, sie wüssten 
Nichts von allem Geschehenen. 

Hat der Untersuchungsrichter die Vermuthung ge- 
wonnen, dass die geistigen Processe beim Angeschuldigten 
gestört sind, so hat er un verweilt einen ärztlichen Tech- 
niker zur Feststellung des Oemüths - und Greistes^ustan- 
des zu berufen. 

Die Stellung des ärztlichen Technikers. 

Dieselbe ist einfach die eines Sachverständigen, und 
weder die eines Zeugen noch die eines Gehilfen des Rich- 
ters. Das Gutachten ist ein Theil des Beweises, eine be- 
sondere Art desselben. — 

Es ist selbstverständlich, dass dem Experten alles 
Material zur Verfügung gestellt werde, das ihm zur Er- 
füllung seiner schwierigen Aufgabe dienlich sein kann, 
dass ihm der Richter Zweck und Anlass der Untersuch- 
ung vollständig mittheile. 

Grossen Werth haben hiebei, wie Schlager hervor- 
hob, die Anzeigedokumente, indem sie vorzüglich über 
das unmittelbare Verhalten nach der That und die nähern 
Umstände dieser Aufschluss geben. Etwaige nöthige Ver- 
vollständigungen derselben hat der Arzt sofort zu bean- 
tragen, ebenso können ihm etwaige Schriftstücke, Tage- 
bücher, Briefe aus der Zeit der That, die Besichtigung 
etwa benutzter Werkzeuge wichtige Anhaltspunkte geben» 

Von Werth ist ferner das Thatbestandsprotokoll und 
die erste polizeiliche. Vernehmung des Angeschuldigten, 
sowie der die Umstände seiner Ergreifung enthaltende 
Einlieferungsrapport, der Bericht . des Gefangen Wärters, 
das Verhörsprotokoll mit seinen Angaben über Vorleben 
und etwaigQ Vorbestrafungen des Inkulpaten, sein Beneh- 



— 142 — 

men bei den Verhören und Confrontationen, welches das 
GebehrdenprotokoU zu verzeichnen hat, endlich die Zeugen- 
aussagen. 

In dem Vorleben sind besonders Erziehung, frühere 
Gesundheits- und Lebensverhältnisse, Charakter^ Leumund, 
etwa früher gehabte Anfälle von Geistesstörung, etwÄ 
verhängte Curatel zu beachten. 

Weiter ist der Zeitpunkt der verübten That möglichst 
genau zu ermitteln, damit angeblich vor oder nach der- 
selben beobachtete Erscheinungen zeitlich festgestellt wer- 
den können. Im Besitz aller dieser Thatsachen hat der 
Sachverständige nun zur direkten Untersuchung des An- 
geschuldigten überzugehen. 

Dazu sind Zeit und genügende Mittel der Beobach. 
tung nöthig. Wo diese in der Untersuchungshaft nicht 
beschafft werden können, namentlich wo der Gefangenwär- 
ter kein Beobachtungstalent besitzt, wo die lokalen Ver- 
hältnisse die durchaus nöthige unablässige Beobachtung 
und Ueberwachung nicht gestatten, hat der Arzt auf die 
UeberführuDg des Gefangenen in ein Spital,. am besten in 
eine Irrenanstalt zu dringen. 

Diß Punkte, welche vom Arzte bei der Untersuchung 
zu beachten sind, wurden schon oben besprochen. 

Es genügt hier daran zu erinnern , dass das ganze 
Vorleben, die Abstammung, die etwa vorgekommenen 
körperlichen und geistigen Störungen, die Ermittlung, 
wie die ganze geistige und körperliche Entwicklung von 
Kindheit , auf sich verhielt, die habituellen Neigungen, 
herrschenden Vorstellungen und Strebungen, die Art der 
Affekte und Leidenschaften, kurz die ganze Persönlichkeit, 
der ganze Charakter zunächst festgestellt werden müs- 
sen, wobei wir uns von aller Präokkupation durch einsei- 
tig ethische, vielfach laienhafte Urtheile über das Vor- 
leben, zu hüten haben. 

Auch die direkte Untersuchung muss den Menschen 
in tote nach allen seinen leiblichen und geistigen Bezieh- 
ungen berücksichtigen, darf sich nicht auf die Gonstatirung 



— 143 - 

von Vorhandensein oder Fehlen von Wahnvorstellungen 
und Sinnestäuschungen beschränken, sondern muss auch 
den Intelligenzzustand in toto; den Stand des Gemüths- 
lebens, die Art der gemüthlichen Erregbarkeit sorgfältig 
berücksichtigen. ' 

Es ist selbstverständlich, dass nur Der, welcher wirk- 
lich umfassende praktische Kenntnisse über Geisteskranke 
besitzt, als Sachverständiger berufen werden sollte, Kennt- 
nisse, die Dank der auffallenden Vernachlässigung dieses 
Studiums auf Universitäten, nicht jeder Arzt zur Zeit noch 
besitzt Immer sind wir in Deutschland besser daran als 
in Frankreich, wo die Zuziehung eines Arztes nur eine 
fakultative und vom guten Willen des Richters abhängig 
ist, und als in England, wo nicht blos Aerzte, sondern 
auch Wundärzte und Apotheker als Sachverständige vor 
Gericht gelten und einfach gefragt werden, ob der Ange- 
klagte Recht von Unrecht unterscheiden konnte. 

Nie darf aus der That altein und ihren Umständen 
vom Experten die Entscheidung gefällt werden. 

Die That und ihre Umstände können ihm nur Präsum- 
tionen und Indicien liefern, an und für sich ist jene nur 
ein einzelner Akt, eine einzige psychische Entäusserung 
eines fraglichen krankhaften Zustandes. Sie hat nur die 
Bedeutung einer solchen und erst wenn der gesammte 
\ibrige Inhalt des Bewusstseins festgestellt ist, kann die 
That zur Diagnose des Gesammtzustands herangezogen 
werden. 

Das Resultat seiner Beobachtungen und das Urtheil 
über den psychischen Zustand legt der Sachverständige 
im Gutachten nieder, das je nach Umständen mündUch 
oder schriftlich abgegeben wird. 

Die Bestandtheile des Gutachtens müssen bilden: 

1) Die sorgfältige Anamnese des gesammten körper- 
lichen und geistigen Vorlebens. 

2) Die Darlegung des geistigen und körperlichen Zu- 
stands zur Zeit der That und nach derselben. 

3) Die Begründung des etwa vorgefundenen anoma- 



— 144 — 

len Zustandes als eines krankhaften. Dank der Verbes- 
serung des Gesetzbuchs ist die richterhche Fragestellung 
jetzt eine sehr vereinfachte und wird, entsprechend dem 
§.01 des Strgsb., in der Regel, dahin zu lauten haben, ob 
Inkulpat zur Zeit der That an Bewusstlosigkeit oder einer- 
krankhaften Störung der Gieistesthätigkeit litt. 

Eine solche Fragestellung vermeidet die Nennung von 
speziellen Formen geistig abnormer Zustände^ die immer 
misslich ist, da die Formenlehre schwankend und eine 
andere Form da sein kann, als sie der Richter im Auge 
hat, andrerseits die vom Ärzte nun und nimmer zu beant- 
wortende Frage der Zurechnungsfahigkeit. 

Bezüglich der Frage, ob der Richter an das Gutach- 
achten gebunden sei, lässt sich bestimmt sagen , dass ihm 
ein Prüfungsrecht des Gutachtens zustehen muss und er 
dasselbe verwerfen kann. Es wäre Angesichts so mancher 
schlechter Gutachten, die heutzutage noch einlaufen, 
schlimm, wenn dem nicht so wäre. 

Das Prüfungsrecht des Gutachtens kann sich aber nur 
auf dessen formelle Richtigkeit, die Genauigkeit und Sorg- 
falt desselben erstrecken, die innere wissenschaftliche Be- 
rechtigung der gezogenen Schlüsse kann seinem Forum 
nicht unterstehen. • 

Der Werth des Gutachtens wird erschüttert durch 
Umstände, welche Zweifel in die Glaubwürdigkeit des 
Sachverständigen bedingen, durch die Nichtbeachtung wich- 
tiger Thatsachen, durch innere logische Widersprüche, durch 
irrige Voraussetzungen des Thatbestands. 

Immer aber wird der Richter gebunden sein, falls er 
das Gutachten verwirft, ein anderes von einem zweiten 
Sachverständigen einzufordern und nicht nach eigner An- 
schauung den Gemüthszustand zu entscheiden. Die wich- 
tigsten Forderungen an ein richtiges Gutachten sind, dass 
es umfassend sei, sich von metaphysischen Spekulationen 
und einseitig psychologischen Deduktionen fernhalte, alle 
körperlichen und geistigen Einflüsse berücksichtige, dass 
es klar und verständlich in populärer Sprache abgefasst sei. 



- 145 — 

Hat der ßichter auf Gruod eines solchen Gutachtens 
die Ueberzeugung gewonnen, dass der Angeschuldigte 
zur Zeit seiner That in einem Zustand krankhafter Stö- 
rung der Geistesthätigkeit sich befand, so ist er befugt, 
die Untersuchung wegen mangelnder Zurechnungsfahigkeit 
auf Grund des §. 51. einzustellen. 

Sehr häufig geschieht es aber, dass erst dann, wenn 
die Voruntersuchung geschlossen und der Verweisungsbe- 
schluss erfolgt ist, Zweifel über die Z. des nunmehr An 
geklagten sich erheben. Da die Anklage einmal erhoben, 
so muss der Rechtsfall zum Austrag kommen. Neben der 
Aufgabe des Gerichtsarztes, den Geisteszustand des Ange- 
klagten in Bezug auf §. 5i. zu ermitteln, kann hier die 
Frage an ihn gestellt werden, ob der Geisteszustand des 
Angeklagten derart sei, dass mit ihm verhandelt werden 
könne , kurz die Verhandlungsfähigkeit kann in Frage 
kommen. 

„Verhandlungsfähig in psychischer Beziehungist Jemand, 
der im Stande ist, die Bedeutung einer gerichtlichen Verhand- 
lung für ihn und seine Zukunft zu begreifen, den Sinn 
und die Tragweite der an ihn gerichteten Fragen zu ver- 
stehen und sich vor dem Richter zu verantworten." (Liman). 

Erkennt der Gerichtsarzt dem für geisteskrank befun- 
denen Angeklagten diese Fähigkeit zu, so wird die Ver- 
handlung fortgesetzt, was aber nur in den seltensten Fäl- 
len statthaft sein dürfte, im andern Falle, oder wenn der 
Angeklagte erst während der Verhandlung in Geistesstör- 
ung verfällt, wird diese vertagt und er in einer Irrenan- 
stalt bis zu seiner Herstellung internirt. 

Ist er geheilt und sein Verbrechen noch nicht ver- 
jährt, so muss sein Prozess wieder aufgenommen werden. 
Es sollte hier grosse Milde walten, da Geisteskrankheiten 
sehr zu Recidiven disponiren, und eine Wiederaufnahme 
der Strafverhandlung nur zu leicht ein solches hervor, 
bringt. 

Es ist dies einer jener Fälle, wo zuweilen eine Nie- 
derschlagung des Processes (Gnadenwegs) am Platze wäre. 

V. Kr äfft- Elfin g, Criminalpsychologie. j^Q 



} 



— 146 — 

Ueber die Behandlung eines erst in der SIrafhaft, 
also nach erfolgter Verurtheilung geisteskrank geworde- 
nen Gefangenen sind die Ansichten getheilt. 

Die Einen behaupten, dass ein geisteskrank geworde- 
ner Gefangener das Bewusstsein der Strafbarkeit und ein- 
wirkenden Strafe nicht verloren habe, und sprechen sich 
demgemäss für eine Fortdauer des Strafvollzugs aus. Die 
andere und jedenfalls richtige Ansicht geht dahin, das8 
Gesetz und Strafe nur an geistesgesunden, freien Men- 
schen gehandhabt werden können und der Staat nicht das 
Recht habe, an einem geisteskrank gewordenen Sträfling 
die Strafe ferner vollstrecken zu lassen, zumal da dieser 
damit Gefahr läuft, unheilbar und ein psychischer Krüppel 
zu werden. Der einzig humane Grundsatz ist der^ einen 
erkrankten Sträfling in eine Irrenanstalt zu versetzen. In 
einzelnen Staaten wird ihm mit anerkennenswerther Hu- 
manität die Zeit, welche er in dieser zubringt, als Haftzeit 
angerechnet. 

„Puriosus satis ipso furore punitur.'' 

Die Simulation der Seelenstörungen und ihre 

Ermittlung. 

Ein Moment, das der Experte immer im Auge haben 
muss, durch das er sich aber nicht die Unbefangenheit 
seiner Beobachtung rauben lassen darf, ist die Thatsache, 
dass das Irresein zuweilen willkürlich vorgetäuscht wird. 
Das Gespenst der Simulation wird in foro häufig gesehen, 
im Allgemeinen ist sie aber eine seltne Erscheinung. 

Vingtrinier hat nachgewiesen, das» unter 43,000 
Verbrechern, die in 54 Jahren in Ronen in die Gefängnisse 
kamen, 265 Geisteskranke sich befanden, von denen nur 
einer als Fall von Simulation erklärt wurde. 

Zudem sind die Chancen für den Simulanten schlecht, 
da wo Sachkenntniss und Ausdauer der Beobachtung, bei 
genügender Zeit und Lokalität für diese, ihm gegenüber- 
stehen und Fälle, wo dauernd Zweifel bestehen, verschwin- 



— 147 - 

dend selten gegenüber denen, wo die Entlarvung des Be- 
trügers gelingt. Es ist dies auch ganz natürlich, wenn 
wir den gesetzmässigen Verlauf und den Zusammenhang 
der*Sjmptome, wie sie eine wirkliche Geistesstörung dar- 
bieten muss, bedenken. * 

Der Simulant kann blos. einzelne Symptome kopiren. 
Zudem kennt er die Originale nicht oder nur unvollkom- 
men und es geht ihm dabei wie den meisten Bühnen- 
dichtern und Romanschriftstellern, die nur die am meisten 
drastischen Züge des Irreseins einseitig herausgreifen und 
damit nur Carrikaturen des wirklichen Wahnsinns schaf- 
fen. Indem nun der Betrüger nach laienhafter Anschau- 
ungsweise meint, im Unsinnreden ümhertoben oder stumpf- 
sinnigen Gebahren liege das Wesen des Wahnsinns, be- 
wegt sich sein angebliches Irresein fast ausschliesslich in 
Delirium und blödsinnigem Verhalten, die doch höchst 
selten primäre und einzige Erscheinungen desselben sind, 
und dann nur auf Grund ganz bestimmter ursächlicher 
Momente. 

Der Simulant übertreibt dabei, wird theatralisch und 
ostensibel in seinem Delirium. Seinem Wahnsinn fehlt die 
Methode, sein tolles Umherspringen wird zur Farce und 
seinem stumpfsinnigen Gebahren wird von seiner Miene 
und^ Haltung ein Dementi gegeben, denn die pathologische 
Uebereinstimmung des äussern Menschen mit dem innern 
Bewusstseinsinhalt, wie sie im wirklichen Wahnsinn be- 
steht, rauss nothwendig fehlen, den Parallelismus zwischen 
Fühlen, Vorstellen und Streben kann er nicht erfolgreich 
durchführen, ebensowenig die Consequenz und Persistenz 
gewisser Symptomenreihen. 

Inconsequenz, unmotivirter häufiger Wechsel der Sym- 
ptome, Unfähigkeit die angenommene Rolle einer uner- 
müdlichen Beobachtung gegenüber ununterbrochen durch- 
zuführen, sind deshalb die Klippen, an welchen der Simu- 
lant zunächst und zumeist scheitert. . Meist sind es Ange- 
schuldigte, die zu diesem Mittel ihre Zuflucht nehmen, um 
einer drohenden Strafe^ auszuweichen; in eine Irrenanstalt 

10* 



- 148 — 

zu kommen, wo das Leben angenehmer und die Mittel 
zur Entweichung leichter gegeben sind, als im Zuchthaus. 

Seltenere Motive sind Entziehung der Wehrpflicht, 
Lösung widerwärtiger Ehen oder eingegangener Vertrkg©* 
Jedenfalls sii\,d es bei der natürlichen Scheu, die das Pub- 
likum vor dem Irresein und den Irrenanstalten hat, immer 
nur ganz mächtige Beweggründe, die einen Geistesgesun- 
den zu einem so verzweifelten Auskunftsmittel drängen, 
ja erfahrene Irrenärzte behaupten sogar, dass Simulation 
meist nur bei schon mehr oder weniger wirklich Geistes- 
gestörten vorkomme. Thatsache ist es jedenfalls, dass 
wirklich Irre, namentlich Hereditarier und Hysteropathi- 
sche zu ihrer Geistesstörung noch Krankheitssymptome zu- 
weilen hinzusimuhren. 

Fast sämmtliche in der Natur vorkommende psychi- 
sche Störungsformen sind schon simulirt worden; am häu- 
figsten, aus den angeführten Gründen, Verrücktheit, Tob- 
sucht und Blödsinn. 

Schwierig ist die Simulation der Melancholie. Die tief 
schmerzliche Verstimmung, die. Gleichgiltigkeit gegen ge- 
wohnte Lebensbeziehungen, gegen Schicksal und Freiheit, 
die Schlaflosigkeit, der physiognomische Ausdruck des 
schmerzlichen Affekts, die der Melancholie eigenthümlichen 
Remissionen und Exacerbationen lassen sich nicht gut 
nachmachen. 

Die Simulation der Tobsucht scheitert an der Unfähig- 
keit, den triebartigen Bewegungsdrang consequent durch- 
zuführen und den Schlaf zu bannen. Dep Simulant muss 
sich zeitweisje etwas Erholung und Ruhe gönnen, wozu er 
die Zeit wählt, in der er sich nicht beobachtet glaubt. In 
seinem Toben und Zerstören zeigt sich immer noch eine 
gewisse Rücksicht. So ist es vorgekommen, dass Simu- 
lanten ihre eignen Kleider schonten und nur das Material 
des Gefängnisses zerstörten. 

Eine consequente Durchführung der neuen krankhaf- 
ten Persönlichkeit des Wahnsinnigen und Verrückten ist 
ebensowenig möglich. Eine aufmerksame Beobachtung 



,;t 






— 149 — 

lüftet die Maske und schaut der alten wirklichen Persön- 
lichkeit ins Gesicht. Der Simulant meint, er müsse hier 
Alles auf den Kopf stellen, er kennt dabei keine Gesetze 
der* Logik und Association der Vorstellungen, während 
doch schliesslich der wirkliche Wahnsinn nur ein logisches 
Denken und Urtheilen nach wahnsinnigen Prämissen dar- 
stellt und die Associationsgesetze des Vorstellens so ziem- 
lich dieselben sind, wie die des gesunden Lebens. So 
heuchelt der Simulant gerne eine falsche Apperception, 
verräth aber gleichzeitig in seiner Antwort, dass er die 
Pointe der Sache,' den Regriff des Gegenstandes wohl er- 
kannt hat. Eine vorgehaltene Kupfermünze hält er z. B. 
nicht für einen Vogel, sondern für ein Silberstück, statt 
auf eine Fragö nach seinem Alter eine ganz sinnlose 
Antwort zu geben, gibt er einfach die Zahl der Jahre 
falsch an. 

Die Simulation des Blödsinns scheitert an der Unmög- 
lichkeit, völlige Aflfektlosigkeit zu heucheln und ihr mimi- 
schen Ausdruck zu verleihen. Der wirklich apathisch 
Blödsinnige verhält sich indifferent gegen alle Lebensin- 
interessen, stumpf gegen Alles, was um ihn her vorgeht, 
während der einen solchen Zustand Simulirende einen 
lauernden Ausdruck in seiner Miene nicht ^u beherrschen 
vermag und durch Handlungen und Gesten sein Verständ- 
niss und Bewusstwerden der Vorgänge um ihn her da und 
dort verräth. 

Keine Präsumtion für oder wider Simulation sollte bei 
der Untersuchung solcher zweifelhafter Fälle gelten, da 
damit theils die nöthige Unpartheilichkeit und Objectivität 
der Beobachtung, theils die Humanität in Frage gestellt 
wird. 

Angesichts der Thatsache, dass auch Geisteskranke 
simuliren, ist zu berücksichtigen, dass mit dem Nachweis 
der Simulation oder dem Geständniss des Simulanten die 
volle Diagnose des vorliegenden Geisteszustandes noch 
nicht erschlossen ist und dennoch Geistesstörung vorhan- 
den sein kann. Die Ermittlung des wahren Sachverhalte 



— 150 — 

in einem Falle zweifelhafter Simulation kann schwierige 
sein, namentlich gegenüber Fällen von sogenanntem here- 
ditärem Irresein, das langsam und latent, vielleicht von 
Kindheit auf sich entwickelte, einen proteusartigen Cha- 
rakter darbietet und demgemäss sich in keine der gewöhn- 
lichen Formen einreihen lässt. Der Unerfahrene SQhliesst 
aus der Nichtcongruenz des Krankheitsbilds mit jenen 
dann leicht auf Simulation, aber auch gerade bei solchen 
Hereditariern kommt neben wirklicher Geistesstörung jene 
vor. Man muss in solchen Fällen einen langem Beobach 
tungszeitraum, einen grössern Verlaufsabschnitt der Krank- 
heit vor sich haben und, streng synthetisch nicht analytisch 
verfahrend, sich nicht durch die Bedeutung eines Einzel- 
symptoms blenden lassen^ nicht disjecta niembra aufgreifen, 
sondern die ganze Persönlichkeit zusammenfassen. 

Die Untersuchung zerfällt in die indirekte, welche 
die ganze frühere Lebens- und Entwicklungsgeschichte mit 
Inbegriff der verbrecherischen Thac und ihrer Umstände, 
des Verhaltens nach derselben, der Umstände des Aus- 
bruchs der fraglichen Seelenstörung umfasst. Verdächtig 
ist es immer, wenn eine fragliche Seelenstörung plötzlich 
und sofort nach der Verhaftung oder Urtheilsverkündigung 
ausbricht, aber, man darf auch nicht vergessen, dass der 
Angeschuldigte unter der erschütternden Wirkung von 
Momenten steht, die ganz gut Irresein erzeugen können. 
Es gibt geistig schwache oder sonstwie eigenthümlich or- 
ganisirte Individuen, bei denen schon die blosse Gefangen- 
schaft rasch die Integrität der Geistesfunktionen stört und 
alsbald nach der Gefangensetzung Irresein ausbricht. 

Für die direkte Untersuchung des Angeschuldigten 
gelten natürlich die allgemeinen diagnostischen Regeln 
der Untersuchung psychisch abnormer Zustände überhaupt. 
Schärfe, Gewandtheit, Unbefangenheit und Zeit der Beob- 
achtung sind hier mehr nöthig als bei irgend einer andern 
diagnostischen Aufgabe. Das Wichtigste ist hier immer, 
dass Aetiologie und Verlauf mit einander stimmen, innere 
Zusammengehörigkeit und gesetzmässige Entwicklung der 



— 151 - 

> 

Einzelsymptorae sich nachweisen lassen, gleichgiltig, ob 
das Krankheitsbild sich dann in ein geläufiges Krankheits- 
schema einreihen lässt. Periodicität gewisser Symptomen- 
reihen ist hiebei von grosser Bedeutung. 

•Vage Klagen über Schwäche im Kopfe, Gedächtniss- 
schwäehe, innere Angst, wenn das sonstige Verhalten ihnen 
nicht entspricht, sind mit Vorsicht aufzunehmen. 

Wichtiger als diese subjectiven Symptome, sind die 
objectiven und somatischen. Man achte auf etwaige Stö- 
rungen der sensiblen und motorischen Sphäre, Pulsanoma- 
lien, Ptyalismus, Störungen der vegetativen Funktionen und 
des Schlafes, vergesse aber nicht, dass das Fehlen soma- 
tischer Störungen Geisteskrankheit nicht ausschliesst. 
Verdächtig ist es immer, wenn der fragliche Simulant sich 
gerne von der Umgebung für krank angesehen weiss, da 
wirklich Geisteskranke, ausgenommen Melancholische, mit 
aller Entschiedenheit dagegen protestiren, wenn man sie 
für krank erklärt. Eine häutige Fiute wirklicher.Simulan- 
ten ist die , dass sie von ihrer incriminirten That keine 
Erinnerung zu haben behaupten und Alles läugneu. Sie 
spielen damit ein gewagtes Spiel, denn die Wissenschaft 
kennt genaa die Zustände, wo temporäre Amnesie wirklich 
vorkommt und den Zeitpunkt, wo im Verlauf der Störung 
Selbstbewusstsein und Erinnerung wiederkehren. Entspricht 
der vom Inkulpaten gebotene Geisteszustand nicht einem 
der erfahrungsgemäss von Amnesie begleiteten, so wird 
die Sache schon misslich für Jenen. Zudem gibt der Si- 
mulant dann leicht nicht compromittirende Umstände und 
Thatsachen zu, die zeitlich mit seiner That coincidirlen, 
oder er weiss nicht, wie weit er den Zeitraum aufgehobe- 
ner Erinnerung ausdehnen soll und thut damit kund, dass 
seine Auinesie erlogen ist. - 

Die nicht seifen vorkommende Anwendung künstlicher 
Mittel, um den fraglichen Simulanten in einen des Willens 
beraubten Zustand zu versetzen ( Chloroformirung), oder 
ihn durch Ekelkuren, Emetica, Douchen, Electricität, Einsper- 
rung zu ekelhaften oder tobenden und gefährlichen Kran- 



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ken zum Geständniss zu briogen oder ihm die Fortsetzung 
der Simulation zu verleiden, ist theils unsicher, theils in- 
human und gefähriich, da wirkliche Geistesstörung vor- 
handen sein oder dadurch hervorgerufen werden kann. 
Dahin gehören unter Anderm fingirte lebensgeföhrltehe 
Angriflfe, B'euerruf im Hause etc., um den Simulanten zu 
überrumpeln, um zu sehen, ob seine Apathie und Stupidi- 
tät Maske oder Wirklichkeit ist. Diese moderne Art der 
Folter ist jedenfalls eines Arztes unwürdig und ein Ar- 
muthszeugniss für sein Wissen und Können.. Ebenso we- 
nig lässt sich der Aether - und Chloroformnarkosfe das 
Wort reden, denn abgesehen davon, dass die Angaben 
eines Menschen, der im Alkohol- oder Chloroformdeliriuni 
ist, keinen forensischen Werth haben können, da sie in 
ein^m abnormen künstlich geschaffenen Zustand gemacht 
werden, ist ein derartiges Verfahren mit dem Geist der 
modernen Gesetzgebung, die keine Erpressung von Ge- 
ständnissen dulden und nur vom freien Willen des Ange- 
klagten ausgehende Geständnisse annehmen kann, unver- 
einbar. Ein erlaubter und guter Kunstgriff ist es dagegen^ 
gegen die Umgebung im Beisein des Simulanten die Be- 
merkung fallen zu lassen, dass am Krankheitsbild die und 
die Symptome fehlen, wodurch der Simulant zuweilen in 
die Falle geht, sie adoptirt und damit als willkürlich er- 
zeugt verräth.